Editorial: Maskulin*identität_en

31. Oktober 2016 - 2016 / Allgemein / Maskulin*identität_en

Wann ist ein Mann ein Mann?

(Herbert Grönemeyer)

Men read books lesen wir auf einer Postkarte an Polens Stand auf der Buchmesse. Alles sei möglich, wenn dein Mann wie ein Mann röche, sagt mir ein Typ „on a horse“ in der Parfümwerbung. Und auch Hornbach weiß offenbar ganz genau, was Männer sich wünschen. Doch was lesen Männer, wie riechen sie und was wünschen sie sich?

Was zur Hölle ist das eigentlich,‘ein Mann’?

In Bezug auf Frauen wurden Fragen wie diese im Verlauf der feministischen Geschichte in vielerlei Hinsicht ausgehandelt. Für das Phänomen ‘Mann’ sieht es da eher mau aus. Obgleich die Frage nach männlicher Identität im Kontext der Gender Studies behandelt wird, gibt es erst seit kurzem einen eigenständigen Studiengang zu Männlichkeitsforschung 1)http://www.zeit.de/2016/34/genderforschung-maennlichkeit-master-usa-michael-kimmel-feminismus. Wenn man nicht der Butlerschen Komplettauflösung der geschlechtlichen Kategorien folgen möchte, ließe sich eins und eins zusammenzählen und sagen: Männlich ist immer das, was weiblich nicht ist – Mann und Frau als oppositionelles System. Wir können uns weder mit dem einen noch mit dem anderen gänzlich anfreunden und haben uns daher entschieden, der Frage eine ganze Artikelserie Raum zu geben, um ihr in verschiedenen Kontexten nachzugehen.

Wie en vogue wir damit sind, beweist ein Blick in die Medien. Man kann kaum mehr ein Magazin aufschlagen, ohne dem Thema Maskulinität zu begegnen. Während sich die SZ noch über das Weinen des modernen Mannes wundert, deklariert die FAZ schon die Krise der Maskulinität. Wie heißt es da so schön: Wo sind die echten Männer? Wenn man Pro7 glauben darf, stehen sie entweder vor dem Spiegel oder liegen in irgendeinem Männer-Beautysalon. Wenn nicht dort, so die ZEIT, bei einem Coach auf der Couch und ohnehin braucht Mann nicht mehr als Führerschein und Fahrzeug.

Die Omnipräsenz der Thematik beweist, dass es in diesem Bereich noch großen Gesprächsbedarf gibt. Was wir mit Hilfe zahlreicher Gastautor_innen zusammengestellt haben, sollen keine universalen Antworten sein, sondern vielmehr Ideen, Konzepte und Anregungen. Die Suche nach Maskulin*identität_en bewegt sich dabei zwischen den verschiedensten kulturellen Feldern: Klaus Kerschensteiner fordert die Aufhebung von Verpackungsgestaltung, die sich an Geschlechterkonstruktionen orientiert. Mit der Manifestation dieser Geschlechterklischees – genauer: mit der medialen Konstruktion von Männlichkeitsbildern – beschäftigt sich Jürgen Gabel und wirft einen kritischen Blick auf die deutsche TV-Landschaft. Dass das, was dort vertreten wird, nicht von ungefähr kommt, wird ersichtlich, wenn Alix Michell dem Einzug des ‘neuen amerikanischen Mannes’ in frühe Popmagazine nachgeht. Das literarische Feld findet seinen Weg mit Jasmina Janoschka in diese Reihe, die sich mit schwuler, polnischer Literatur beschäftigen wird. Für eine musikalische Untermalung sorgt Sebastian Berlich, der untersucht, ob Hip Hop auch ohne Homophobie auskommt.

Philipp Hülemeier unternimmt in seinem Beitrag einen Streifzug durch philosophische und gesellschaftliche Vorstellungen vom Mann*-Sein in der GegenwartTheresa Langwald geht dem Klischee auf den Grund, nachdem „boys don’t cry“ und Männer nicht über Gefühle reden. Ins Wanken geraten Geschlechterrrollen, wenn David Barkausen von seinem Besuch bei TransIdent erzählt, einer Selbsthilfegruppe für Transgenderfragen. Es folgt eine Analyse der Serie Fargo durch Felix Schallenberg und Kilian Hauptmann, die den Fokus auf die achso archaische Vorliebe ‘der Männer’ für ‘das Fleisch’ lenken. Dieses Klischee greift auch Kevin Pottmeier auf, wenn er Tofu als ‘das schwule Fleisch’ auf’s Korn nimmt.

Dominik Bäcker hat sich mit Jan Dünsing, Projektkoordinator für die Bildungsinitiative ‘Feiner Fussball’ über Homo-, Bi- und Transphobie in der so oft als Männerdomäne verstandenen Sportart unterhalten. David Büchler analysiert hingegen die Rolle von Männlichkeit in der Ultra-Kultur.

Michael Pollok beleuchtet aus kultursoziologischer Perspektive die Bedeutung der Emotionsarbeit in neoliberalen Lebenswelten und sieht ‘den Mann’ dort sowohl mit Chancen als auch mit Herausforderungen konfrontiert. Dass unsere Lebenswelt ihre Chancen nicht in gleichem Maße an jedermann vergibt, wird in Ariane Röders Analyse des vorherrschenden Rassismus gegenüber ‘dem muslimischen Mann’ ersichtlich.

David Ginnuttis widmet sich schlussendlich der Repräsentation des Penisschemas im öffentlichen Raum – seien sie auf Wände gesprayt, in Hörsaalbänke geritzt oder in Schulhefte gemalt – und stellt dem phallischen Motiv ein Gedicht an die Seite.

Mit dem Zusammentragen verschiedener Aspekte zielen wir auf ein pluralistisches Verständnis von maskuliner Identität ab und nicht auf eine Definition des ‘Mannes’ schlechthin.

Zur Hölle mit diesem ‘einen Mann’.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die uns Texte und Ideen eingesendet, die unseren Call korrigiert, geteilt und beantwortet sowie uns bei der Umsetzung unterstützt haben.

Jürgen Gabel, Kilian Hauptmann,

Jasmina Janoschka, Theresa Langwald, Alix Michell

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Die Kultur und der Prolet. Ein ungleiches Paar, das verrät schon das grammatikalische Geschlecht. Was noch lange nicht heißt, dass es nicht zusammenpasst. Der Beweis dafür sind wir.
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