Die Unsichtbaren: Homo-, Bi- und Transphobie im Fußball

21. November 2016 - 2016 / Allgemein / Maskulin*identität_en

Ein Interview von Dominik Bäcker

Zur Fußball-Europameisterschaft in diesem Jahr machte die Deutsche Bahn mit einem Werbeclip auf sich aufmerksam: Ein junger Mann fiebert am im Stadion oder über den Laptop und das Radio mit seinem Verein mit. Er reist, natürlich per Zug, der Mannschaft hinterher, um sie anzufeuern. Dabei hat es ihm ein Spieler offenbar besonders angetan. Bei jedem Foul verzieht er beim Zusehen besorgt das Gesicht. Auf dem Weg zu einem Spiel der Mannschaft folgt die Überraschung des Clips: Der Fan wird am Bahnhof von seinem Freund empfangen, dem Fußballspieler seiner Mannschaft. Sie umarmen sich und laufen Hand in Hand den Bahnsteig entlang. Die Deutsche Bahn wirbt hier mit dem Slogan, sie verbände „mehr als nur A und B.“ Der Spot erhält – werbewirksam, viel Aufmerksamkeit: Werbung mit einem homosexuellen Pärchen – und einer ist auch noch Fußballprofi! In der öffentlichen Wahrnehmung scheint das noch immer nicht gewöhnlich zu sein. Daraus lässt sich schließen, dass auch die Ausgrenzung von nicht heterosexuellen Spieler*innen kaum wahrgenommen wird und weiter stattfindet.

Jan Duensing engagiert sich für die Bildungsinitiative „Feiner Fußball“, welche sich gegen Homo-, Bi- und Transphobie im Fußball einsetzt. Er glaubt, dass im Fußball ein „klassisches“, heteronormatives Männlichkeitsbild rezipiert wird. Die Diskriminierung alternativer sexueller Orientierungen ist die Folge dessen.

Jan, im Fußball gibt es große Initiativen, die gegen Diskriminierung arbeiten. Beispielsweise tritt die UEFA in einer Resolution „vereint gegen Rassismus“ auf. Seit 2011 gibt es auch die „Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“, die Bildungsprojekte gegen die Diskriminierung von LSBTTI 1)LSBTTI steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle in Fußballvereinen unterstützen. Der Kampf gegen Homophobie im Fußball scheint aber weniger Beachtung in der Öffentlichkeit zu finden, eher eine Randposition zu haben. Woran könnte das liegen?

Es ist in der Tat leider so, dass der Kampf gegen Homo-, Bi- und Transphobie nicht den Raum einnimmt, den er verdient hätte. Die Errungenschaften der Antirassismusarbeit in den letzten Jahren sind beachtlich, leider lassen sich keine äquivalenten Ergebnisse auf anderen Ebenen erkennen. Gerade die UEFA gibt hier kein gutes Bild ab und bleibt in ihrem Engagement gegen Diskriminierung sehr fokussiert auf das eine Thema. Das ist ohne Frage wichtig, aber nicht isoliert zu betrachten. So werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich hier um ein Feigenblatt handelt, nach dem Motto: „Schaut her, wir tun doch was!“ Das Problem ist, dass viele Funktionär_innen eine aktive Antidiskriminierungsarbeit auch immer noch als Eingeständnis verstehen, dass es ein Problem gibt. Dabei ist es einfach nur ein Signal, dass alle willkommen sind im Sport, mit Ausnahme der Menschenfeinde.

Zu dem Thema wird gerne Thomas Hitzlsperger angeführt. Der hatte sich aber auch nicht als aktiver Spieler geoutet. Würde es einen Unterschied machen, wenn es mehr offen schwule Spieler im Profibereich geben würde? Welchen Effekt hätte das eventuell für Sportvereine, auch im Amateurbereich?

Im Männerbereich des Profifußballs mangelt es an Vorbildern. Es ist aus meiner Sicht wichtig, sich klar zu machen, dass die LSBTTI-Bewegung immer von Vorbildern gelebt hat. Wowereit und Westerwelle in der Politik, Hape Kerkeling und Alfred Biolek im Showgeschäft – das sind Leute, die ein Image geprägt haben, die ein Bild vom Mann-Sein etabliert haben. Im Männerfußball gibt es das nicht. Das führt dazu, dass schwule und bisexuelle Jungs, die Fußball spielen, auch keine alternative Männlichkeit in der Öffentlichkeit, in den Medien, vorgelebt bekommen. Die Homosexualität als Merkmal der Identität wird dadurch unsichtbar im Fußball. Dieser Effekt zeigt sich bis in die unteren Ligen. Das ist enorm schade. Was Thomas Hitzlsperger in seiner Position als ehemaliger Nationalspieler gemacht hat, verdient höchsten Respekt und ist ein toller Anfang, aber es braucht mehr geoutete, auch aktive, Profis. Dass es die nicht gibt, sagt viel über die Strukturen bis in die obersten Ligen des Sports aus.

Du engagierst dich für das Bildungsprojekt „Feiner Fußball“. Welche Ziele hat die Initiative?

Wir bei „Feiner Fußball“ glauben daran, dass es eine Bewegung von der Basis braucht und dass so eine Bewegung nur über Bildung funktioniert. Deswegen bieten wir Workshops in Fußballvereinen in Ostsachsen an. Geschulte Moderator_innen arbeiten mit den Vereinsmitgliedern, mit Spieler_innen, Trainer_innen, Schiedsrichter_innen, Vorständen, Fanbeauftragten, etc. an einem sensiblen Umgang mit nicht-heterosexuellen Lebensweisen und für mehr Akzeptanz in den Vereinen. Die Idee dazu entstand aus meiner eigenen Biografie: Ich habe selbst 13 Jahre aktiv Fußball gespielt, bis in den Aktivenbereich hinein. Später bin ich in die Bildungsarbeit eingestiegen und habe mich für LSBTTI-Rechte engagiert. Es war nur logisch das zusammen zu bringen, zumal der Gerede e.V. in Dresden, unter deren Dach unser Projekt entstanden ist, mit dem Schulaufklärungsprojekt „LiebesLeben“ sehr erfolgreich ist und wir daher auf eine vielfach ausgezeichnete Arbeit aufbauen konnten.

Welche besonderen Herausforderungen begegnen dir bei deiner Arbeit wiederholt?

Ich spreche immer wieder mit Verantwortlichen in Vereinen und die sagen dann oft sinngemäß: „Das ist ein klasse Projekt, aber bei uns ist das kein Thema.“ Ich versuche ihnen dann klar zu machen, dass bei einem durchschnittlichen Verein mit 150 bis 200 Spielern und einer geschätzten Quote von 5-10% aller Männer, die schwul sind, es durchaus ein Thema ist, es aber niemand offen sagt. Genau das wollen wir ändern. Ich glaube, dass keiner der oder die Erste sein will. Da spielt es wieder eine Rolle, dass niemand zugeben will, ein „Problem“ zu haben, anstatt es als normal anzusehen, allen die Möglichkeit zu geben, den Sport zu betreiben, den sie lieben. Davon würden im Übrigen ja auch wieder die Vereine profitieren.

Glaubst du, in Zukunft könnte sich der Fußball zu einem Ort entwickeln, an dem alle Konzepte von Männlichkeit* gleichermaßen akzeptiert werden?

Um Homo-, Bi- und Trans*phobie zu begegnen, braucht es ein breites Bündnis aus Vereinen, Verbänden und Initiativen – wir sehen uns als Teil dessen. Leider kann ich bei den meisten Verbänden und Vereinen derzeit kein besonderes Engagement in dem Bereich erkennen. Es muss einfach ein Bewusstsein dafür entstehen, dass der Fußball heute nur Raum für ein eindimensionales, sehr „klassisches“ Männlichkeitskonzept lässt. Alles andere wird marginalisiert, dazu gehören auch nicht-heterosexuelle Identitäten. Ich begegne zugleich aber auch immer wieder sehr offenen Persönlichkeiten, die den Sport in den nächsten Jahren sicher prägen werden. Das gibt mir Hoffnung und lässt mich von einem Miteinander ohne Diskriminierung träumen.

Jan Duensing

Jan Duensing

Jan Duensing, 24, hat Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft an der TU Dresden studiert. Er ist Mitbegründer der Bildungsinitiative Feiner Fussball und hat selbst 13 Jahre aktiv Fußball gespielt.
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    Dominik Bäcker

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    Dominik Bäcker studiert Lehramt in Münster. Er interessiert sich für Geschichte und Kultur und schreibt deswegen darüber.
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    Comments

    1. […] sich mit Jan Dünsing, Projektkoordinator für die Bildungsinitiative ‘Feiner Fussball’ über Homo-, Bi- und Transphobie in der so oft als Männerdomäne verstandenen Sportart unterhalten. David Büchler analysiert hingegen die Rolle von Männlichkeit in der […]

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