Es tut sich was im Literaturland Westfalen! Das Center for Literature came cross us

11. September 2018 - 2018 / Allgemein / soziotext

Was bekommt man, wenn man einen hippen Berliner Schriftsteller als künstlerischen Leiter in eine alte westfälische Burg setzt? Richtig: viele nachgestellte Plakate eines Portraits der ehemaligen Burgherrin, einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Deutschlands: Annette von Droste-Hülshoff. Zumindest waren die Plakate, welche die Droste-Tage 2018 ankündigten und beteiligte Künstler_innen in Szene setzten, die ersten erkennbaren Spuren des neugegründeten Center for Literature.

Nun, was ist dieses Center for Literature, unter der künstlerischen Leitung von Dr. Jörg Albrecht und beheimatet in der Burg Hülshoff? Eine Institution, die unsere Herzen als Kulturprolet_innen hat höher schlagen lassen! Denn das Center hat es sich auf die Fahne geschrieben, einen „Dialog mit den anderen Künsten, mit der Wissenschaft und mit gesellschaftlichen Diskursen, Gruppen und Projekten“ zu führen, „Literatur als Fest und als Dialog“1)http://www.burg-huelshoff.de/haus/mission zu verstehen. Literatur, ein Fest!

Grenzüberschreitungen

Die Droste-Tage, das erste ‚Fest‘ des Centers, sind nun bereits über zwei Wochen vorbei und wir möchten eine erste Zwischenbilanz ziehen und vergleichen, ob die Erwartungen und Zielsetzungen erfüllt werden konnten. Das diesjährige Motto ‚come cross me‘ ist in Anlehnung an die englische Redensart ‚don’t cross me‘ zu verstehen, hat uns Jörg Albrecht erklärt. Es soll dazu aufrufen, eben jene Komfortzonen, in denen man sich im Alltag niederlässt, abzureißen und streitbare gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Umgesetzt oder nicht umgesetzt, das ist hier die entscheidende Frage, denn eine Miteinbeziehung des Publikums versucht inzwischen fast jede_r Veranstaltende von literarischen Events.

Bemerkenswert war die räumliche Verteilung der Programmpunkte: Die wenigsten fanden in der Burg selbst statt. Während man die Eröffnungsreden im Park unter Bäumen hören konnte und das Theaterstück in den offenen Gebäuden der Vorburg inszeniert wurde, fand die Abschlussparty am Teehäuschen statt und wurde das Poesiefilmscreening in die Burgkapelle gelegt. Allein für die Droste-Lesungen mussten die Besucher_innen in die Räumlichkeiten der Burg selbst. Stets wurde über freie Flächen und portable Campinghocker eine flexible Atmosphäre geschaffen, die gerade bei den Lesungen tatsächlich auch zur Miteinbeziehung der Zuhörenden geführt hat – Mission erfüllt!

Die Grenze von populär- und hochkultureller Veranstaltung wurde schließlich durch die ‚Lesebürger*innen‘ sowie durch die Theaterperformance des Volxtheater der Theaterwerkstatt Bethel durchlässig gemacht. Erstere haben sich parallel zu den drei Autor_innen der Lesungen mit den Texten von Annette von Droste-Hülshoff beschäftigt und sind mit den Profis in einen Austausch getreten. Das Volxtheater hingegen zeichnet sich von vornherein durch einen inklusiven Ansatz aus, der Inklusion nicht als ‚on top‘ zum Regulären, sondern als generell offene Gesellschaft versteht und sein Ensemble daher aus allen Schichten zusammensetzt.

Abbruch und Aufbruch

Der Bruch mit herkömmlichen Literaturlesungsformaten ist erfrischend, ebenso wie das Booking der Jazz-/Punk-/Neue Musik-Band The Dorf anstelle der obligatorischen Kultur-Jazz-Band oder die reißerische Performance eines Schauergedichts inmitten des nächtlichen Gebüschs mit viel Nebel. Der Mix der verschiedensten Medienformen, das Verständnis von Literatur als Teil der Gesellschaft und folglich die Diskurserweiterung nach außen sind Aspekte, die nicht nur mit dem Alten brechen, sondern diesem gleichzeitig ein neues Konzept bestehend aus Vielfalt und Inklusion entgegenstellen.

Mit dem Ende September stattfindenden Literaturvolksfests ‚Schaustellen!‘ ist die nächste vielversprechende Veranstaltung schon in Sichtweite und soll den nahenden Umbau der Burg und des umliegenden Geländes ab 2019 thematisch in den Fokus rücken. Wir wissen auch hier noch nicht genau, was wir von einer Performance mit aufblasbarem Presslufthammer, einer Catwalk’n’Roll-Performance zu einem Text von Elfriede Jelinek oder dem Literatur-Karaoke-Taxi erwarten sollen, freuen uns aber über den frischen literarischen Wind, der nicht nur durch die Burg weht, sondern – eine zuversichtliche Prognose gewagt – bis weit in die Region reichen wird.

Wir freuen uns, dass wir als Medienpartner für das Literaturfestival ‚Schaustellen!‘ Ende September von dem Center for Literature ausgewählt wurden. Ähnlich wie bei dem internationalen poesiefestival in Berlin oder dem Messebesuch der art&antik in Münster trüben diese Zusammenarbeiten nicht unser Urteilsvermögen – viel eher sind wir noch selbstkritischer mit unseren Eindrücken und dem daraus resultierenden Lob oder der Kritik.

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
Jürgen Gabel

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    Comments

    1. […] Einbindung in die Gesellschaft zu sanieren. Schaustellen! versuchte daher (wie bereits während der Droste-Tage im August) ausgetretene Pfade zu verlassen und durch Konzept und Ausführung neuen Wind durch neue Formate […]

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