Das Politische der Literatur

16. September 2017 - 2017 / Allgemein / soziotext / texttext

Die Bundestagswahl naht und eine Frage, die ich mir immer wieder unverändert stelle, tauchte erneut in meinem Kopf auf: Was ist eigentlich der realgesellschaftliche Impact dessen, was ich mit meinem Leben anstelle? Mit anderen Worten: Was gebe ich der Gesellschaft durch meine Beschäftigung mit Literatur und Kultur? Diese Frage beschäftigt mich nicht erst seitdem ich mich dazu entschieden habe in Münster ‚Kulturpoetik der Literatur und Medien‘ zu studieren (einem Studienfach unter dem sich meine Eltern bis heute nicht wirklich etwas vorstellen können). Nein, bereits im (zumindest zur Hälfte) wirtschaftswissenschaftlichen Bachelor und in der Auseinandersetzung mit Berufsmöglichkeiten und –vorstellungen nach dem Abitur war dies eine Frage, die stetig in meinem Kopf widerhallte. Der Wunsch, etwas zu bewirken, etwas verändern zu können und eine Rolle zu spielen in dieser beängstigend großen Welt, war damals wie heute (naiverweise?!) sehr stark in mir vertreten. Nur, dass ich nicht wusste, wie ich das anstellen sollte.

Unter allen Wissenschaften wird gerade der Literaturwissenschaft oft nachgesagt, dass sie kaum gesellschaftliche Relevanz hat und einer Existenz im Elfenbeinturm gleicht: schön und erhaben, aber gleichzeitig unnahbar und einsam ist es dort oben. Nun gab es für mich (und das obwohl ich mich vor allem mit der unzugänglichsten Gattung: der Lyrik beschäftige) dennoch immer wieder erhellende Momente, die mir gezeigt haben, dass diese Meinung nicht zutreffend ist, dass Literatur und Kultur in ein gesellschaftliches Umfeld eingebettet sind und die Beschäftigung mit beiden Feldern sehr wohl eine Relevanz für umliegende Bereiche, aber auch die gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit hat. Ob nur ich Lyrik als Mittel gegen den allseits wahrnehmbaren Rechtsruck verstehe und es interessant finde, nach neuen Formen des Politischen in der Literatur (meiner Masterarbeit) zu suchen, weiß ich nicht. Umso schöner ist dann die Bestätigung der gesellschaftlichen und gerade politischen Relevanz von Literatur auf einem Event wie dem internationalen literaturfestival berlin.

Klare politische Statements …

Bereits die Eröffnung des Festivals durch Elif Shafak stellte unweigerlich den potenziell politischen Gehalt des schriftstellerischen Schaffens dar. Die preisgekrönte und international gefeierte türkisch-britische Schriftstellerin ist in ihrem Land wegen Verunglimpfung des Türkentums in ihren Romanen angeklagt und plädierte in ihrer Eröffnungsrede für ein stärkeres Wahrnehmen der emotionalen Verfasstheit der Gesellschaft. Indem man darauf eingehe, was die Menschen besorgt, verärgert oder verunsichere, könne man den Glauben der Bevölkerung in die Demokratie wieder herstellen, so Shafak. „Democracy turned out to be much more fragile than we thought.“ Die Rolle der Literatur sei dabei nicht nur, wie Doris Lessing wohl sagte, eine Analyse der Ereignisse nach ihrem Auftreten, sondern habe auch die Aufgabe, während ihres Aufkommens auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren.

Ähnlich bekannt und noch offensiver gab sich Laurie Penny, die britische Essayistin und Journalsitin, welche sich schon mit Fleischmarkt und Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution in Deutschland einen Namen gemacht hatte und nun ihr neues Buch vorstellte. Sehr unterhaltsam und zugleich höchst kritisch könnte man ihren Textauszug, der dem Publikum vorgestellt wurde, wohl nennen, der vor allem ihre Position als Feministin in Zeiten des Erstarkens der White Supremacy, Anti-LGBTIQ Bewegungen und heteronormativer Ansichten im Allgemeinen analysiert und reflektiert.

…und unbekanntere Formen der literarischen politischen Einflussnahme

Neben diesen prominenten Plädoyers für die politische Macht des literarischen Schaffens habe ich bereits in meinem Bericht über die Lyriklesungen des Festivals auf die starke Präsenz politischer Texte und engagierter Dichter_innen aufmerksam gemacht. Dass politische Texte so breit vertreten waren, liegt sicherlich zum einen an der Organisation des Festivals durch die Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik sowie zum anderen an einer global steigenden Wahrnehmung politischer Diskurse und Fragestellungen im letzten Jahr, die sich eben auch auf das literarische Schaffen ausgewirkt hat. Sicherlich nicht so direkt wie die Texte von Shafak oder Penny, dennoch nicht minder aktuell und relevant stellt die lyrische Produktion oft ein zu wenig beachtetes Feld gesellschaftskritischer Aussagen und Diskursbildung dar.

Dass nicht nur Sprache die Möglichkeit zum direkten Ansprechen von politischen Problemen gibt und Lyrik nur eine von vielen Formen ist, um zum Nachdenken darüber anzuregen, hat am Graphic Novel Day auch Amruta Patil deutlich gemacht, die mit ihrer Graphic Novel Sauptik: Blood and Flowers Schönheit als Mittel des Widerstands erfasst hat. Auf meine Nachfrage, was für Sie den besonderen Vorteil des Mediums Graphic Novel zum Kommunizieren politischer Inhalte ausmache, erklärte Sie, dass vor allem seine „seductive manner“ sie begeistere. Nachdem sich in dem Format sowohl Text wie auch Bild zusammenfügten, gelänge es der Graphic Novel eine breitere Auswahl an „entry-points“ für Rezipierende bereitzustellen und in seiner Janusköpfigkeit über die spielerischen Bilder wie auch den dichten Text ein ansprechendes Zusammenspiel zu entfalten.

Literatur macht Politik sichtbar und erfahrbar

Natürlich war auch das Thema Asyl, Migration und Heimat wieder stark vertreten und neben den zahlreichen Romanen, die den Komplex behandelten auch über die Form des Comic Journalism, der in Deutschland erst im Kommen scheint, repräsentiert. Das Projekt Alphabet des Ankommens zeigt schön, wie vielfältige Formen die literarisch/künstlerische Beschäftigung mit der Gesellschaft annehmen kann. Auch der Film zur Verlesung der Menschenrechtscharta zur Eröffnung des Festivals ist ein gelungenes Beispiel für die potenziell subversive Rolle der Medien. Am Rande (da ich an keiner der Veranstaltungen dazu teilgenommen habe) soll auch der Kongress für Demokratie und Freiheit mit 120 Gästen und 30 Gesprächsrunden erwähnt werden, der sich den wichtigsten politischen Themen gestellt hat und als Dialog zwischen dem Publikum und herausragender Intellektueller angelegt war.

Jacques Rancière hat in seinem Werk Politik der Literatur schlüssig argumentiert, dass alle Literatur in die Aufteilung des Sinnlichen eingreift und folglich in dem Sinne politisch ist, wie sie unsere Welt in Sichtbares und Unsichtbares, in Sprache und Lärm einteilt. Das internationale literaturfestival berlin, das nun schon zum 17. Mal stattfindet, hat die Macht der Literatur, politisch zu sein, in all ihrer Vielfalt auf der öffentlichen Bühne der Hauptstadt und vor meinen Augen vergegenwärtigt. Die Hoffnung, dass meine Auseinandersetzung mit Kultur und Literatur also eine gesellschaftliche wie politische Relevanz hat, bleibt nach wie vor bestehen.

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
Jürgen Gabel

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