Nachgefragt: Was ist Poesie?

13. September 2017 - 2017 / Allgemein / texttext

Im Rahmen des 17. internationalen literaturfestival berlin kam am Rande auch die Sparte Lyrik zu Wort. An zwei Abenden konnten sich Interessierte von sechs bzw. am zweiten Abend von fünf Lyriker_innen in ihre jeweils speziellen Wort- und Bildwelten entführen lassen. Die Vortragenden kamen aus der ganzen Welt und es wurde (neben der deutschen Übersetzung) der Auszug ihrer Werke auch immer in der Originalsprache ihrer Erscheinung vorgetragen.

Politische Lyrik in der Überzahl

Gerade am zweiten Abend, der von Boris Chersonskij (Ukraike), Ryszard Krynicki (Polen), Sadaf Saaz (Bangladesch), Habib Tengour (Algerien) und Omar Musa (Australien) bestritten wurde, lag ein deutlicher Schwerpunkt auf politischer oder zumindest engagierter Lyrik. Spannend zu beobachten waren die unterschiedlichen Wirkungen, welche die Werkauszüge der individuellen Poet_innen auf das Publikum hatten. So brach gerade bei der literarisch wie gesellschaftlich engagierten Sadaf Saaz immer wieder zustimmender oder bewundernder Zwischenapplaus los, sicherlich von der verbreiteteren Sprachkenntnis der englischer Sprache des Publikums sowie den stark rhythmisierten und mitreißenden Versen unterstützt. Ihr Text über den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 und das Lob des Zusammenhalts der Bevölkerung blieb besonders nachdrücklich in Erinnerung. Ähnlich ‚stimmungsvoll‘ war noch die Lesung von Omar Musa, der noch viel prominenter rhythmische Stilelemente aus dem Hip Hop in seine Texte einbaut und die Probleme der multikulturellen Gesellschaft sowie stereotypen Männlichkeitsbilder thematisierte.

Tengour, Krynicki und Chersonskij traten ruhiger auf und schienen mit der Erfahrung als Poeten außerdem eine weitere, sprachkritische Ebene in ihren Texten gefunden zu haben. „Wenn der Clown an die Macht kommt, hört er nicht auf komisch zu sein, aber wem ist dann noch nach Lachen?“, fragt beispielsweise Ryszard Krynicki und unweigerlich muss man an Donald Trump denken. Und auch mit dem Satz des Ukrainers Boris Chersonskij „Ich ginge voran, wenn ich wüsste wohin. Ich ginge zurück, wäre es erlaubt.“ scheint es gelungen zu sein, die momentane (politische) Situation der Ukraine prägnant einzufangen.

Traum, Sprache und Wirklichkeit

„Poesie ist Traum und Sprache. Traum, Sprache und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit wird verwandelt in die Poesie und das heißt die Wirklichkeit wird erträglicher.“, so eine Zuschauerin der ersten Poetry Night, auf meine Frage hin, was für Sie Poesie sei. Die (politische) Wirklichkeit wurde bei beiden Veranstaltungen ohne Frage in den Vordergrund gestellt. Bei der ersten Poetry Night rezitierten Tomas Venclova (Litauen), Jeffrey Yang (USA), Jakob Ziguras (Polen/Australien), Nico Bleutge (Deutschland), Angelina Polonskaja (Russland) und Armin Senser (Schweiz) und wieder war es die engagierte und zurzeit im deutschen Exil lebende politische Lyrikerin Polonskaja, die das Publikum am meisten begeisterte. Vielleicht war es aber auch hier weniger die Raffinesse der Lyrik (ohne ihr diese absprechen zu wollen), sondern vor allem die Empathie des Publikums mit dieser starken Frau, die sehr eindrucksvoll mit erhobenem Kopf und stolzem, ja fast trotzigem Ton in ihrer Muttersprache die Gedichte vortrug. Mit originellen Bildern wie „meine Syntax verlässt die Fugen“ oder „in deiner Sprache bin ich nichts als eine Welle“ kommen aber auch die sprachlichen Qualitäten der Gedichte Polonskajas zur Geltung und es wird klar, wie wichtig dieser Aspekt für das Träumerische der Dichtung ist. Eine Verschiebung der Wahrnehmung, welche in den poetischen Metaphern Venclovas, in den naturwissenschaftlichen Beobachtungen Yangs oder in Vergleichen Bleutges (wie etwa: „der Himmel: nach oben geträumte Tiefe“) stattfinden, lassen Lyrik eben als Verhandlung von Wirklichkeit und Traum durch Sprache erscheinen – und das ist deutlich geworden in den beiden Abendveranstaltungen.

Poesie im Elfenbeinturm

Zwei Kleinigkeiten möchte ich jedoch an der Lyrik-Reihe bemängeln: Trotz Silke Behl, die jede_n einzelne_n Poeten_in phantastisch anmoderiert hat, kam es zeitbedingt und/oder bewusst nie zu einem Austausch unter den einzelnen Lyriker_innen, geschweige denn wurde dazu aufgerufen, in einen Austausch mit dem Publikum zu treten. Gerade die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Poetiken und Schaffensweisen aus der ganzen Welt ist jedoch das, was auch das Verständnis der Lyrik vorantreibt und der Mehrwert einer Lesung (neben der Performance der Texte) sein sollte oder zumindest könnte.

Hinzu kommt eine gewisse Intransparenz von Seiten der Programmgestaltung, welche das ‚für sich-Sein‘ der Autor_innen noch verstärkte. In den Anmoderationen wurde zwar zum einzelnen Schreibenden hingeführt, jedoch kein Zusammenhang zwischen den Poet_innen geschaffen. Dass sich thematisch viel um politische Lyrik drehte, habe ich erwähnt. Ob dies aber ein Schwerpunkt der diesjährigen Reihe war, wieso von den elf Lesenden nur zwei Frauen waren und nach welchen Kriterien die scheinbar wahllos und nach Gusto zusammengestellten Runden ausgewählt wurden, konnte man noch nicht einmal erahnen.

Ein Hoch auf die Vielfalt

Dass der Schwerpunkt des Festivals auf Prosa liegt und Lyrik nur am Rande vorkommt ist absolut verständlich, da es gerade für Lyrik auch eigene Festivals gibt, an denen internationale Poet_innen zusammenkommen (nur beispielhaft sei das Münsteraner Lyrikertreffen genannt, über das wir berichteten). Dennoch hat man sich dazu entschieden, Lyrik an zwei Abenden einen Platz zu geben, was ich sehr begrüße und beide Abende auch als bereichernde und unterhaltsame Veranstaltungen erfahren habe. Poesie ist und bleibt vor allem vielfältig und gerade das wurde auf dem internationalen literaturfestival berlin wieder einmal gezeigt.

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
Jürgen Gabel

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