„Wir sind keine Barbaren“, oder doch? – Teil III: Das Weltbild der Figuren – Grenzen und Grenzüberschreitungen

22. September 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext / soziotext

„Menschen haben ein Bedürfnis nach klaren Einteilungen und Abgrenzungen.“

– Anna-Lena Wenzel, Kunsttheoretikerin –

Wir Sind Keine Barbaren! endet mit einem Mord. Bis es dazu kommen konnte, mussten zunächst eine oder mehrere Grenzen überschritten werden. Eine rein physikalische Betrachtung sieht Grenzen untrennbar mit Räumen verbunden.[1] Ein Raum ist begrenzt und Grenzen sind ohne Räume nicht vorstellbar. Gleiches gilt für nicht sichtbare Räume und Grenzen:

„Die allerallgemeinsten sozialen, religiösen, politischen, ethischen Modelle der Welt, mit deren Hilfe der Mensch auf verschiedenen Etappen seiner Geistesgeschichte den Sinn des ihn umgebenden Lebens deutet, sind stets mit räumlichen Charakteristiken ausgestattet […].“[2]

Ein Merkmal für Grenzen sind Oppositionspaare. So grenzt sich beispielsweise innen von außen ab; das Nahe von dem Fernen; oben von unten. Nicht nur in Texten sind diese Oppositionspaare häufig mit Bedeutung aufgeladen, sondern auch in von Konventionen, Traditionen, Normen und Regeln geprägten Weltbildern.

Eines der wichtigsten Oppositionspaare, das zu einer Weltmodellbildung des Menschen beiträgt und das für diesen Beitrag zentral ist, ist „die Identifikation des Nahen mit dem Verständlichen, Eigenen, Vertrauten und des Fernen mit dem Unverständlichen, Fremden“.[3] Auch in Löhles Drama lassen sich solche Oppositionspaare ausfindig machen.

 

1. Wir können doch nichts dafür, dass es uns gut geht!
Die Oppositionen nah – fern und oben – unten

Das topologische Oppositionspaar nah – fern ist ein zentraler Aspekt für diese Arbeit. Es wird mit Bedeutung versehen, d.h. semantisch aufgeladen, und zwar mit Begriffen wie „verständlich, eigen, vertraut“ (nah, hier) versus „unverständlich, fremd“ (fern, dort). Die Figuren bei Löhle – Bobo/Klint ausgenommen – haben ein sich zu großen Teilen an der Horizontalen (nah – fern, hier – dort) orientierendes Weltbild.[4] Hier wird gleichgesetzt mit Wohlstand, dort mit Armut und Ausbeutung; hier mit einem guten Leben, dort mit einem Leben, aus dem man flüchten möchte. Gleichzeitig ist diese horizontale Darstellung in eine vertikale umdeutbar, wenn man davon ausgeht, dass das Positive (z.B. Wohlstand, Reichtum) topologisch traditionell oben angesiedelt ist, das Negative (z.B. Armut) hingegen unten. So wird z.B. in verschiedenen Diskursen auch von der unteren Schicht der Bevölkerung und der Schicht der oberen Reichen gesprochen. Auch das Denken und Handeln der Figuren in Wir Sind Keine Barbaren! wird durch die topologische Ordnung oben – unten bestimmt, die entsprechend semantisch aufgeladen ist. So äußert beispielsweise Linda die Worte: „[…] dass es mir gut geht und ihm [Bobo/Klint] schlecht, verpflichtet mich doch zu nichts. […] Soll ich mich für alles Elend der Welt verantwortlich fühlen? […] Nur weil es mir gut geht?“[5]

In diesem Weltmodell gilt für die Menschen unten: Der Ausweg ist der Weg nach oben. Für die Menschen oben gilt es – in dem Weltmodell der Figuren, die in Löhles Drama dargestellt werden – sich von den Menschen unten abzugrenzen, aus Angst, ihren Wohlstand mit zu vielen teilen zu müssen.

 

2. Mein Land, dein Land?
Die Opposition innen – außen

Eine topologische und topografische Grenze zeigt sich in dem Begriffspaar innen – außen, das weiterhin das Weltbild der Figuren bestimmt. Das Innere der Wohnung, die privaten vier Wände der Hauptfiguren, steht der äußeren Welt gegenüber, insbesondere dem Fremden in dieser äußeren Welt, verkörpert von Bobo/Klint. Eine semantische Aufladung erfahren diese gegensätzlichen Seiten, indem die Wohnung als Schutzraum angesehen wird. Sie bietet Geborgenheit und ist den Figuren vertraut, hier fühlen sie sich wohl. Die Außenwelt hingegen birgt Gefahren, sie kann ein unsicherer Ort sein, der für sie Bedrohungen verschiedenster Art parat hält. Wenn nun wie in Wir Sind Keine Barbaren! ein Element dieser fremden Außenwelt, die Grenze zum sicheren Wohnraum betritt, so bringt dies für die Figuren ein Gefühl von Unsicherheit mit sich. Ein Teil des Schutzes scheint durchbrochen zu sein, aufgrunddessen die Bewohner Unwohlsein und Unbehagen äußern.[6]

Eine weitere Lesart bietet sich in diesem Fall an, und zwar eine metaphorische: Der in sich abgeschlossene Wohnraum – sowohl von Barbara und Mario als auch von Linda und Paul – kann als Allegorie für Europa bzw. die Eurozone gelesen werden. Zunächst musste der Flüchtende (Bobo/Klint) die Außengrenze Europas überwinden. Mögliche Hindernisse hierbei wären zum Beispiel das Mittelmeer, Passkontrollen, Frontex, usw. Danach galt es, die innereuropäischen Landesgrenzen zu überschreiten. Dabei können die benachbarten Parteien „Mario, Barbara“ und „Linda, Paul“ als Personifikationen europäischer Nachbarländer gelesen werden. Eines dieser Länder weist den Flüchtenden an seiner Türschwelle, also an seiner Grenze, ab („Linda, Paul“). Das andere Land nimmt ihn auf und versucht, ihn zu integrieren („Mario, Barbara“).[7] Lange Zeit stand Europa für grenzenlose Mobilität, für uneingeschränkte Reisefreiheit. Doch seit immer mehr Menschen vor Krieg und Leid in ihren eigenen Ländern in die EU flüchten, kann beobachtet werden, dass plötzlich wieder Grenzen errichtet werden. Zum einen werden die südlichen europäischen Außengrenzen wieder militärisch bewacht (Frontex), zum anderen errichten innereuropäische Länder, insbesondere auf der sogenannten Balkanroute, Zäune an ihren Landesgrenzen und lassen auch diese militärisch bewachen. „Deutlich wird somit die Dialektik von Grenzen und Grenzüberschreitungen: Werden Grenzen einerseits überwunden und überschritten, werden andererseits permanent neue Grenzen errichtet.“[8] Die Kunsttheoretikerin Anna-Lena Wenzel schreibt, dass Menschen ein Bedürfnis nach klaren Einteilungen und Abgrenzungen hätten. Dies gelte nicht nur für die räumliche Ebene, sondern ebenso für die gesellschaftliche.[9] In Wir sind keine Barbaren! stellt es sich so dar, dass Paul innerhalb seiner Wohnung – also innerhalb eines bereits abgegrenzten Raumes – einen Bunker baut, eine neue Grenze, nachdem die alte nun durchlässig und unsicher zu sein scheint.[10]

Weitere Textstellen, die für eine metaphorische Lesart sprechen könnten und in der die Bewohner explizit von Grenzen sprechen, sind zum Beispiel: „So eine Wohnung ist doch eine sensible Zone.“[11] und „[…] wenn ihr was Gutes tun wollt, das ist ehrenwert […], aber es gibt da eine Grenze, einen  schmalen Grat, da kehrt sich der gute Wille in Gutmütigkeit um. Da kippt das Ganze. Man darf sich ja auch nicht ausnutzen lassen.“[12] Diese Grenze ist vor allem eine mentale und soziale: Für den Sprecher, Paul, ist sie dadurch überschritten, dass die Nachbarn Barbara und Mario den Fremden dauerhaft bei sich aufgenommen haben. Auf topografischer Ebene, ist die Grenze bereits mit dem Übertreten der Türschwelle zur Wohnung von Barbara und Mario durch Bobo/Klint überschritten: Ein Ereignis geschieht, der Text wird sujethaltig. Es findet eine Grenzüberschreitung nach Lotman statt.

 

3. Du sprichst nicht meine Sprache also verstehe ich dich nicht.
Die Opposition eigen – fremd

Eine der wichtigsten Oppositionen, um das Weltbild der Figuren in Löhles Drama zu erklären, ist das Begriffspaar eigen – fremd. Aus der Perspektive der vier Hauptfiguren ist Bobo/Klint nicht von hier, er ist fremd: Seine Hautfarbe unterscheidet sich von der der Figuren;[13] er spricht nicht ihre Muttersprache, sondern seine eigene, die wiederum für die Figuren eine fremde Sprache ist. Durch die visuelle und akustische Unterscheidung findet automatisch eine soziale, kulturelle und gesellschaftliche Unterscheidung statt. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder spricht in diesem Zusammenhang außerdem davon, „dass jede Unterscheidung ein Ein- und Ausgrenzungsakt ist, der manifeste und latente politische Dimensionen hat.“[14] Insbesondere die Beherrschung unterschiedlicher Muttersprachen und das Nicht-Verstehen der Sprache der/des anderen führt dazu, dass auch auf sprachlicher Ebene eine Grenze entsteht. Sie erschwert einen Austausch, der wiederum nur durch Anstrengung auf beiden Seiten überwunden werden kann, was in Löhles Stück allerdings nicht angestrebt zu sein scheint. Dargestellt wird dies, indem die Hauptfiguren auf der Bühne permanent zu Wort kommen, Bobo/Klint jedoch nicht einmal physisch die Bühne betritt. Absichtliche Parallelen zur tatsächlichen Flüchtendensituation in Deutschland? Vermutlich.

 

4. Miteinander reden, nicht übereinander.
Die Opposition anwesend – abwesend

Die Begriffe Anwesenheit – Abwesenheit bilden eine weitere Opposition. Während die vier Nachbarn permanent auf der Bühne präsent sind, ist „der Fremde“ weder zu sehen, noch zu hören. Das hat zur Folge, dass nur über ihn, nie aber mit ihm gesprochen wird.[15] Es findet kein Austausch und somit auch kein Abbau von Grenzen statt: „Da sind WIR / Und da sind die Andern / WIR passen nicht zusammen / WIR sind anders als die Andern / WIR sprechen anders als die Andern / WIR denken anders als die Andern / WIR sehen anders aus als die Andern […]“[16], so das Credo des Heimatchors, der in Wir sind keine Barbaren! als Gruppe auftritt und die Gesellschaft und deren Weltbild innerhalb des Dramas repräsentiert.

 

26.9. Teil IV: Die Grenz(über)gänger

 

[1] Vgl. H. Krah: Räume, Grenzen, Grenzüberschreitungen. In: A. Eschbach; E. W.B. Hess-Lüttich; J. Trabant (Hrsg.): Kodikas/Code. Ars Semeiotica. An International Journal of Semiotics. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1999, S. 3.

[2] J. M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte. Wilhelm Fink Verlag, München 1993, S. 313.

[3] Ebd., S. 313.

[4] Vgl. ebd., S. 314.

[5] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 31.

[6] Vgl. ebd., S. 35, S. 38.

[7] Vgl. ebd., S. 40: Bobo/Klint soll die neue Sprache sowie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.

[8] A.-L. Wenzel: Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst. Ästhetische und philosophische Positionen. transcript Verlag, Bielefeld 2011, S.10.

[9] Vgl. ebd., S.10.

[10] Vgl. Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 44 ff.

[11] Ebd., S. 24.

[12] Ebd., S. 24 f.

[13] Anhand stichprobenartiger Betrachtungen verschiedener Inszenierungen von Wir sind keine Barbaren! kann ausgemacht werden, dass die Figuren im deutschsprachigen Raum meist durch Schauspieler_innen mit weißer Hautfarbe besetzt werden. Mögliche Aufführungen in anderen Ländern oder Kulturkreisen hätten vermutlich entsprechende Umdeutungen zur Folge.   

[14] F. Schmieder: Kommunikation. In: L. Koch (Hg.): Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart 2013, S. 197-205, S. 201.

[15] Eine Ausnahme bilden Barbara und deren Schwester Anna, worauf aber später noch genauer eingegangen wird.

[16] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 39.

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

› tags: Angst / Besorgte Bürger_innen / Drama / Europa / Flüchtendensituation / Flüchtlingskrise / fremd / Fremdenangst / Gegenwartstheater / Grenzen / Identität / Kultur / Migration / Philipp Löhle / Rassismus / Theater / Wir sind keine Barbaren! /

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