„Wir sind keine Barbaren“, oder doch? – Teil II: Kaputte Beziehung, Eifersucht, Aggressionen – die Ängste der Figuren

19. September 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext / soziotext

Der Gegenstand Angst lässt sich schwer darstellen, die Reaktion von Figuren auf diesen Gegenstand hingegen schon. In Wir sind keine Barbaren! wurde hierfür auf der einen Seite eine fiktionale Diskursivierung von Angst über die vier Hauptfiguren Mario, Barbara,[1] Linda und Paul gewählt und auf der anderen Seite über eine Leerstelle, nämlich Bobo/Klint, der – fast einem Gespenst gleich – nie physisch anwesend ist.

 

 

1. Der Heimatchor: Die Gesellschaft gibt das Denken und Handeln vor

Laut Regieanweisung tritt der Heimatchor als geschlossene Gruppe auf. Zum Beginn einer jeden Inszenierung hat er unter anderem die Aufgabe, die Nationalhymne des Landes zu singen, in dem die Aufführung stattfindet. Er steht für eine Nation und bildet ihre Gesellschaft ab. Die Hauptfiguren des Stücks wiederum stehen repräsentativ für den Heimatchor, weshalb sich ihr Denken und ihre Ängste überschneiden.

Im 13. Akt, der überschrieben ist mit Cape Fear, trägt der Heimatchor eine Bandbreite von Ängsten vor, die die Gesellschaft mehr oder weniger betreffen. Es sind dabei sowohl ernstzunehmende, existenzbedrohende Ängste formuliert wie „[d]ie Angst gekündigt zu werden / Die Angst körperlich zu verfallen (vor der Zeit) / Die Angst vorm Zahnarztbohrergeräusch / […] Die Angst vor Geschlechtskrankheiten / Die Angst von einer Kamera überwacht zu werden / […] Die Angst nicht gut genug zu sein“, als auch banale, oberflächliche Ängste wie „[d]ie Angst einen Popel an der eigenen Nase nicht zu bemerken / Die Angst unsere Mailboxansage könnte zu lustig sein / […] Die Angst vor Achselschweißflecken / […] Die Angst die Hundescheiße in der Handtasche zu vergessen“. Der Chor fungiert wie eine Art Diskurs der Gesellschaft und gibt dadurch Normen, Werte und Regeln vor. Die Figuren in Wir sind keine Barbaren! orientieren sich daran und richten ihr Denken und Handeln danach. Implizit legt somit der Heimatchor fest, wo sowohl die räumlichen, als auch die sozialen, kulturellen, mentalen usw. Grenzen liegen und was in ihrem Weltbild eine Grenzüberschreitung bedeutet.

 

2. Mario: Die Beziehung ist kaputt, Eifersucht und Verlustängste entstehen

Mario wohnt gemeinsam mit seiner Partnerin Barbara in einer Wohnung. Die Beziehung zwischen den beiden scheint schon seit längerem nicht mehr gut zu laufen. Unausgesprochene Missverständnisse bestimmen ihr Miteinander. Mit dem Eintritt von Bobo/Klint in ihre Wohnung und damit in ihr Leben, bemerkt Mario, dass Barbara sich ihm entziehen und entfliehen will: „Ich habe das Gefühl, seit er da ist, haben Barbara und ich kaum noch Zeit füreinander. Ich glaube, dass sie sich da ein bisschen reinsteigert. Sie verbringt unheimlich viel Zeit mit ihm. Sie redet nur noch von ihm, was er macht, was er sagt, wie er sich entwickelt, wie er aussieht, wie er …“.[2] Erst durch Bobo/Klint erkennt Mario, dass seine Beziehung mit Barbara bereits kaputt ist. Er versucht noch, sie zu retten, doch da ist es schon zu spät.
Mario hat Angst, Barbara zu verlieren und damit das gemeinsame Leben, das sie sich aufgebaut haben. Doch genau dieser Fall tritt ein, Barbara hat schon längst eine Schwärmerei für Bobo/Klint entwickelt: „Ist er nicht beeindruckend? Ist er nicht toll?“[3] Er sei „so süß“[4], wenn er sich beim Lernen anstrengt, er könne so gut singen,[5] sein Teint sei „viel schöner als unser Weiß. Und seine Augen. […] wie ein Gletschersee bei Nacht. Tief. Geheimnisvoll. Unergründlich.“[6]

 

 3. Linda: Ich bin keine Rassistin, aber …

In den Äußerungen Lindas manifestiert sich am deutlichsten ein Rassismus, den man im aktuellen Diskurs wohl auch den sogenannten „besorgten Bürgern“ zuschreiben würde. Linda hat Angst vor dem Unbekannten und insbesondere vor einem imaginierten Feindbild: Ausländer oder Migranten sind bei ihr automatisch illegal und gefährlich: „Linda: […] Verdammt noch mal! Ein Illegaler. / Barbara: Und das macht ihn zu einem Menschen zweiter Klasse, oder was? / Linda: Nein, aber gefährlich. […]“[7] Darüber hinaus äußert sie ihr Unwohlsein und Unbehagen darüber, sich in ihrem eigenen Land, in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher zu fühlen: „Und ganz ehrlich, und das ist nicht irgendwie rassistisch gemeint, aber wenn ich weiß, dass da ein Fremder bei euch ist, dann fühle ich mich … unwohl.“[8]

 

4. Paul: Angst vor Aggressionen und dem Erobert-Werden

Die Figur Paul hat andere Ängste: und zwar vor Aggressionen und der Eroberung durch andere. Er fühlt sich bedroht. Insbesondere fürchtet er, dass Europa seine Vormachtstellung und Überlegenheit gegenüber Afrika verlieren könne. Seine Ängste beziehen sich auf eine wirtschaftliche Ebene. Seinen Wohlstand, seinen Reichtum und sein Wissen möchte er nicht mit anderen teilen müssen.
Paul baut in Lindas und seiner Wohnung einen Bunker, denn er ist der Meinung: „Wir müssen uns vorbereiten. Wir sitzen da … Das ist ein Pulverfass.“[9] Was damit gemeint ist, erklärt er in einem fast monologartigen Dialog mit Mario: Die Kolonialisierung sei nur möglich gewesen, weil die Europäer weiter entwickelt waren als die Afrikaner und einen höheren Wissensstand gehabt hätten. „Und daraus entsteht eine Überlegenheit unsererseits, die uns für Bobo extrem attraktiv macht. / […] aber auch […] eine Aggression erzeugt. Weil er inzwischen weiß, dass er nichts weiß. Aber auch, wo es das Wissen gibt, das er nicht hat. Und wenn diese Aggression mal zum Zuge kommt […] da können wir einpacken.“[10]
Mit dem Aufkommen von Zuwanderung – zum Zeitpunkt des Schreibens des Theaterstücks von Löhle vor allem aus den nordafrikanischen Ländern – stellt sich bei Paul eine Angst vor dem Erobert-Werden ein und eine Angst sein Wissen teilen zu müssen. Für ihn lauert die Gefahr in Form von Bobo/Klint direkt nebenan, bei den Nachbarn. Sie nimmt an Konkretheit zu und die Bedrohung wird in Pauls Augen immer größer. Dass Löhle ihn ausgerechnet einen Bunker bauen lässt, ist zum einen eine Referenz auf die zu großen Teilen unterbunkerte Schweiz, zum anderen auf die Errichtung von neuen Grenzzäunen innerhalb der bereits bestehenden Grenzen Europas.[12]

 

5. Barbara: Angst vor einem Leben mit einem Mann, den sie nicht mehr liebt

Barbara stellt sich als Einzige gegen die anderen Figuren, z.B. als ihr Partner Mario den beiden anderen, Linda und Paul, erzählt, er habe Barbara vorgeschlagen, Bobo/Klint könne tagsüber zum Ausgleich für Kost und Logis bei ihnen „putzen, aufräumen und einkaufen“.[13] Paul und Linda finden, „das ist doch keine schlechte Idee […] Immerhin schläft und isst er bei euch“[14], doch Barbara stellt sich fassungslos dagegen: „Was redet ihr denn da eigentlich? Dieser arme Mensch hat eine Reise hinter sich. Das könnt ihr euch nicht mal vorstellen so was. Wenn es danach geht, hat er Ruhe und Frieden für den Rest seines Lebens verdient. Und ihr wollt ihn schuften lassen! […]“.[15] In der weiteren Diskussion fällt das Wort „Gutmenschenscheiße“[16], das automatisch die Assoziation „besorgte Bürger“ hervorruft, schließlich äußern auch Linda und Paul Unbehagen und Unwohlsein. Barbara als Gutmensch lehnt sich gegen die besorgten Bürger Linda, Paul und auch Mario auf.[17]

Barbara benutzt Bobo/Klint als Flucht aus ihrem alten Leben, als Flucht aus ihrer Beziehung mit Mario. Für sie steht Bobo/Klint für Leid und Schmerz, aber auch für etwas Exotisches und Aufregendes, aufgeladen mit sexuellen Attributen (gleiches gilt allerdings auch für Linda), so unterhalten sich Barbara und Linda im elften Akt über Bobos/Klints „Ding, Schwengel, Phallus, Gotteshammer, Mr. Mike“.[18] Das Fremde ist für Barbara semantisch aufgeladen mit „dem Exotischen, mit Abenteuer, mit etwas Neuem und Aufregendem“ (auch sexuell gesehen). Sie selbst hingegen befindet sich in einem eigenen Raum, semantisch aufgeladen mit Alltäglichkeit, Allgemeinheit, Normalität und Langeweile (durchaus auch wieder sexuell zu sehen). Daraus ist ihre Angst abzulesen: Dadurch das Bobo/Klint in ihr Leben tritt, wird ihr klar, dass sie nicht bei dem Mann bleiben muss, den sie nicht mehr liebt. Ihrer Angst in ihrem alten Leben gefangen zu sein, wirkt sie entgegen, indem sie mit Bobo/Klint Pläne schmiedet, gemeinsam fortzugehen.

 

6. „Na … Wir haben ihm ja nicht vorgeschrieben, dass er fliehen soll.“
Bobo/Klint als Projektionsfläche

In einem Zeitungsartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zu Wir sind keine Barbaren! heißt es über die Figur Bobo/Klint:

„Der Fremde draußen vor der Tür ist nur eine Metapher, ein form- und namenloses schwarzes Loch. Das Andere schlechthin […]; er ist dunkelhäutig, oder kaffeebraun, aus Afrika oder Asien, Pygmäe oder Riese, Sexualobjekt, potenzielle Haushaltshilfe, vielleicht sogar Mörder.“[20]

Bobo/Klint fungiert in Wir sind keine Barbaren! als Projektionsfläche. Im Prinzip beziehen sich alle Ängste der vier Hauptfiguren auf ihn und sein Erscheinen bzw. werden sie durch ihn ausgelöst.
Er fällt der Stigmatisierung durch die Menschen, denen er begegnet zum Opfer. Eine Auffälligkeit von Stigmatisierung ist, „dass Gegnerschaften häufig über Bilder der Vertierung bzw. Entmenschlichung konstruiert werden, worin die antike Unterscheidung von Menschen (Griechen) und Barbaren fortlebt.“[21] Dies lässt sich an einigen Stellen auch in Wir sind keine Barbaren! erkennen, so nennt Barbara ihn „[e]in gehetztes Tier“,[22] Linda vergleicht ihn mit einem „tollwütigen Hund“[23], wiederum Barbara fragt, ob Linda und Paul sich ihn vielleicht mal ausleihen können „[…] falls wir mal im Urlaub sind, könntet ihr ja auf ihn aufpassen, natürlich nicht in dem Sinne aufpassen, aber ihn bei euch … weiß nicht. Damit er nicht so alleine ist.“[24] und auch Mario fragt: „Könnt ihr vielleicht Klint mal für ne Weile nehmen?“[25] All das erinnert stark an ein Haustier, über das verfügt werden kann, und so wird auch tatsächlich über Bobo/Klint verfügt: Er ist der Abwesende, der kein Mitspracherecht hat.

„Nach Bourdieu ist jeder Akteur ‚charakterisiert durch den Ort, an dem er mehr oder minder dauerhaft situiert ist‘, woraus folge, dass ‚der von einem Akteur eingenommene Ort und sein Platz im angeeigneten physischen Raum hervorragende Indikatoren für seine Stellung im sozialen Raum abgeben.‘“[26]

Da Bobo/Klint überhaupt keine Stellung im physischen Raum hat, lässt sich nach dieser Definition daraus schließen, dass er auch im gesellschaftlichen Raum keine Stellung innehat. Äußerungen wie „Na … Wir haben ihm ja nicht vorgeschrieben, dass er fliehen soll.“[27] und die Tatsache, dass er bei gemeinsamen Abenden der vier Hauptcharaktere nie eingeladen ist, bekräftigen dies.

 

22.9. Teil III: Das Weltbild der Figuren – Grenzen und Grenzüberschreitungen

 

[1] Wobei der Figur Barbara eine Sonderposition zukommt.

[2] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 47 f.

[3] Ebd., S. 40.

[4] Ebd., S. 40.

[5] Vgl. ebd., S. 42.

[6] Ebd., S. 41.

[8] Ebd., S. 34.

[9] Ebd., S. 35.

[10] Ebd., S. 44 f.

[11] Ebd., S. 45.

[12] Ebd., S. 46 f.

[12] D. Mariani: Kein Land baut mehr Bunker als die Schweiz, in: http://www.swissinfo.ch/ger/kein-land-baut-mehr-bunker-als-die-schweiz/7422086: „So heisst es in den Artikeln 45 und 46 des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes: ‚Für jeden Einwohner und jede Einwohnerin ist in zeitgerecht erreichbarer Nähe des Wohnortes ein Schutzplatz bereitzustellen‘ und ‚Die Hauseigentümer und -eigentümerinnen haben beim Bau von Wohnhäusern, Heimen und Spitälern Schutzräume zu erstellen, auszurüsten und diese zu unterhalten.‘ Dies ist der Grund, warum in den meisten Häusern, die ab den 1960er-Jahren gebaut wurden, solche Schutzräume vorhanden sind. Die erste Vorschrift trat am 4. Oktober 1963 in Kraft.“

[13] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 47.

[14] Ebd., S. 29.

[15] Ebd., S. 29 f.

[16] Ebd., S. 30.

[17] Ebd., S. 38.

[18] Vgl. Ebd., S. 38.

[19] Vgl. ebd., S. 43.

[20] M. Halter: Unser Fremdenhass ist doch ganz schön zivilisiert, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/unser-fremdenhass-ist-doch-ganz-schoen-zivilisiert-philipp-loehles-wir-sind-keine-barbaren-13000842.html.

[21] F. Schmieder: Kommunikation. In: L. Koch (Hg.): Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart 2013, S. 201.

[22] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 28.

[23] Ebd., S. 34.

[24] Ebd., S. 40.

[25] Ebd., S. 47.

[26] B. Wihstutz: Der andere Raum. Politiken sozialer Grenzverhandlungen im Gegenwartstheater. diaphanes, Zürich-Berlin 2012, S. 188.

[27] Ph. Löhle: Wir sind keine Barbaren. Rowohlt Theater Verlag, 2014, S. 30.

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

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