Von fleischgewordenen Unterstrichen und spektakulären Körpern – Zweiter Einblick in ‚Ein Heft‘

10. August 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext / soziotext

Nachdem uns Anna Seidel mit ihrem Beitrag über die Go-Go Dancing Platform einen ersten Einblick in Ein Heft gewährte, folgt nun ein zweiter von Mitherausgeberin Hannah Zipfel. Hannah schrieb über das Ausstellungsplakat der Homosexualität_en-Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur, das – zumindest in Münster – bereits im Vorfeld viel besprochen wurde (nicht wahr, @DB_Bahn?). Wir freuen uns, hier ihren Beitrag als erste online veröffentlichen zu dürfen!

 

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Hannah lesend neben Advertisement: Homage to Benglis im LWL bei der Release von ‚Ein Heft‘ am 5. Juli

 

Hannah Zipfel

Cassils: Advertisement: Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, a six month durational performance (2011)

 

Wie eine Adonis-Skulptur wirkt die Person, die uns von dem Ausstellungsplakat in übergroßer ikonografischer Pin-up-Pose anblickt. Aus der Ferne betrachtet hat dieser muskulöse Body viel mit der westlichen Vorstellung eines weißen, männlichen Idealkörpers gemeinsam. Treten wir näher an das Plakat heran, erkennen wir jedoch einen androgynen Körper, der mit Brüsten auf dem breiten, muskulösen Torso ausgestattet, eine Identität abbildet, die sich in einem Zwischenraum der Kategorien „Mann“ und „Frau“ ansiedelt und somit zum fleischgewordenen Unterstrich wird.

Ob wie hier in der Arbeit Advertisement: Homage zu Benglis, die Teil des umfassenden Kunstprojektes CUTS: A Traditional Sculpture ist, als Hochglanz-Werbe-Ikone mit knallrotem Lippenstift oder als Kampfmaschine in postapokalyptischem Setting: Mit Affinität zu Trash- und Popkulturästhetik inszeniert Heather Cassils, der*die jahrelang selbst als Personal Trainer*in in L.A. gearbeitet hat, in seinen*ihren Arbeiten stets einen spektakulären Körper – einen, der Grenzen austestet und nach professionellem Stunt-Training auch mal in Brand gesetzt wird.

Für das Kunstprojekt CUTS – A Traditional Sculpture bedient sich der*die kanadische Künstler*in und Transgender-Aktivist*in dabei einer Sportart, die die antike Idee einer klassischen Skulptur eines aus rohem Marmorblock geschlagenen, hypermännlichen Idealkörpers in das 21. Jahrhundert übersetzt: Das Bodybuilding hält, was sein Name verspricht, und entwirft ganze Körperlandschaften aus Sehnen und Muskelbahnen. Ganz wie bei seinem antiken Vorbild wird der Blick hier auf die glatte, eingeölt-schillernde Oberfläche gelenkt. CUTS umfasst dabei ein großes Werkkorpus – ein Wort, das in seiner englischen Übersetzung passenderweise body of work heißt – und damit gleich eine ganze Sammlung unterschiedlicher Medienformate, die den Körper nicht nur programmatisch, sondern in seiner physischen Materialität in den Fokus stellen: Mithilfe eines ehemaligen Mr. Olympia und unter Zufuhr einer erheblichen Menge an Ernährungspräparaten und Steroiden baut Cassils dabei in nur 23 Wochen 23 Pfund Muskelmasse auf. Im Setting der klassischen Muckibude – im Video inszeniert als unterirdische Kathedrale, erbaut aus Schweiß, Testosteron und Muskelmasse – wird nicht nur der Körper unter Extrembelastung „in shape“ gebracht, sondern zugleich ganz praktisch gezeigt, wie Geschlecht gemacht wird.

 

In gewisser Weise erscheint mir diese Sportart verschwenderisch: So ist der beim Training erreichte Kraftzuwachs nicht funktional, sondern wird nur billigend in Kauf genommen, um hinter dem eigentlichen Hauptziel, der Verformung des Körpers, zurückzutreten. Bodybuilding stellt also eine ästhetische Form von Arbeit dar, in der sich, zumindest in Wettkampfsituationen, monatelange Anstrengung allein in einer Pose manifestiert. In Extremfällen kann diese Pose, wie wir wissen, geradezu cartoonesque Formen annehmen: „Wenn meine Muskeln anschwellen, ist das wie eine Erektion“, erklärte bereits Arnold Schwarzenegger und demonstrierte damit, wie sich Männlichkeit selbst dekonstruiert, wenn sie, ist der Körper einmal zum wandelnden Penis-Ersatz proklamiert, nicht mehr so recht ernst zu nehmen ist. Und überhaupt: Scheint nicht auch das männliche Genital in Proportion zu den anschwellenden Muskelbergen wegzuschrumpfen?

Eine solche Form von Hypermännlichkeit wird von Cassils in imaginäre Anführungsstriche gesetzt: Mal beißt er*sie im Begleitvideo zu CUTS in ein rohes Steak und zerreißt es mit den Zähnen, mal zerreißt eine Bluse über den angespannten Muskelmassen, sodass ein hypermaskuliner Körper unter ihr zum Vorschein kommt. Das Bild, das ein wenig an die Szene aus einem drittklassigen Action-Film erinnert (die Stelle, an der sich der – natürlich – männliche Protagonist ohne ersichtlichen Mehrwert für die Handlung das eigene Hemd vom Leib reißt), weckt ambivalente Gefühle in mir: Einerseits werden Geschlechtszuschreibungen (in dem Fall symbolisch die weiblich konnotierte Bluse) aktiv durchbrochen, gleichzeitig ist es hier eben wieder eine Form von archaischer Männlichkeit als Produkt einer sexistisch strukturierten Gesellschaft, die trotz ihrer ironischen Brechung Sichtbarkeit für einen zuvor unsichtbaren Körper schafft.

Ein Unterschied von Gewicht, der auch im Vergleich mit der Performance Carving: A Traditional Sculpture von Eleanor Antins aus dem Jahr 1972, auf die Cassils bewusst Bezug nimmt, offenbar wird. Antins, die sich einer radikalen Diät unterzieht, kreiert dabei ebenfalls eine Skulptur aus dem eigenen Körper. Der Körper, der hier zum Vorschein kommt und gleichzeitig paradoxerweise zu verschwinden droht, ist jedoch ein spezifisch weiblicher Körper – einer, der gewaltsam durch gesellschaftliche Erwartungen geformt wird.

Während Antins hungert, dokumentiert Cassils in CUTS den zwanghaften Konsum unzähliger Tabletten und Ernährungspräparate, die pyramidenförmig, an eine Warenpräsentation im Supermarkt erinnernd, angeordnet werden. Während Antins’ Körper dahinsiecht, wird das Rauschen der Steroide und das Knistern der chemischen Verbindungen, die sich in Muskelzuwachs an Cassils’ Körperoberfläche kristallisieren, geradezu hörbar. Während Antins verschwindet, wird Cassils hyper-sichtbar. Das Weibliche lässt sich übrigens nicht nur im gesellschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre, sondern auch heute noch mit dem Flüchtigen, Unsichtbaren assoziieren – so wird beispielsweise die immer noch weiblich konnotierte Sphäre von Reproduktionsarbeit (Kochen, Putzen, Kinder erziehen …) im gesellschaftlichen Mainstream oftmals nicht einmal als eine Form von Arbeit anerkannt.

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Advertisement: Homage to Benglis als Homosexualität_en-Ausstellungsplakat, hier im Foyer des LWL Münster

Ich betrachte erneut das Hochglanzfoto. Das Wort „Plastik“ ploppt dabei in einer doppelten Wortbedeutung in meinem Kopf auf: als Synonym für Skulptur, also ein dreidimensionales Objekt in der bildenden Kunst gleichermaßen wie als Bezeichnung für einen Werkstoff, dessen Siegeszug in den 1950er Jahren begann. Im Plastik, einem Material, das sich aus unzähligen Molekülen zu immer wieder neuen Formen zusammensetzen lässt, liegt die Idee einer unendlichen Transformation bereits angelegt. Bezieht mensch dieses Prinzip auf den Körper, würde Geschlecht zu einem Kunststoff werden, der seinen Aggregatzustand beliebig verändern kann. Wäre die Hormonstruktur also einmal erfolgreich geknackt, würden neue, „molekulare“ Körper zwischen den Geschlechtern, zahlreiche Testo-Boys und Techno-Girls entstehen – eine Vorstellung, die zu schön ist, um wahr zu sein.

Denn bis Geschlecht auch in einer breiten Gesellschaft als Kunst-Stoff entlarvt ist, wird Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit nach wie vor als eine Krankheit klassifiziert und in den meisten Fällen medizinisch „korrigiert“. Die Zurichtungen, die cuts, also Schnitte durch die Skalpelle der geschlechtsangleichenden Operationen, stehen dabei in Kontrast zu dem Akt, in dem Cassils seinen*ihren androgynen Körper selbst formt. Das Bodybuilding hält dadurch (und hier liegt auch der Unterschied zu unserer antiken Körperskulptur, die von einem pygmalionhaften Künstlergenie hergestellt wird) eine empowernde Qualität bereit: Cassils ist Kunstwerk und Produzent*in zugleich, und damit eben nicht nur formbares Objekt, sondern auch handelndes Subjekt, das gehörig an der der heterosexuellen Matrix kratzt.

Doch kann diese Handlung auch außerhalb des gleichermaßen geschützten als auch objektivierenden Rahmens einer Kunstausstellung vollzogen werden?

Die Bewegung auf der Transfläche bleibt gefährlich. Zunächst lässt das soziale Umfeld oft nicht die Wahl, ob sich Menschen einem Geschlecht zuordnen möchten oder eben nicht. Aus Gründen des sozialen Passings, um also ein Leben im Alltag einer Gesellschaft führen zu können, in der die Kinderzimmer bereits pränatal rosa oder blau gestrichen werden, fühlen sich viele Menschen demnach zu einer klaren Zuordnung gezwungen. Neben der sozialen Stigmatisierung bilden körperliche Übergriffe auf Inter*- und Trans*personen einen wichtigen Bezugspunkt in der Performance Becoming an Image, die ebenfalls Teil von CUTS ist und ästhetisch sehr weit von Advertisement: Homage to Benglis und damit unserem Ausstellungsplakat entfernt anzusiedeln ist. Cassils drischt hierbei, an einen Käfigkämpfer erinnernd, nackt und nur mit beigen Leinen über den Fäusten auf einen ca. 1,5 Meter hohen Lehmklumpen ein. Als buchstäblicher Bildhauer schneiden sich Knie-, Ellbogen- und Faustabdrücke sowohl in das Material als auch in die Netzhaut der Betrachter*innen, da die abgedunkelte Szenerie schlaglichthaft durch den Blitz einer Kamera erhellt wird. Die Übergriffe an Trans*personen, die allzu oft im Dunkeln bleiben und in Vergessenheit geraten, werden hier symbolisch auf eine recht plakative Art dokumentiert, die sich am treffendsten mit „in your face!“ bezeichnen ließe. Die Identität von Cassils, der*die aus einer Betroffenen-Position heraus agiert, fällt hier, wie in allen Nuancen des Kunstprojekts CUTS vollständig mit ihrem*seinem Werk zusammen. CUTS lässt dabei nur eine einzige festgelegte Lesart zu.

 

Ich werfe einen letzten Blick auf das Ausstellungsplakat: Die Typografie des Wortes „Homo“ umschließt den Körper Cassils’ und umfasst ihn dabei also im wahrsten Sinne des Wortes. Tut sie das? Oder anders gefragt: Klammert der homosexuelle Mainstream tatsächlich Begehren zwischen den Geschlechtern ganz selbstverständlich mit ein? Das abgebildete Foto, Advertisement: Homage to Benglis, wurde zunächst nicht im Kunstkontext, etwa wie hier im Rahmen einer Ausstellung präsentiert, sondern auf schwulen Dating Sites im Internet verbreitet. Als Reinszenierung der Arbeit Advertisement von Lydia Benglis machte sich Cassils dabei kommerziellen Werbespace zu Nutzen, um Sichtbarkeit auf eigene Faust zu schaffen. Ein Verfahren, das Benglis bereits 1974 in einem anderen Kontext nutzte, als sie in der Artforum ein Nacktbild von sich mit eingeführtem Doppeldildo als Werbeanzeige inserierte, nachdem die renommierte Zeitschrift eine ihrer Arbeiten drastisch zensiert hatte.

Hannah Zipfel

Als Verfechterin eines produktiven Chaos beschäftigt sich Hannah Zipfel seit ein paar Jahren mit der (Un-)Ordnung eines Münsteraner Pop-Archivs am Lehrstuhl von Moritz Baßler. Daneben forschte Sie jüngst im Rahmen der Skulptur Projekte 2017 zum deutschen Schlager, schreibt eine Dissertation über Gegenwartsästhetik und ist als Textberaterin an der Design-FH in Münster tätig.

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