Singles mit Niveau – Stuckrad-Barre feat. Fauser II

15. März 2021 - 2021 / soziotext / texttext

Die Popper Fauser und Stuckrad-Barre ließen sich noch in vielerlei Hinsicht featuren. Aber das wäre auch bald fad, erlaubt ein gewisses Gefälle doch nur wenig Variation. Außerdem gehen mir die musikalischen Metaphern aus. Ein wenig Sendezeit aber noch für die Hits am Rande. Die versprochene Singleauskopplung, Motiv: Kolumnen im Akkord.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Am Anfang ist es noch unterhaltsam. Stuckrad-Barres frühe Kolumnen, die im ersten Remix (1999) noch ganz goldtig ausgehen von der zunächst interesselosen Bestandsaufnahme der Dinge, mit denen sich der durchschnittliche 20er der 90er – und nicht nur dieser Zeit – eben gern beschäftigt: Musik, Fernsehen, sogar ein wenig Konsumkritik, ein bisschen Literatur, Mode und viel Verzweiflung darüber, Alltag gewissermaßen und als solcher ganz problemlos zu überspitzen und zu ironisieren. Bald schon wird aber die Überspitzung und Ironisierung zum Überbau: „Wir sagen nicht, wie es wirklich ist, sondern wie es uns scheint“ (Gagschreiber), so die Sentenz der Zeit als Gagschreiber für Harald Schmidt. Die Basis, die journalistischen Texte selbst, bleiben davon nicht unberührt.[1] Gefühlte Wahrheit, Oberflächlichkeit und Meta-Ironie werden Kalkül – Kolumnismus des Yeah Yeah Yeah und des Schnell-Noch-ein-Lacher einerseits, andererseits Metaisierung massenmedialer Arbeit am Publikum. Im Blick auf spätere journalistische Texte scheint es, als wäre Stuckrad-Barre auf dieser Ebene stehengeblieben, ohne dem veränderten Rahmen seiner Publikationsforen Rechnung zu tragen. Wie sich das liest, Subversion durch Affirmation hin oder her, als das was es, an seiner Oberfläche, in seinem medialen Kontext, zu sein scheint, als Reportagen, Feuilletons, Angebote von Kulturkritik, zeigt sich besonders an den Texten für die allerlei Springer-Zeitungen, die Auch Deutsche unter den Opfern (2010) versammelt.

Das stilistische Wie des Schreibens steht zunächst weiter außer Frage – den Sound, die Pose der Koketterie und Frechheit, die angedeuteten Pöbeleien des ‚enfant terrible‘ sind der ästhetische Mehrwert seiner Selbstinszenierung, hierauf versteht er sich gut. Nur ist es in Sachen inhaltlichen Was‘ leider nicht mehr nur das Alltägliche, von dem er etwas versteht, das zwar nicht mehr als, aber doch: unterhaltsam ist, weil er nah ist bei jenen, für die und über das er schreibt. Es muss nun auch Politik sein, und so schlägt auch im inhaltlichen Bereich der mediale Überbau auf die journalistischen Inhalte durch. Zwischen allerlei Content-Produktion zum eben Trivialen bricht sich das übliche, fade Springer-Themenfeld und mit ihm der übliche, fade Unterton ‚meinungsstarker‘ Häme über allerlei Tagespolitisches, allermeistens auf die Aktuere ab der vermeintlichen linksliberalen Mitte und von da aus immer weiter gen mutmaßliche Revolutionsdämmerung, Bahn. Es bleibt aber im mittlerweile doch stumpfen Schmidt-Stil: Obenhin und Drüberweg, das substantiell Kritische kann man sich, je nach Gusto, selbst zusammendenken. Diese in Kern und Denken reaktionär simplen Schmunzelfeuilletons kratzen ab und zu durchaus einmal an den richtigen Problemen von Autoritätsanmaßung oder politischer Phraseologie, aber sie enden schließlich stets nur im vorkritischen Gefühl der Fremdscham für diese, hihi, Politiker, weißt schon, schau nur, ein Versprecher, eine Formulierung ohne Kontext, ein Gesprächsfetzen, aber privat. In den meisten Fällen aber wird für den Schmunzler eben so lang an der Oberfläche gerieben und notfalls das Patent-Werkzeug der Halbwahrheiten, Halbfalschheit, Halbübertreibung – des persönlichen Eindrucks eben – geschwungen, bis zumindest ein bisschen Rötung zu sehen ist. Und dann wird aber mal so richtig (polit-)kulturkritisiert und reportiert aus dem Alltag der Mächtigen, also mancher!

Es stellt sich den missmutigen Leser*innen dann weniger die Frage, ob, sondern vielmehr, von wem, für wen das engagiert ist. Es ist diese Art eines vermeintlich bürgerlich-mittigen Common-Sense-Pragmatismus, den die Welt und ihre Redaktionen so gern herauskehren, dem sich Stuckrad-Barres spätere journalistische Texte nicht im Erscheinungskontext, sondern im Inhalt botmäßig machen und so, die Arbeit an der Marke, am Hypeobjekt S-B macht es möglich, kulturbetriebliche Salonfähigkeit verschaffen. Und ganz nebenbei eignen sie sich hervorragend zur polemischen Hetzvorbereitung simplerer Art, je nach Tagesform und -feind – Gramsci, ich hör dich, leise, trapsen. Aber über die verlegerisch geschickt platzierten akademischen Reizworte im Klappentext kann man schon einmal den eigentlichen Kontext der Texte vergessen, und welche Funktion sie im neuen System bekommen. Was bleibt darin von der subversiven Affirmation? Affirmation.

Warte nicht auf beßre Zeiten

Ein letzter Song noch, weiter kein Kuschelrock, kein fade-out. Fauser also, manisch-produktiv, vorbildlich für Stuckrad-Barre in mancherlei Hinsicht und unter anderem, wie in Panikherz (2016) beschrieben, in seinem „Habitus des vertreterhaften Geschäftsmanns […] Nyltesthemd und Musterkoffer, Texte zu verkaufen.“ Fauser ist auch, vielleicht besonders in seinen journalistischen Texten genau das, in der Branche des Schreibens geschäftsreisend in eigener Sache. Nur ist die eigene Sache eine andere als es an der Oberfläche des popkulturellen Klischees von Fauser zu sein scheint, eine sehr viel dezidiertere. Denn vor der nicht mehr als reproduktiven, aber durchaus funktionalisierbaren Oberflächlichkeit Stuckrad-Barres hat Fauser einen enormen, kaum je reduzierten, wenn auch adaptierten ideologischen Vorschuss. Es geht ihm um den Sinn der schreibenden Arbeit – egal ob belletristisch oder journalistisch.

Wann nämlich könnte ein Buch seinem Leser nützen? Wenn es ihm klarzumachen verstünde, welche Aufgabe der Schriftsteller – im Unterschied zum Kleinlandwirt oder Maschinenschlosser – als Mensch unter seinesgleichen, als Teil einer Gesellschaft hat, und welche Beziehungen seine Arbeit zur Arbeit und zum Leben der anderen herzustellen vermag. (Urphänomene?)

Fraglos muss Fauser mit seinen Texten, wie viele, hausieren gehen. Aber diese Grundlage, diese Antwort auf die Frage nach dem Warum, wird davon nicht affiziert. Fehlt die Einsicht in diesen Grund des Hausierens, bleibt alles Nacheifern Cover, Pose. Wie und Wo sind nicht egal, aber nebensächlich. Warum und Was sind die wesentlichen Fragen aus dem nur oberflächlich banalen Repertoire des literaturwissenschaftlichen Grundkurses zur (Kultur-)Textanalyse. Es geht um mehr, als nur einfach den nächsten Text zu murksen und das Honorar dafür zu kassieren. Um dieses muss es auch, immer, gehen, weil es eben ohne nicht geht und man sich die Arbeit des Schreibens leisten können muss. Aber auf dieser Grundlage lässt sich arbeiten, kritisch und selbstkritisch.

Die Kritik in Fausers Texten ist damit tiefergehend als nur hämischer, vorkritischer Spott. Alle seine journalistischen Arbeiten bleiben dem verhaftet, seien es Kurzrezension, Interview, Kommentar, Reportage oder Essay – stets geht es, wie auch in Rohstoff, um Kritik an der begrifflichen Qualität, an altbackenen Phrasen und mangelnder Integrität und Konsequenz, wobei immer explizit abgegrenzt wird, wer sich gemeint fühlen, wer sich disqualifiziert fühlen darf. Damit sind auch die Handreichungen scharfer, aber doch genossenschaftlicher Selbstkritik von der Kritik des Mittelmaßes unmissverständlich unterschieden: „Wer da Rot trug, wird weiter Rot tragen, wer nur auf Rot machte, konnte nie viel zählen“ (Kontinuum der Trauer). Disqualifiziert werden aber nicht nur die rosaroten Karrieristen der Kulturdezernate, sondern auch jene, die sich bereitwillig der „Herrschaft der weißen, puritanischen, alten, verkalkten Minderheit über eine farbige, junge, arme Mehrheit“ (Leitartikel – Jörgs 1. Mai 1971) unterstellen, und die nicht nur in der Kohl-Ära unter dem Vorwand „doch nur von Hubert Burdas Petrarca-Lorbeeren kosten [zu] wollen“ alles daran legen, in „dummdreiste[r] Frechheit […] soziale und demokratische Kräfte in diesem Land verächtlich“ zu machen (Die geistige Erneuerung). Fausers Betrachtungen sind ebenfalls solche der Oberfläche, der reflexiven Oberflächlichkeit einer auf Oberflächlichkeit angelegten Welt. Aber sie nehmen von der Oberfläche nur ihren Ausgang, wühlen sich darunter, mit Argumenten, Grundsätzen und Absichten – schlicht, weil Fauser weiß, warum er schreibt. Wo seine Texte schließlich erscheinen ist für deren Anliegen irrelevant.

Geschäftsreisender, Hausierer mit Texten aus dem Musterkoffer, freilich, aber eben auch über die Überlebens-Finanzierung hinaus in eigener Sache und mit Mustern vom Allerfeinsten. Mit derartigen Grundsätzen verwundert es nicht, dass ihm die kommende, neue Generation von Kulturkritikern suspekt ist: „jene Kulturkritik, deren Autoren sich selbst wichtiger nehmen als den Gegenstand ihrer Betrachtung. Sich selbst, damit meine ich: ihr Spiegelbild im lauen Bad ihrer Sätze“ (Im lauen Bad der Sätze), mit viel theoretischem Vokabular als Unterbau, aber dabei „ungefähr so subversiv wie ein Abführmittel, das nicht funktioniert.“ Es sind diese „definitiv kommenden Stars der Kulturkritik“, die Goetze und Diederichsene, die kurz vor Stuckrad-Barres belletristischen Alben und journalistischen Remixen ihm schon einmal den theoretischen Weg ebnen auf die Gipfel der mutmaßlich popkulturellen Kulturproduktion. Wohin das führt, haben wir oben gesehen. Dass es anders geht und was man dazu braucht, sieht man von hier. Von unten. Von Fauser aus.

[1] Auf welcher Grundlage ein solches journalistisches Arbeitsethos zugleich preis-, aber auch skandal- und affärenverdächtig sein kann, muss wohl für immer Geheimnis von Claas Relotius und den 2010er-Jahren bleiben.

› tags: Auch Deutsche unter den Opfern / Fauser / Ideologie / ideologiekritik / Kanon / Kritik / Kulturkritik / Literaturkritik / Museum der Popmoderne / Popliteratur / Popmoderne / Postideologie / Postmoderne / Remix / Stuckrad-Barre /

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