Zwei Kulturproleten, zwei Meinungen: So war es auf dem „Literaturvolksfest Schaustellen“

15. Oktober 2018 - 2018 / Allgemein / soziotext / texttext

Regen in Bindfäden, nasse Füße, eine kalte Nase: Das westfälische Wetter präsentierte sich mal wieder von seiner besten Seite, als vor drei Wochen zum ersten Mal das „Literaturvolksfest Schaustellen“ auf Burg Hülshoff in Havixbeck stattfand.

Seit Kurzem ist die altehrwürdige Burg, auf der Annette von Droste-Hülshoff zu Lebzeiten ihr Unwesen trieb, in den Händen des neu gegründeten Center for Literature unter der Leitung von Jörg Albrecht und seinem Team, das sich viel vorgenommen hat. Wir haben uns zwei Tage lang auf dem Schaustellen herumgetrieben und sind unterschiedlicher Meinung darüber, wie wir das Literatur-Event fanden (hier geht’s zu Jürgens Einschätzung).

Schaustellen – ein Elfenbeinturm-Festival?

„SCHAUSTELLEN! ist eine Kirmes der Künste, ein Jahrmarkt der schillernden und trillernden Eitelkeiten, ein Volksfest mit Zuckerwatte, Zirkuszelt und dem Zauber der Worte.“

Die Ankündigung im Programmheft des „Literaturvolksfestes“ klang vielversprechend, genauso wie die Worte von Gründungsintendant und Künstlerischem Leiter Jörg Albrecht am Eröffnungsabend:

„Kunst muss so niedrigschwellig sein wie möglich.“

Eine schöne Vorstellung, doch leider gab es Schwellen, die den Eintritt auf das Schaustellen erschwerten:

  1. Man muss es schon wollen: Die Burg Hülshoff liegt 20 Autofahrminuten von Münster entfernt, mitten im – man kann es so sagen – westfälischen Nichts. Es ist hier wunderschön, auch das muss man sagen. Doch der öffentliche Nahverkehr hält sich eher fern. Die Festival-Macher organisierten Literatur-Karaoke-Taxis: eine tolle Idee! Doch um die Fahrzeiten dieser Taxis zu erfahren – immer zur vollen Stunde – musste man sich erst einmal durchwühlen. An den angegeben Orten nach Gefühl erraten, wo sie denn stehen könnten und sich schließlich, einmal angeschnallt, schon ein wenig dazu durchringen tatsächlich eins oder mehrere der Gedichte zu rezitieren. Schade auch, dass die Künstler_innen in einem Extra-Bus gefahren wurden, versprach das Schaustellen-Programm doch: „In manchen Taxis sitzen sogar noch die Dichter_innen, die diese Zeilen schrieben, und performen sie mit.“
  2. 20 Euro Eintrittspreis, ermäßigt 15, kann oder will sich nicht jeder leisten. Natürlich sollte sich Kunst nicht unter ihrem Wert verkaufen. Doch die vor Kreativität, Tumult und Versprechungen nur so sprühenden Worte aus dem Programmheft konnten nicht ganz eingehalten werden. Denn:
  3. Es mag meiner glühenden Fantasie geschuldet sein, dass ich mir einen Jahrmarkt – wie es das Programm ja auch verhieß – mit Fressbuden, Getränkeständen, Klimbim, gebrannten Mandeln und ja, zumindest Zuckerwatte vorgestellt hatte. Ich wurde enttäuscht. Zumindest eine Bar und zwei Kaffeestände gab es dann doch.
  4. Das Wetter. Für das Wetter kann nun wirklich niemand etwas. Die Veranstalter wiesen auf ihrer Homepage auch noch einmal ausdrücklich darauf hin, wetterfeste und warme Kleidung mitzubringen. Doch ein Temperatursturz auf zehn Grad und Dauerregen führten dazu, dass man selbst in mehreren Klamottenschichten auf den metallenen Klappstühlen in den aufgebauten Zirkuszelten fror. Im Programm kam es zu wetterbedingten Zeitverzögerungen und Ortsänderungen, die leider nicht in einem Maße mitgeteilt wurden, als dass sie jede_r Besucher_in mitbekommen hätte.

Eine entspannte spätsommerliche Festival-Stimmung blieb somit aus. Vielleicht hätte sie aus den zwei Tagen etwas anderes gemacht, als schließlich daraus geworden ist. Denn das Format an sich ist eine tolle Idee! Nur an den Angeboten für eine Vermischung der gesellschaftlichen Schichten, für Kontaktaufnahme und Austausch untereinander und an der Niedrigschwelligkeit muss noch gearbeitet werden.

Distanz statt Austausch

Wenn es die Intention war, einen Austausch herzustellen, zwischen Publikum und Künstler_innen, zwischen den Festival-Besucher_innen, zwischen jungen Nachwuchskünstler_innen und bereits etablierten, zwischen wem auch immer, dann ist sie leider gescheitert. Stattdessen: weiterhin Distanz.

Eindrucksvoll zeigte sich diese, als zur Abendstunde im großen Zirkuszelt die Band 1000 Gram spielte und eine Riege Autor_innen mit reichlich Abstand zur Bühne in einer Linie nebeneinander aufgereiht stand und mit den Köpfen nickte. Ein faszinierendes Bild voller Vertrautheit, Gemeinsamkeit und Sympathie füreinander. Aber auch ein Bild von Verschlossenheit: ein closed circle – nur eben als Linie.

Auch die klassische Inszenierung der Autor_innen mittig an einem Tisch und dem andächtigen Publikum davor, schuf Distanz. Am Ende der Lesung wurde brav geklatscht. Dann Stille. Dann verlegenes und leises Zusammenpacken auf beiden Seiten. Dann Verlassen des Zeltes. Keine Moderation, keine Diskussion, keine Fragen, keine Antworten. Wo ist der Austausch, der Kontakt?

Der Festivalbetrieb, welcher Lesungen teilweise zeitgleich anbot oder sich überschneiden ließ, verlangte es, hier und da einfach mal ins Zelt zu schauen, bewusst zu „stören“, zu spät zu kommen, früher zu gehen. So muss das sein bei einem Festival und so werden gewohnte Strukturen aufgebrochen. So kann ein Sich-Treibenlassen von einer literarischen Welt in eine andere stattfinden. Wie gingen die Künstler_innen damit um? Gar nicht. Natürlich sind Autor_innen keine Alleinunterhalter, keine Comedians. Aber ein bisschen Improvisation wäre doch möglich? In Ansätzen sah man sie etwa bei Selim Özdogan, der die Zuhörer_innen durch seine Geschichte mitnahm, indem er hier und da kleine Zusammenfassungen von übersprungenen Passagen gab und dann weiterlas. Oder bei Marcel Beyer, der es ähnlich hielt sowie ab und an auf das Publikum reagierte. Man sah sie nicht bei Lucy Fricke, bei Olga Grjasnowa und schon gar nicht bei Nora Bossong, denn letztere sagte ihre Lesung gar ab. Das Publikum hätte lediglich aus zwei Leuten bestanden und damit aus zu wenigen. Dass – dem Festivalbetrieb geschuldet – weitere Zuhörer_innen später in das Zelt kamen, schien nicht bewusst oder egal zu sein.

Die Abschlussdiskussion: Poetik des Publikums oder eine Lanze für den Elfenbeinturm?

Um die 30 Leute, darunter etwa zehn der Autor_innen, versammelten sich am frühen Sonntagnachmittag zur Publikumsdiskussion, die von dem Kulturjournalisten Florian Kessler moderiert wurde.

Man kennt diese Stimmung noch aus so manchem Uni-Seminar: Die Frage steht im Raum, aber keiner sagt etwas. Falscher Stolz? Einfach keine Lust? Oder doch etwa: fehlender Mut? Angst, etwas ‚Dummes‘ zu sagen? Sich nicht so eloquent ausdrücken zu können wie diejenigen, die von berufs wegen tagtäglich mit Sprache zu tun haben?

Es ist schließlich ein engagierter, junger Techniker, der mit Literatur und Lesungen so gar nichts am Hut hat, dank seiner Arbeit beim Schaustellen aber damit konfrontiert wurde, der die ersten Worte ergreift und in die Runde wirft: Die Vermischung von Literatur mit Politik beim Schaustellen fände er sehr positiv, sagt er wohlwollend und scheint damit einen Nerv zu treffen.

Literatur doch bitte einfach mal der Literatur willen Literatur sein lassen, heißt es nun seitens der Autor_innen von Kathrin Röggla. Wieso müsse denn immer alles politisiert werden? Prompt hat man das Gefühl, manche der Autor_innen fühlten sich angegriffen. Warum? Sie artikulieren das Gefühl, sich in einer Defensivposition zu befinden: Man wolle und müsse nun doch einmal eine Lanze für den Elfenbeinturm brechen, hieß es. Warum? Tun sich in diesem Moment so etwas wie „Fronten“ auf? Wir hier, die dort. Und wenn ja:

Sollte man sich dann nicht vielleicht eher fragen: Wie kann der Kontakt untereinander gelingen? Wie können Individuen, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben, zusammengebracht werden? Wer oder was kann Mittel sein, einen Austausch zu ermöglichen? Wie kann eine Integration, gar eine Partizipation gelingen?
Ich bin mir sicher, dass das Center for Literature sich diese oder ähnliche Fragen gestellt hat. Dass es mit seinem ersten „Literaturvolksfest Schaustellen“ auch etwas anderes gewollt hat, als daraus geworden ist. Doch am Ende blieb auf dem „Literaturvolksfest“ doch jeder unter sich: die kulturinteressierte, gutbürgerliche Bevölkerung, ein paar Studierende, die Autor_innen. Sicher: Das Wetter war an vielem Schuld, aber nicht an allem.

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

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    1. […] gewirkt haben, und uns daher entschlossen, beide Meinungen ungekürzt auf den Blog zu stellen (zu Theresas Eindrücken geht’s […]

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