„Ich wollt´s nicht haben“ – Keine Lust auf Mutterschaft, aber auf lila Lackstiefel.

19. Mai 2019 - Allgemein

Ich war schwanger
Mir ging´s zum kotzen,
Ich wollt’s nicht haben, musste (musst du) gar nicht erst nach fragen,
Ick (Ich) fress Tabletten
Und überhaupt, Mann,
Ich schaff mir keine kleinen Kinde
r an.

Hagen, Nina (1978): Unbeschreiblich weiblich. Auf: Nina Hagen Band. CBS Italiana

Ich möchte den Song unbeschreiblich weiblich von der Nina Hagen Band zum Anlass nehmen, über ein paar Themen nachzudenken. Über Mütter zum Beispiel oder vielmehr über Nicht-Mütter, über Abtreibung und was das alles mit Frau*1)Personen, die als Frau gelesen werden, wird oft eine Gebärfähigkeit unterstellt und eine bestimmte Weiblichkeitsperformanz erwartet, die einen Kinderwunsch und Mutterschaft impliziert. Ich verwende die Schreibweise Frau*, um deutlich zu machen, dass es sich genauso wie bei dem Konzept der Mutter um ein soziales Konzept handelt und Personen unabhängig ihrer Genderidentität gebären und Mutter bzw. Vater werden können.-Sein, Weiblichkeit, dem Kapitalismus, Feminismus und Pop zu tun haben kann. Das Lied, erschienen 1978 auf dem ersten Album der Nina Hagen Band,2)Hagen, Nina (1978): Unbeschreiblich weiblich. Auf: Nina Hagen Band. ist nicht das aktuellste, bespricht jedoch Themen, die mir auch gegenwärtig immer wieder über den Weg laufen: zum Beispiel die Debatte um weibliche* unbezahlte Reproduktions- und Care-Arbeit3)Zum Beispiel fand dieses Jahr ein deutschlandweiter Frauen*Streik (oder feministischer Streik, je nach Stadt gibt es unterschiedliche Bezeichnungen) am 8. März statt. oder Abtreibung und der nach wie vor geführte Kampf um die Abschaffung der §219a und § 218.

„Ich wollts nicht haben“

Der Song beginnt mit folgender Sequenz: „Ich war schwanger“. Der Titel „unbeschreiblich weiblich“ und diese erste Zeile verweisen darauf, dass es wohl um Weiblichkeit und Schwangerschaft gehen wird. Aufgrund unseres kulturellen Erfahrungszusammenhangs ist dies keine Verbindung, die uns verwundert. Ein zu erwartender Fortgang könnte die Freude über die ‚frohe Botschaft‘ sein und dass sich die werdende Mutter aufgrund ihrer Schwangerschaft „unbeschreiblich weiblich“ fühlt. Dies wäre zumindest in der Logik eines naturalisierenden Mutterdiskurses, der in Deutschland eine lange Tradition hat und auch 1978 noch aktuell war,4)Vgl. Vinken, Barbara (2007): Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos. Zweite Auflage. München/Zürich:Fischer. S. 29. zu erwarten. Doch die Pop-Persona Hagen freut sich nicht. Bei dem Konzert 1978 im Rockpalast schreit sie, als der Arzt, verkörpert durch den Schlagzeuger Reinhold Mitteregger, ihr das positive Ergebnis des „Froschtest“ (gemeint ist der Schwangerschaftstest) mitteilt. Es ist kein Freudenschrei, denn ihr „ging’s zum Kotzen“.

Die Entscheidung gegen ein Kind: „Ich wollt’s nicht haben“ scheint erklärungsbedürftig, denn Hagen nimmt die Frage vorweg „musste (musst du) gar nicht erst nach fragen“, die da heißen könnte: Willst du es nicht behalten? und negiert sie. Diese Verteidigungshaltung deutet die gesellschaftliche Unterstellung gegenüber Frauen* an, dass in ihnen der unweigerliche Wunsch, ein Kind zu bekommen und Mutter werden zu wollen, schlummert. Deutlich wird hier schon, dass Frau*-Sein und Mutterschaft zwei Konzepte sind, die oft miteinander gleichgesetzt wurden und werden. Personen, die als Frauen gelesen werden und/ oder über eine Gebärmutter verfügen, müssen sich unweigerlich mit dieser Thematik auseinandersetzen. So ist die Entscheidung einer Frau* gegen ein Kind, gegen eine Mutterschaft trotz potentieller Gebärfähigkeit, nach wie vor Thema. Dies wird deutlich an dem kürzlich erschienen Buch von Sheila Heti Mutterschaft,5)Heti, Sheila (2019): Mutterschaft. Berlin: Rowohlt. in dem sie der Frage nachgeht, warum sie keine Kinder möchte. (Ein Buch mit selbigem Thema von einem Mann geschrieben, ist mir bisher nicht bekannt.) Oder aber auch an der 2007 erschienen Studie Regretting Motherhood von Orna Donath, in deren Zuge das erste Mal in der Öffentlichkeit sagbar wurde, dass Frauen* bereuen, Mutter geworden zu sein.6)Vgl. Donath, Orna (2016): #regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen. München: Albrecht Knaus Verlag. An dieser Stelle sollten auch die so genannten selbsternannten Lebensschützer*innen erwähnt werden, deren leider bis dato erfolgreicher Kampf darin besteht Schwangerschaftsabbrüche zu kriminalisieren. Abtreibung ist nach wie vor ein Tabuthema und stellt auch eine Leerstelle in der Popmusik dar, wie Julia Lorenz in ihrem kürzlich erschienen Artikel „Papa, Don’t Preach: Abtreibungen, (k)ein Poptabu?!“7)Lorenz, Julia: Papa, Don´t Preach: Abtreibung (k)ein Poptabu!? In: Kaput. Magazin für Insolvenz und Pop. beschreibt. unbeschreiblich weiblich ist eine sehr frühe Ausnahme: „Dabei erschien eines der direktesten, krassesten, sogar lustigsten Lieder zum Thema schon 1978. Ein[en] Song, der Abtreibung den Schrecken nimmt“,8)Ebd. die Alltäglichkeit einfängt und Zwischentöne zulässt sucht man heute noch in der Popkultur.

Fragen, wer eine Mutter sein darf/soll (und wer nicht!)9)Der Sammelband „Nicht nur Mütter waren schwanger“ herausgegeben von Alisa Tretau leistet einen wichtigen Beitrag auf unerhörte Perspektiven von Schwangerschaft. Vgl. Tretau, Alisa (2018): Nicht nur Mütter waren schwanger. Münster: Edition Assemblage. und wie eine Mutter zu sein hat, drängen sich an dieser Stelle auf und sind, oh Wunder, mal wieder Ergebnis historisch tradierter und entwickelter Mythen, im Barthe‘schen Sinne.10)Barthes versteht mythische Aussagen als ein Mitteilungssystem, das die Geschichte als Natur erscheinen lässt und vergessen lässt, dass es in der Vergangenheit von Menschen hergestellt und konstruiert wurde. Er begreift den Mythos als System, um die bürgerliche Ideologie aufrechtzuerhalten. Vgl. Barthes (1964), Mythen des Alltags, Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 25, S. 129.

„Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfülln?“

Der naturalisierende Mutterdiskurs in Deutschland, mit dem die Kopplung des biologischen Geschlechts, Frau-Sein und Mutterschaft einhergeht, kann auf eine lange Karriere zurückschauen, die wohl im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt hatte.11)Vinken (2007): S. 33. Denn die ‚Berufung‘ der Frau* im Nationalsozialismus war die Aufzucht des (gesunden/arischen) „Volkskörpers“.12)Ebd. Nach dem Nationalsozialismus kam es jedoch nicht zu einer kritischen Infragestellung der Idee der Mutter in der BRD, vielmehr wurde sie wieder popularisiert: Die Mutter als Sinnbild für die Kernfamilie, und vor allem die Mutter-Kind-Beziehung, wurde als Garant für eine bessere Welt verhandelt. Vor allem in der BRD galt es, den bedrohten Raum Familie zu schützen, gegen die herzlosen Karrierefrauen der DDR, die nicht gleichzeitig auch gute Mütter sein konnten.13)Vinken (2007): S. 34. Die BRD ging einen Sonderweg in Westeuropa, auch weil sie ein Gegenkonzept zur DDR entwerfen musste. Erziehung der Kinder in öffentlichen Einrichtungen „hieß sie einem totalitären Eingriff auszusetzen.“ (ebd.) Dabei wurden die Erfahrungen mit dem NS und der Kommunismus in der DDR miteinander gleichgesetzt. Die DDR förderte die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Mutterschaft. Vgl. ebd. (Der Song könnte also auch als ein kritischer Seitenhieb auf die BRD gelesen werden. Hagen siedelte 1976 von der DDR in die BRD um). Das Konzept Mutter wurde also nach dem Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit wieder ideologisch aufgeladen – diesmal nicht verantwortlich für einen ‚gesunden Volkskörper‘, sondern für eine bessere Welt. Zwar geriet in den 1970er Jahren die Hausfrauenehen der 50er und 60er Jahre in der BRD in die Krise – es war nicht mehr das Ideal, nur noch Mutter und Hausfrau zu sein, ebenso wenig die Norm,14)1963 wurde das Gesetz abgeschafft, aufgrund dessen die Frau die Zustimmung des Ehemannes zur Erwerbstätigkeit benötigte. doch trotz alledem war die hauptsächliche Erwerbstätigkeit an den Mann gekoppelt. Es entwickelte sich zu einer Dazuverdienerinnenehe, in der die Frau* alleine war, mit der Doppelbelastung von Erwerbstätigkeit und der Haus- und Care-Arbeit.15)Vgl. Vinken (2007): S. 53. Sie war und ist es, die Pausen einlegte in ihrer Berufstätigkeit und damit nicht ihre Karriereaussichten verbessert, vielmehr in schlechten Steuerklassen dahin dümpelt(e).16)Das Verständnis von Einverdienerehe bzw- Dazuverdienerehe benachteiligt systematisch Alleinerziehende und nicht eheliche Partner*innenschaften mit Kindern. Vgl. Vinken (2007): S. 54. An dieser ,doppelten Vergesellschaftung‘ der Frau*, bei gleichzeitiger (ökonomischer) Abwertung stereotyper weiblicher* Tätigkeiten, hat sich bis heute nicht viel geändert.17)Vgl. Scholz, Roswitha: Mir ist es egal ob es Frauenstreik heißt oder feministischer Streik. In: Jungle World https://jungle.world/artikel/2019/09/mir-ist-es-egal-ob-es-frauenstreik-oder-feministischer-streik-heisst. (abgerufen am 07.02.2019). Laut Lisa Yashodhara Haller wirkt sich Mutterschaft negativ auf das Einkommen aus. So verdienen Frauen 10 Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes 61% weniger als vor der Geburt. Männer sind davon nicht betroffen. Im Zuge dieser Einbußung wird auch von child penalties gesprochen. Vgl.ebd.

Hagen fragt sich somit zu Recht: „Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüll’n?“, wenn die Folgen ökonomische Abhängigkeiten und Doppelbelastung sind. Darüber hinaus erinnert eine vermeintliche Verpflichtung der Frau* an ideologisch aufgeladene Muttermythen der Vergangenheit und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Sie macht sie lächerlich, in dem sie ungläubig fragt: „Für wen? Für die?“ Hagen sagt sich von einer gesellschaftlichen Verpflichtung los und von dem Gedanken einer individuellen Selbstverwirklichung als Frau* durch die Geburt eines Kindes.

Ich hab‘ keine
Lust, meine Pflicht zu erfüll’n
Für dich nicht
Für mich nicht
Ich hab‘ keine Pflicht

Hagen entnaturalisiert Mutterschaft und ‚Hausarbeit als Frauenarbeit‘. So weigert sie sich in dem Song Pank auf selbigem Album, die Käsesocken ihres Partners zu waschen18)Vgl. Hagen, Nina (1978): Pank. Auf: Nina Hagen Band. CBS Italiana. und kritisiert die kleinbürgerliche Familie mit ihren festgeschriebenen Geschlechterrollen („Ich schenk dir keine Kinder zum Zeitvertreib“) im Zuge der Unterdrückung der Frau („Unterdrücken, das kannst du mich nicht / Auch wenn du es immer die ganze Zeit versuchst“).

„Simone Beauvoir sagt: ‚Gott bewahr!’“

Mit den Debatten um Hausarbeit und Abtreibung werden zentrale Themen der materialistisch-feministischen sogenannten 2. Frauenbewegung19)Vgl. Sandelbaum/ Zipfel 2015, „Aint´t your Mama!“. S.154. abgedeckt, die in Deutschland in den 1970er Jahren sehr präsent ist. Verstärkt werden die feministischen Vorzeichen durch die Bezugnahme auf Simone de Beauvoir: „Simone Beauvoir sagt: ‚Gott bewahr!’“ in unbeschreiblich weiblich. Diese hatte unter anderem das französische Vorbild der in Deutschland doch sehr bekannten, von Alice Schwarzer initiierten Kampagne „Wir haben abgetrieben“20)Titelblatt im Stern „Wir haben abgetrieben“ 1971 unterschrieben. Die Texte bieten eine materialistisch-feministische Lesart an, gerade im Hinblick auf die Lyrics, wobei die geschlechtliche Rollenverteilung in ihrer kapitalistischen Ausbeutungsfunktion nur angedeutet wird. Dass erst durch die unbezahlte Care- und Reproduktionsarbeit von Frauen* die ‚WareArbeitskraft‘ produziert und erhalten wird, wird nicht explizit genannt. Jedoch kann die Ebene ‚Kind als Ware‘ und somit Arbeitskraft ansatzweise mitgedacht werden, da Hagen davon singt, sich keine Kinder ‚anzuschaffen‘: „Ich schaff mir keine kleinen Kinder an“, wo üblicherweise eher Gegenstände angeschafft werden und Kinder meist gewollt und seltener nicht gewollt sind.

Vielleicht liegt dies auch daran, weil wir uns mit Nina Hagen im Paradigma Pop befinden und dieses bekanntermaßen nicht außerhalb des Kapitalismus denkbar ist.21)Sandelbaum, Sarah/ Zipfel, Hannah (2015): „Ain´t your mama!“, Repromania im Pop. In: Testcard (Nr. 25), S. 153. So verbleibt Hagens feministische Gesellschaftskritik in einer für die Popkultur charakteristische Ambivalenz verhaftet „im Banne eines seit der Frühzeit des Pop bekannten Widerspruchs: Ihre Systemkritik wird erst durch die Freiheiten kapitalistischer Produktionsbedingungen möglich.“22)Pabst, Philipp (2016): Frankies Erbe? Deutschsprachige Coverversionen von Sinatras „My Way“. In. POP. Kultur und Kritik (Heft 9), S.165.

Das „Nein, Nein, Nein“ von Hagen erinnert nicht nur an den Slogan „Nein heißt Nein“, sondern ist in seiner Ablehnung überaus verständlich. Es ist verständlich, dass sie „keine Lust hat“ im Sumpf aus (finanziellen) Abhängigkeiten, Fremdbestimmung und Unterdrückung landen zu wollen. Auch wenn ersteres die Pop-Persona Hagen wohl nicht betreffen dürfte, die zwar erst am Anfang ihrer Karriere steht, aber extrem erfolgreich ist.23)Vgl. Skolud, Hubert (1978): Wenn sie nicht wahnsinnig wird, dann ist sie die Beste. In: Rocky (Heft 44). So ist er ihr möglich, Mutterschaft und Karriere miteinander zu verbinden, als sie drei Jahre später im Mai 1981 Mutter wird. Doch bietet der Text an, „die Probleme stinknormaler Leute“24)Kersten, P.M. (1978), „Ick bin doch keene Lady nicht“. In: Rocky, (Heft 16). Es bleibt jedoch festzuhalten, dass Hagens weißer Feminismus nicht für alle Frauen* sprechen kann. mitzudenken. Hagen bricht mit einem naturalisierenden Mutterdiskurs, der geschwängert ist von einer nationalsozialistischen Mutter, einer Vollmutter der Nachkriegszeit und einer bürgerlichen Kleinfamilie. Hagen verweist zwar auf ökonomische Verhältnisse, die für eine alleinerziehende Mutter prekär sein können, doch dies ist nicht der Grund ihrer Entscheidung gegen das Kind. Sie hat „[k]eine Lust“ und zieht einem ins Private zurückgezogenen Mutter-Dasein ein Leben mit Party in der Öffentlichkeit vor:

„Jetzt ist Zeit endlich mal aufzumotzen.“

Hagen bricht durch die Ablehnung der Mutterschaft nicht nur mit Erwartungen, sondern auch zusätzlich durch ihre Weiblichkeits-Performanz, die dazu einlädt über unsere normativen Vorstellungen von Weiblichkeiten nachzudenken. Hagen inszeniert sich als Frau*: Sie spricht von sich als Frau* („Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüll´n“) und trägt sowohl lila (Obacht!) Lackstiefel, als auch Make-Up auf dem Konzert 1978 in der Rockhalle – beides ist kulturell weiblich* semantisiert. Das Make-Up benutzt sie jedoch nicht im konventionellen Sinne der Verschönerung, sondern als „eine Art Anti-Make-up.“25)Schwarz-Arendt, Sonja (1978): Unbeschreiblich weiblich. In: Konkret (Heft 9), S.41. Schminke und Schuhe könnten aber auch zusätzlich als überpointierende Zeichen des Camps1)Vgl. Sontag, Susan (1989): Anmerkungen zu ‚Camp‘. In: Geist als Leidenschaft. Ausgewählte Essays zur modernen Kunst und Kultur. Leipzig/Weimar: Gustav Kiepenheuer, S.46. gelesen werden, als Anführungsstriche im Sontag´schen Sinne. So wird ihre Show zur „Show“ und sie performt eine „Frau“, deren Künstlichkeit sie hochhält und damit die Gemachtheit des sozialen Geschlechts ausstellt.

Ihre Weiblichkeitsperformanz weicht von stereotypen weiblichen* Rollenvorstellungen ab: Während Hagen davon singt, dass sie sich „unbeschreiblich weiblich“ fühlt, schneidet sie Grimassen, reißt ihren Mund auf, rollt die Augen, tanzt ausladend, schreit – alles keine Merkmale, die unter unsere gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit passen. Und wenn doch, dann im negativen Zusammenhang von Hysterie und Wahnsinn. „Kritiker meinen, wenn sie nicht wahnsinnig wird, ist sie die Beste“ lautet die Überschrift in der Rocky vom Oktober 1978.2)Skolud (1978) Dabei wird doch nur allzu deutlich, dass ihr ,Wahnsinn‘ ein abgezirkeltes Spiel ihrer ‚Show‘ ist. Wie eine Wahnsinnige schneidet sie Grimassen und singt davon, jetzt „endlich mal aufzumotzen“ um anschließend festzustellen, dass sie sich trotz abgelehnter Mutterschaft „unbeschreiblich weiblich“ fühlt. Sie setzt also Dinge äquivalent, die nicht in einem gewohnten Zusammenhang stehen. Durch die Frame-Brüche, die ihre Performanz evoziert, verweist sie auf die Künstlichkeit und Konstruiertheit eines Weiblichkeitsmythos, der seinem traditionellen Narrativ folgend von lächelnden, fürsorglichen Frauen* und Müttern (die wir an dieser Stelle auch wieder gleichsetzen) erzählen könnte. Indem sie nicht die Norm bedient, sondern Alternativen aufzeigt – Schreien statt Lächeln – und es trotz alledem unter der Überschrift „Unbeschreiblich weiblich“ führt, eröffnet und vergrößert sie den Möglichkeitsraum ‚Weiblichkeit‘. Auch wenn es nur für einen Moment ist. Denn es heißt: „augenblicklich“ fühle sie sich „unbeschreiblich weiblich“. Es ist eine Möglichkeit von vielen.

Der ‚skandalöse‘ Feminismus einer Nina Hagen (man denke an den Fernsehauftritt 1979 in der österreichischen Fernsehsendung Club 2, in der sie trotz männlichen Einspruchs des Journalisten Humbert Fink den Zuschauer*innen an ihrem eigenen Körper präsentiert, wie ein Orgasmus für Menschen mit Vulven gelingen kann)3)Vgl Seidel (2015): TV-Glotzer – Überlegungen zu Popfeminismus und Fernsehen. In: Stefan Greif, Nils Lehnert, u.a. (Hg.): Popkultur und Fernsehen. Historische und ästhetische Berührungspunkte. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 246. Seidel deutet den Auftritt als einen ersten popfeministischen Moment im deutschsprachigen Fernsehen. und die Feier der Künstlichkeit reichen sich unter Hagens Pop-Persona die Hände. Es braucht die Künstlichkeit, denn sie markiert erst die zu kritisierende Norm. Sie wird genutzt, um das dem Pop innewohnende Transformationspotential4)Vgl. Seidel (2015): S. 248. freizusetzen und einen Weiblichkeitsmythos zu entlarven, der von normativer Weiblichkeit, idealisierten Mütterbildern, Hausfrauen und Unterdrückung erzählt. Ganz im Sinne eines Popfeminismus wird Popkultur nicht „als Teil der Massenkultur […] und damit Teil eines kapitalistischen, hegemonialen Zusammenhangs“5)Seidel (2015): S. 248. abgelehnt, sondern genutzt und sich angeeignet, um feministische Inhalte an den ‚Mann‘ zu bringen, sie massentauglich zu machen. Eine ambivalente Mischung vielleicht, doch sie funktioniert.

Hagens Feminismus bewegt sich, wie beschrieben zwar in einer ambivalenten Haltung zum Kapitalismus, doch tappt sie nicht in eine neoliberale Falle, wie es eine Jennifer Lopez knapp 40 Jahre später in ihrem 2016 veröffentlichen Song Ain´t Your Mama tut.6)Vgl. Sandelbaum,/ Zipfel (2015): S. 153f. Sandelbaum und Zipfel beschreiben in ihren Aufsatz, wie bei Lopez versucht wird, sich im patriarchalen Kapitalismus eine Geschlechtergleichheit vorzugaukeln und sich gegebenen patriarchalen Hegemonialsystemen unterzuordnen. Sie lehnt eine Mutterschaft ab, nicht um ihrer Karriere willen, sondern zum Wohle einer feministischen Emanzipation („Vorher muss ich mich erstmal selbst befrein“) und eines hedonistischen Lebensstils.

Was festgehalten werden kann, ist die Tatsache, dass die Entscheidung, Mutter zu werden, viel unbezahlte Arbeit bedeutet und dass diese bei gleichzeitiger ökonomischer Abhängigkeit nach wie vor meist von Frauen* ausgeführt wird. Trotz oder gerade wegen der Aktualität des Themas macht der Feminismus einer Nina Hagen auch gut 40 Jahre später noch Spaß. Ganz in der Tradition des Pop I schafft sie es, Popstar, Show, Spaß, feministische Gesellschaftskritik und Musik zu einer Mischung zu vereinen, die zusammen funktioniert und sich nicht gegenseitig aushebelt, sondern bestärkt.


Literaturverzeichnis

Barthes (1964), Mythen des Alltags, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Donath, Orna (2016): #regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen. München: Albrecht Knaus Verlag.
Hagen, Nina (1978): Nina Hagen Band. CBS Italiana.
Kauer, Katja (2009): Popfeminismus! Fragezeichen! Eine Einführung. Berlin: Frank & Timme (Kulturwissenschaften, 7).
Kersten, P. M. (1978): „Ick bin doch keene Lady nicht“. In: Rocky, (Heft 16).
Lorenz, Julia (2019): Papa, Don´t Preach: Abtreibung (k)ein Poptabu!? In: Kaput. Magazin für Insolvenz und Pop. https://kaput-mag.com/stories-de/papa-dont-preach-abtreibungen-kein-poptabu_songs-ueber-schwangerschaftsabbrueche/ (abgerufen am 22.4.2019).
Pabst, Philipp (2016): Frankies Erben? Deutschsprachige Coverversionen von Sinatras „My Way“. In: POP. Kultur und Kritik (Heft 9), S. 158-173.
Sandelbaum, Sarah/ Zipfel, Hannah (2015): „Ain’t your mama!“. Repromania im Pop. In: Testcard (Nr. 25), S.153-157.
Schwarz-Arendt, Sonja (1978): Unbeschreiblich weiblich. In: Konkret (Nr. 9), S.41-42.
Seidel, Anna (2015): TV-Glotzer –. Überlegungen zu Popfeminismus und Fernsehen. In: Stefan Greif, Nils Lehnert, Anna-Carina Meywirth (Hg.): Popkultur und Fernsehen. Historische und ästhetische Berührungspunkte. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 243-264.
Skolud, Hubert (1978): Wenn sie nicht wahnsinnig wird, ist sie die Beste. In: Rocky (Heft 44).
Sontag, Susan (1989): Anmerkungen zu ‚Camp‘. In: Geist als Leidenschaft. Ausgewählte Essays zur modernen Kunst und Kultur. Leipzig/Weimar: Gustav Kiepenheuer, S.42-59.
Vinken, Barbara (2007): Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos. Zweite Auflage. München/Zürich:Fischer.

Franca Pape

Franca studiert Kulturpoetik in Münster, wohnt aber lieber in Köln und denkt während der Zugfahrten oft darüber nach, was sie lesen könnte, schaut dann aber lieber aus dem Fenster oder auf ihr Smartphone und versendet GIFs. Ihr Lieblingsspruch ist: Alles hat ein Enden, nur die Wurst hat zwei.

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