Zwischen Symbol und Persönlichkeit: Die Mütter in unserer Kinderliteratur

4. Februar 2019 - 2019 / Allgemein / Deine Mudda / Deine Mutter / soziotext / texttext

Ob als böse Stiefmutter, als engelgleiches Ideal wie Lily Potter und Mrs. Fauntleroy oder als gutmütige Nestbauerin wie Mrs. Weasley, die Mütter in unserer Kinder- und Jugendliteratur neigen zu Stereotypen. Viele populäre Kinder- und Jugendbücher untermauern Gender-Stereotype, anstatt ihnen entgegenzuwirken 1)vgl. Heilmann und Donaldson, 2009, S. 139. Auch der Harry-Potter-Hype war seinerzeit begleitet von viel Kritik an der Repräsentation der Geschlechter und vor allem der Mutter-Figuren. Kritisiert wurde u. a. die Figur der Lily Potter, welche als Inkarnation der Schönen Seele und des Viktorianischen Ideals der engelgleichen Mutter interpretiert wurde 2)vgl. z. B. Flotmann, 2013, S. 248. Ihre (Mutter-)Liebe, ihre Fürsorge, ihre Güte und ihre Sanftmut werden in den Texten deutlich in den Vordergrund gerückt, stark idealisiert und im Laufe der Serie zu keinem Zeitpunkt angezweifelt (im Gegensatz zur der Güte des James Potter, der in Band fünf von seinem Podest gestoßen wird, als Harry sieht, wie er den schwächeren Severus Snape mobbt und verhöhnt). Indem die Serie Lily Potter zu einer Ikone macht, verwehrt sie ihr eine konkrete Persönlichkeit und Individualität. Doch wie kommt eine solche Darstellung zustande? Woran liegt es, dass ihre Figur zu einem Symbol wird? Eine gängige Erklärung für Stereotype ist, dass sie ganz einfach zum Lektüregenuss beitragen, weil leicht wiederzuerkennende Charaktere und Situationen Trost und Behaglichkeit spenden 3)vgl. Heilmann und Donaldson, S. 140. So gibt es in klassischen Märchen bereits eine längere Tradition des Motivs der ‘toten guten Mutter’: Denn auch die Mutter von Schneewittchen ist tot und gut, ebenso wie die Mutter von Aschenputtel und die Mutter von Hänsel und Gretel. Was bleibt ist immer die böse Stiefmutter, was Harry Potter bleibt, ist Tante Petunia.

Warum werden gute Mütter und böse Stiefmütter zu stock figures?

Für einen Erklärungsversuch möchte ich die Forschungsergebnisse von Sabine Bolz heranziehen. Ihre Analyseergebnisse hat sie zwar vornehmlich an Kinder- und Jugendbüchern aus dem 19. Jh. gewonnen und schon 1989, acht Jahre vor der Veröffentlichung von Harry Potter und der Stein der Weisen veröffentlicht, und dennoch ist eine Analogie zu den Mutter-Figuren in Rowlings Harry Potter verblüffend. Interessant ist, dass Bolz eine Verbindung zwischen der Psychologie des Kindes und der Präsentation der Mutter als literarischer Figur zieht. Sie geht davon aus, dass das Coming-of-Age Motiv, welches sich in fast allen Kinderbüchern findet, die Darstellung der Mutterfigur beeinflusst. Bolz führt die gegensätzlichen Mutterbilder auf die sich widerstreitenden Gefühle des heranwachsenden Kindes zur eigenen Mutter zurück, welche es im Zuge der notwendigen Individuation und Initiation durchleben muss. Das heranwachsende Kind ist hin- und hergerissen zwischen einem zunehmendem Individuationsstreben (auf eigenen Beinen stehen) und dem Wunsch nach (symbiotischer) Nähe zur Mutter. Die Kinderliteratur löst dieses Problem nun, indem sie die Präsentation der Mutter in zwei Teile spaltet, in den „guten“ Teil und den „bösen“ Teil 4)vgl. Bolz, S. 13. Diese Teile werden in der Erzählung auf mindestens zwei Charaktere übertragen. Während die Figur der bösen Mutter mit negativen Semantiken verknüpft wird, wie mit Angst, emotionale Kälte, Bestrafung, Fremdartigkeit, wird die Figur der guten Mutter mit positiven Gefühlssemantiken, wie Liebe, Zärtlichkeit, Schutz und Vertrauen verbunden. Doch da der Status der Makellosigkeit leichter zu erhalten ist, wenn die Figur möglichst unkonkret bleibt, wird die Mutter in vielen Texten der Kinderliteratur aus der Realität der Diegese verdrängt. In der Folge heißt das, dass die Figur der guten Mutter nicht spricht, nicht handelt und vor allem in keiner Szene vorkommt. Sie wird zum backstage character, zu einem Charakter, über den die anderen Figuren reden, der sogar Einfluss auf die Handlung nehmen kann, der aber niemals die Bühne in Person betritt. Ein backstage character ist leicht zu symbolisieren. Die tote Mutter wird zu einem abstrakten Ideal, eine Inkarnation des Guten. Besonders geschickt, so Bolz, ist es, wenn die Mutter nicht bloß stirbt, sondern sich auch noch für das Kind (den Protagonisten) opfert, denn damit wird jeder Zweifel an ihrer Selbstlosigkeit und ihrer Mutterliebe im Keim erstickt. Alle negativen Aspekte und Charakterzüge können verleugnet oder auf einen anderen literarischen Charakter übertragen werden, auf eine Ersatz- oder Stiefmutter, die damit nach dem Modell von Bolz automatisch böse wird. Bolz formuliert drastisch: „Die Tötung der Mutter ist somit die schärfste, zu Ende gebrachte Ambivalenzabwehr“5)Bolz, S. 23.

Wie exakt Bolz 1989 angestellten Analysen auf die Verfahren in den Harry Potter-Texten zutreffen, ist erstaunlich und auch erschreckend, denn Bolz weist auf die Gefahren einer solch glorifizierten Darstellung hin. Die abstrakte Darstellung der Mutter führe zu einer „Entleiblichung der realen Frau, Beseelung des ‚reinen Herzens’ und Dämonisierung des weiblichen Begehrens“ 6)Bolz, S. 23. Damit ist eine solche Darstellung wie geschaffen dafür, die im 18. Jh. entstehenden Ideologie der Geschlechtscharaktere zu zementieren. Das Konzept der Geschlechtscharaktere gibt vor, aus der Biologie und einer angeblichen Bestimmung der Natur abzuleiten, dass Frauen in ihrem ureigenen Wesen immer passiv, abhängig, aufopfernd geduldig, emotional, liebevoll u. Ä. seien, während Männer von Natur aus immer aktiv, willensstark, selbstständig, durchsetzungsfähig, rational u. Ä. seien. Es assoziiert das Männliche mit Gewalt und Macht, während es das Weibliche mit Liebe und Anpassung assoziiert. Es lädt die Dichotomie Kultur/Natur semantisch mit männlich/weiblich auf und ordnet Männern die Kultur (das Tun) und Frauen die Natur (das Sein) zu. Entstanden ist diese Ideologie mit den starken Veränderungen der Familienstruktur im Zuge der Industrialisierung, d. h. der Entstehung der bürgerlichen Kernfamilie (im Gegensatz zum Ganzen Haus) und damit der Spaltung der Sphären ‚Produktion‘ und ‚Reproduktion‘. Da Frauen ein größerer Anteil an der Reproduktion zugeschrieben wurde, wurden sie dieser Sphäre und damit dem häuslichen Leben zugeordnet, während Männer der Sphäre der Produktion und damit dem öffentlichen Leben zugeordnet wurden. Die Beschränkung der Frau auf die Sphäre der Reproduktion führte im 19. Jh. zu einem verzerrten und idealisierten Mutterbild und vor allem zu der Reduktion der Frau auf die mütterliche Rolle (und zugleich die Reduktion des Mannes auf die Rolle des Ernährers). Mit den emanzipatorischen Bewegungen, vor allem der 1968er Bewegung, wurden solche Ideologien angegriffen, sodass wir heute vor der zweiten Frage stehen:

Wie gehen zeitgenössische populäre Kinder- und Jugendbücher mit dem Wandel und der Diversifizierung von Mutter- und Geschlechterbildern um? Wie können sie dem Anspruch nach mehrdimensionalen Mutterbildern gerecht werden, wenn sie als Individuationsgeschichten zugleich dazu neigen, die kindlichen Ambivalenzen gegenüber der Mutter aufzugreifen?

Um dieser Frage nachzugehen, sollen hier drei populäre All-Age-Serien der letzten zwei Jahrzehnte untersucht werden: Harry Potter, Die Tribute von Panem und Tintenherz. Zuerst einmal springt ins Auge, dass vier von sechs Elternteilen als backstage character eingeführt werden: Lily und James Potter, Mr. Everdeen und Teresa Folchart. Anders als Lily Potter wird Teresa Folchart aber, obgleichl für den Großteil des ersten Bandes abwesend, nicht als die gute Mutter stilisiert. Im Gegenteil, zu Beginn der Geschichte hegt Meggie negative Gefühle gegenüber der abwesenden Mutter, da sie glaubt, ihre Mutter habe sie aus freien Stücken verlassen (S. 92). Sie ist sogar eifersüchtig auf die eigene Mutter und begreift sie als Konkurrentin um die Liebe des Vaters, was an den Ödipus-Komplex erinnert („Zum ersten Mal ahnte Meggie, wie sehr er ihre Mutter vermisste. Und einen verrückten Augenblick lang war sie eifersüchtig.“ (S. 210)). Sie begreift die Mutter als einen Eindringling in die Vater-Tochter-Dyade, die sie mit ihrem Vater Mortimer bildet, den sie liebevoll Mo nennt. Mit der Etablierung und Betonung der symbiotischen Vater-Tochter-Dyade verkehrt Tintenherz das aus dem 18. und 19. Jh. stammende Konzept der Mutter-Kind-Dyade ins Gegenteil. Die fürsorgliche Intimität zwischen Vater und Tochter sowie Mortimers Qualitäten als alleinerziehender Vater werden stark in den Vordergrund gerückt, indem sie von Anfang an als Rahmen etabliert und dann regelmäßig und oft erwähnt werden. Mit dieser Darstellung bricht Tintenherz die tradierte Vorstellung auf, dass nur die Mutter den emotionalen Pol in der Kindererziehung übernehmen kann, während dem Vater der rationale Pol zukommt. Erst nachdem Meggie die Gründe für Teresas Verschwinden versteht, ändert sich ihre Einstellung zu ihrer Mutter, und von diesem Moment an wird Teresa stark idealisiert und zur guten, sanften, liebevollen Mutter stilisiert. Tintenherz löst die Ambivalenz nach Bolz also zwar durch Spaltung, verteilt den guten und den bösen Teil jedoch nicht auf zwei unterschiedliche Charaktere, sondern vereinigt sie in einem Charakter. Das trägt insgesamt zu einer Individualisierung der Mutterfigur bei. Dennoch spiegelt sich in der Darstellung Teresas deutlich das Konzept des Geschlechtscharakters. Sowohl auf formaler wie auf inhaltlicher Ebene kommen ihr bloß passive Rollen zu. Während Mortimer aktiv den Plot initiiert, indem er fiktive Charaktere aus einem Buch herausliest, wird Teresa passiv in das Buch hineingelesen. Am Ende kommt ihr die Rolle des Preises 7)nach V. Propp zu, mit dem die aktiven Helden Mortimer und Meggie belohnt werden, nachdem sie den Antagonisten Capricorn besiegt haben. Das hilflose Opfer Teresa wird von den Helden vor der Hinrichtung bewahrt. Auch auf inhaltlicher Ebene wird vor allem ihre Opferrolle in den Vordergrund gerückt. Sie ist diejenige, die in das Buch hinein gelesen wird. Zwar wird sie später auch wieder herausgelesen, verliert dabei jedoch ihre Stimme. Nachdem sie herausgelesen wurde, ist sie als Gefangene in Capricorns Dorf jahrelang das stumme Opfer männlicher Gewalt (nach der Frauenbildforschung ein weit verbreitetes Stereotyp 8)vgl. Würzbach, 1996, S. 370, am Ende des ersten Teils soll sie zudem hingerichtet werden. Zu dieser Opferrolle kommt eine infantilisierende Beschreibung hinzu. Sie ist charakterisiert durch ihre Liebe zu Tieren (S. 158), zu Feen und Märchen (S. 152) und zu Erdbeeren (S. 256). Wie um ihren Charakter abrundend zu romantisieren, heißt es zudem: „Sie sah so schön aus, fast unwirklich schön, mit ihrem Goldhaar und den traurigen Augen“ (S. 419). Alles in allem ist die Darstellung der Mutter in Tintenherz durchdrungen von überholten Stereotypen, während die Figur des Vaters die Reduktion auf die tradierte Vaterrolle überwindet und eine progressive Männlichkeit verkörpert.

Kommen wir zu Die Tribute von Panem, welches für die Darstellung der starken Protagonistin Katniss Everdeen viel Lob und Anerkennung geerntet hat. Bei näherem Hinsehen ergibt sich, dass auf der Ebene der Kinder (Katniss, Peter) das Konzept der Geschlechtercharaktere umgekehrt wird, während es auf der Ebene der Eltern (Mr. und Mrs. Everdeen) als Negativ-Folie zu der Kindergeneration konsequent umgesetzt wird. Mr. Everdeen verkörpert den mutigen und starken Beschützer und Ernährer der Familie und damit das Klischee der hegemonialen Männlichkeit. Neben seiner Arbeit im Bergbau geht er verbotenerweise im Wald jagen, um seine Familie zu ernähren. Sein Tod stürzt die Familie in eine Krise, denn Mrs. Everdeen ist nicht in der Lage, für die Kinder zu sorgen. Sie wird als überfordert, emotional und ihren Gefühlen unterworfen dargestellt. Sie gibt sich ihrer Trauer hin, im Gegensatz zu ihrer ältesten Tochter Katniss, welche ihre Gefühle beiseiteschiebt, die Initiative ergreift und den Platz ihres Vaters einnimmt um die Familie zu ernähren und zu beschützen. Mrs. Everdeens Passivität und Schwäche werden stark in den Vordergrund gerückt, zudem wird auch sie infantilisiert. Sie bildet eine Einheit mit der kleinen Schwester Prim, während Katniss eine Einheit mit ihrem Vater bildet. Während Vater/Katniss im Wald jagen, bleiben Mutter/Prim zu Hause und sind für die Zubereitung des Essens zuständig. Während Vater/Katniss mit Semantiken der Gewalt verknüpft sind, werden die Mutter und Prim über ihr Talent fürs Heilen charakterisiert, einem traditionell weiblichen Metier, da Heilen mit Erhalten und Bewahren assoziiert wird. Interessant ist, dass diese Umkehrung nicht aus der Mutter, sondern aus dem abwesenden Vater ein idealisiertes Symbol macht. Mr. Everdeen stirbt im Bergbau, welches als ein Opfertod für seine Familie begriffen werden kann, denn seine lebensgefährliche Arbeit im Bergbau ernährt die Familie. Er wird stark idealisiert und im Laufe der Geschichte zu keinem Zeitpunkt von diesem Podest heruntergestoßen. Nach dem Modell von Bolz wird der backstage character idealisiert und die negativen Charakterzüge werden auf eine andere Figur übertragen. Interessant ist, dass sie jedoch nicht auf einen Ersatzvater (analog zur bösen Ersatzmutter nach Bolz), sondern auf die Mutter übertragen werden, zu der Katniss in der Folge keinen emotionalen Zugang findet. Die Mutter ist die „woman who sat by, blank and unreachable, while her children turned to skin and bones“ (S. 10). Die Distanziertheit und Indifferenz der Mutter werden von Anfang an stark in den Vordergrund gerückt. Doch gleichzeitig bleibt die Ambivalenz: „My mother’s hand strokes my cheek and I don’t push it away as I would in wakefulness, never wanting her to know how much I crave that gentle touch. How much I miss her even though I don’t trust her.” (S. 353). Die Tribute von Panem findet also einen Weg, die Ambivalenzen des Kindes gegen die Mutter (bzw. den Eltern) auf sehr innovative Weise zu lösen, bei der die Mutterfigur nicht zu einem abstrakten Symbol wird, sondern sehr menschlich bleibt. Als Preis für diese Vermenschlichung der Mutter muss die Vaterfigur als abstraktes Ideal herhalten. Das Kritische an der viel gelobten Geschlechterrepräsentation in Die Tribute von Panem ist und bleibt jedoch, dass traditionell männlich assoziierte Eigenschaften (Aktivität, Mut, Gewalt) als überlegen dargestellt werden, während traditionell weiblich assoziierte Eigenschaften (Passivität, Liebe, Bewahren) als unterlegen gekennzeichnet sind. Dies entspricht der Dichotomie, die im 18./19. Jh. genutzt wurde, um trotz Aufklärung und trotz der Einführung von Menschenrechten das Patriarchat weiter zu legitimieren und aufrechtzuerhalten. Prim und Mrs. Everdeen, die deutlich den traditionell weiblichen Geschlechtscharakter verkörpern, sind abhängig von Katniss‘ und Mr. Everdeen, die den traditionell männlichen Geschlechtscharakter verkörpern. Fortschrittlicher und angemessener wäre es, die gesamte Ideologie der Geschlechtscharaktere subversiv zu unterwandern, z. B. indem traditionell weibliche und männliche Charakterzüge in nur einem Charakter vermischt und traditionell weiblich assoziierte Charakterzüge als einflussreich anstelle von hilfsbedürftig dargestellt werden. Dieses Festhalten an der Geschlechterideologie und der Überlegenheit des männlichen Geschlechtscharakters wurde in der Diskussion um die Geschlechterrepräsentation in Die Tribute von Panem nicht berücksichtigt oder übersehen.

Anders als Die Tribute von Panem wurde Harry Potter für die Geschlechterrepräsentation viel kritisiert. Sicherlich ist nicht abzustreiten, dass die Serie viele Stereotype aufgreift. Dennoch muss man ihr zugutehalten (wie es im Übrigen auch von einigen, z. B. Collins Smith, erkannt wurde), dass das Machtverhältnis zwischen traditionell weiblichen und traditionell männlichen Werten umgekehrt wird. Die Liebe und Opferbereitschaft der Mutterfigur vertreibt den als mächtig und bedrohlich dargestellten Antagonisten und initiieren damit den Plot. Im weiteren Verlauf wird die Mutterfigur zum leitenden Prinzip für den Protagonisten. Harry Potter, ein Charakter, in dem sich hegemonial männliche und traditionell weibliche Charakterzüge vermischen, orientiert sich, wenn er sich am Ende der Erzählung aus Liebe opfert, an seiner Mutter. Da sich genau diese Selbstaufopferung als einzige Möglichkeit herausstellt, den Antagonisten endgültig zu besiegen und damit der Plot beendet wird, findet eine Umdeutung der traditionellen Machtzuschreibungen statt. Nicht mehr die hegemoniale Männlichkeit, die nach Macht und Dominanz strebt, gewinnt. Überlegen ist die traditionell weiblich assoziierte Güte und Liebe. Damit werden diese Eigenschaften radikal aufgewertet. Sie werden nicht mehr als bedürftig und hilflos codiert, sondern als einflussreich und mächtig. Mit dieser Umkehrung lässt sich Harry Potter, trotz aller berechtigten Kritik, in letzter Konsequenz feministisch lesen und Lily Potter nicht bloß als eine engelgleiche Mutter sehen, sondern als einer der mächtigsten Charaktere der hier untersuchten Serien.

Literaturverzeichnis

Bolz, S. (1989). Zu den theoretischen Voraussetzungen dieser Ausstellung. In G. Merger & M. Balg (Eds.), Liebe Mutter – böse Mutter: Angstmachende Mutterbilder im Kinder- und Jugendbuch (pp. 13-25). Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg.

Bolz, S. (1989) Hänschen Klein im Psycholand. Mutterliebe, Ambivalenz und Angst als Bedingung der kindlichen Individuation. In G. Merger & M. Balg (Eds.), Liebe Mutter – böse Mutter: Angstmachende Mutterbilder im Kinder- und Jugendbuch (pp. 101-120). Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg.

Collins Smith, A. (2010). Harry Potter, Radical Feminism, and the Power of Love. In G. Bassham & W. Irwin (Eds.), The Ultimate Harry Potter and Philosophy: Hogwarts for Muggles (pp. 80-93). New Jersey: Wiley.

Flotmann, C. (2013) Ambiguity in “Star Wars” und “Harry Potter”: A (Post)Structuralist Reading of Two Popular Myths. Bielefeld: transcript.

Heilman, E. E., & Donaldson, T. (2009). From Sexist to (sort-of) Feminist: Representation of Gender in the Harry Potter Series. In E. E. Heilman (Ed.), Critical Perspectives on Harry Potter(2nded.) (pp. 139-162). New York: Routledge.

Propp, V. (1975). Morphologie des Märchens.Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Würzbach, N. (1996). The Mother Image as Cultural Concept and Literary Theme in the Nineteenth- and Twentieth Century English Novel. In R. Ahrens & L. Volksmann (Eds.). Why Literature Matters: Theories and Functions of Literature. (pp. 367- 391). Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter.


Judith Börger

Judith Börger

Judith Börger hat ihr Studium der Kulturpoetik in Münster mit einer Masterarbeit über die Geschlechterrepräsentation in populären Kinderbüchern beendet. Mittlerweile arbeitet sie am Germanistischen Institut in Münster als WHK und versucht nebenbei eine Promotion auf die Beine zu stellen.
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