Blogbuster – Ein Preis mit schönem Schein

30. Oktober 2016 - 2016 / Allgemein

Durch Zufall sind wir bei unseren Erkundungen durch die unendlichen Hallen der Frankfurter Buchmesse an einem Plakat zum Eröffnungsevent des Blogbusters vorbeigekommen – bewusst und sehr neugierig haben wir dieses schließlich besucht. Das Event entpuppte sich als Auftaktveranstaltung und Pressekonferenz in einem und versuchte der Buchwelt und dem Publikum einen neuen und auch neuartigen Literaturpreis vorzustellen.

Das Konzept lässt sich in etwa wie folgt rekonstruieren: 15 Literaturblogs müssen sich von den an sie eingegangenen Roman-Manuskripten einen Favoriten aussuchen und diesen jeweils vor der Fachjury präsentieren. Die Fachjury wählt daraufhin aus der ‚Longlist‘ den/die Gewinner_in, veröffentlicht den Titel im Klett-Cotta Verlag und der betreuende Blog erhält eine Provision. So weit, so gut – ein Literaturpreis mit zwei Runden, würde man sich denken. Aber weit gefehlt, denn dieser Preis, so ließ es zumindest die Jury während der bereits erwähnten Pressekonferenz verstehen, ist revolutionär modern: Er erde den abgehobenen und um sich selbst zirkulierenden Literaturbetrieb und bringe ihn zurück zu den Leserinnen und Lesern. Die Erstauswahl durch die Blogger_innen erkenne deren Bedeutung für den sich im Wandel befindenden Literaturbetrieb an und erlaube ihnen erstmals, aktiv daran teilzuhaben. Schließlich dürfen auch die größtenteils anwesenden Bloger_innen sich noch kurz dem Publikum und der Jury vorstellen – eine runde Sache! Wer nicht allzu sehr von Denis Schecks neonorangen Socken geblendet oder den hipp mal eben ein Bier trinkenden Buchmarktgrößen beeindruckt war, konnte aber eins, zwei, vielleicht sogar drei Ungereimtheiten bemerken: Fangen wir bei der Jury an.

Fünf alte Hasen

V.r.n.l.: Tobias Nazemi, Tom Kraushaar, Elisabeth Ruge, Denis Scheck, Lars Birken-Bertsch und der Moderator der Auftaktveranstaltung

V.r.n.l.: Tobias Nazemi, Tom Kraushaar, Elisabeth Ruge, Denis Scheck, Lars Birken-Bertsch und der Moderator der Auftaktveranstaltung

Die Jury besteht aus fünf Mitgliedern: Elisabeth Ruge von der Literaturagentur Elisabeth Ruge, Lars Birken-Bertsch, bei der Frankfurter Buchmesse für das Business Development im deutschen Raum zuständig, Tom Kraushaar, der den Verlag Klett-Cotta, bei dem schließlich publiziert wird, repräsentiert, Denis Scheck, u.a. Literaturkritiker bei der ARD und Tobias Nazemi, Initiator des Ganzen, PR-Agenturinhaber und selbst Blogger. Wenn man die illustre Runde betrachtet, fällt einem als erstes Elisabeth Ruge auf, die als Quotenfrau etwas Abwechslung unter die Herren der Schöpfung bringt. Und das, obwohl sich Nazemi selbst auf seinem Blog als „last man reading“ bezeichnet. Was das zur Sache tut? Nicht so viel, denn die Tatsache, dass wir es mit sehr eingespielten Akteuren der Buchwelt zu tun haben, die, ob sie wollen oder nicht, in den eingefahrenen Schienen ihres Milieus feststecken, lässt sich ebenfalls anhand der beruflichen Laufbahnen nachverfolgen und wird auch nicht von bunten Socken oder etwas Bier verdeckt. Da sie es sind, die im Endeffekt darüber entscheiden, welches Manuskript bei Klett-Cotta verlegt wird, ist es zumindest für mich schwer nachzuvollziehen, wie dieser Preis moderner und bodenständiger sein soll als andere.

Die Blogs als Spielball der Jury

Eng damit zusammen hängt dann die Rolle der Literaturblogs im Prozess dieses Wettbewerbs. Wenn man es genau betrachtet, sind sie für die mühsame Arbeit des Manuskripte-Sichtens, des Findens der Nadel im Heuhaufen verantwortlich und nehmen der finalen Jury damit einiges an Arbeit ab. Ihre steigende Relevanz als Influenzer für den Buchmarkt endet aber auch schon mit der ersten Runde und sie werden im Pitch um den Sieg mit den Autor_innen gemeinsam auf die Ebene der Bewerber_innen gestellt – von der Jury zum/r Wettbewerber_in in weniger als 10 Sekunden. Nur wer mit seinem/r Schriftsteller_in und Romanprojekt in den Augen der Fachjury punkten kann, bekommt die Provision und den für die Blogger_innen vermutlich noch viel entscheidenderen Ruhm.

Alles nur Marketing?

Klar ist das auch ein Vorteil für die ausgewählten Blogs: Mit der Teilnahme an dem Wettbewerb, der vor allem Arbeit aufgibt und bei den entscheidenden Prozessen aber die Mitsprache verwehrt, erweitert man seinen Bekanntheitsgrad und spart sich Marketingaktionen sowie mühsame Followerakquise. Der gleiche Effekt – nur in groß – gilt jedoch ebenso für die finale Publikation sowie für das Gesamtprojekt unter der Leitung der Fachjury. Über die Streuung der Blogs wird die Aufmerksamkeit der potenziellen Leserschaft bereits vor dem Erscheinen des Buches künstlich gepusht. Deutlich wird, dass dieser Nebeneffekt kein Abfallprodukt, sondern sehr wohl beabsichtigt war, wenn beispielsweise erklärt wurde, dass bei der Auswahl der Blogs nicht nur auf einen positiv angerechneten Schwerpunkt auf Gegenwartsliteratur geachtet wurde, sondern auch (vor allem?) auf die Reichweite. Aus Marketing-Perspektive (und aus dieser kommen Kraushaar, Birken-Bertsch und auch Nazemi) sicherlich nachvollziehbar!

Dass Denis Scheck mehrmals einwirft, er lese privat sehr wohl literarische Blogs, und sich die Jury als hippe, offene und für Veränderungen aufgeschlossene Instanz des Wettbewerbs präsentierte, ändert nichts an der Tatsache, dass ein echter Literaturpreis von Blogger_innen anders auszusehen hat. Warum treten die 15 Blogger_innen nicht auch als die finale Endjury an? Warum stellt sich dieser Preis als etwas Neuartiges dar, obwohl es mit Plattformen wie Neobooks bereits seit 2010 ähnliche Konzepte gibt (nur nicht in Preisform)? Es wird wohl noch einiges an Zeit vergehen müssen, bevor sich der Literaturbetrieb WIRKLICH dem Wandel im Betrieb und der Bedeutung neuer Medien, wie den Blogs, bewusst wird.

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
Jürgen Gabel

› tags: Blog / Blogger / Buchmesse / Frankfurt / Literaturpreis /

Comments

  1. Ah, eine Resonanz auf Blogbuster2017. Das ist an sich gut. Nur haben sich leider kleine Fehleinschätzungen eingemogelt. Wenn hier jemand jemanden vor den Marketingkarren spannt, dann die BloggerInnen die Fachjury. Der Preis ist eien Idee von Tobias Nazemi, er hat ihn mit den beteiligten BloggerInnen verfeinert und an den Start gebracht und die Jury »rekrutiert«.
    Die Diskussion endet nicht bei der Übergabe der »Favoriten« an die Jury. Die BloggerInnen-Meinung ist weiter gefragt. Und kaum einem der Beteiligten geht es um die Provision (und schon gar nicht um Ruhm), sondern um das Spiel/Experiment, ein Gespann aus AutorIn/BloggerIn durch den Preisprozess zu »lotsen«. Niemand von uns versteht Blogbuster2017 als Versuch, den Literaturbetrieb umzukrempeln oder einem Wandel zu unterziehen. Es ist einfach nur ein Literaturpreis, der in der Blogger-Community initiiert wurde. Es ist ein Experiment, von dem wir bislang alle nicht wissen, wie es ausgeht, sind aber schon verwundert, dass man lieber auf uns einprügelt als uns unterstützt.
    lg_jochen

    • Jürgen Gabel sagt:

      Hallo Jochen,
      wer wen rekrutiert hat oder Ideengeber war, ist für das Endprodukt und die Wirkung des Preises meines Erachtens irrelevant. Meine Erwartung, wenn ich von einem Literaturpreis von Blogger_innen höre, ist, dass diese, wie im Artikel aufgezeigt, den Preis dann auch vergeben und nicht nur eine Vorauswahl tätigen und dann die für den Verlag entscheidende Marketing-Arbeit für das zu verlegende Buch übernehmen. Dass die Blogger_innen durch den Preis ebenfalls an Reichweite gewinnen liegt auf der Hand (sonst wäre ich vermutlich nie auf deinen Blog gekommen). Der Literaturbetrieb hat sich bereits gewandelt (und wandelt sich weiter) und Blogs wie deiner stellen neue Formen der Literaturkritik dar. Ein Preis, der dies berücksichtigt, wäre tatsächlich modern und neuartig. Der Blogbuster ist es (und ich kann nur aus meiner Perspektive sprechen) hingegen nicht. Um jedoch auf den „richtigen“ Weg zu kommen, schien es mir unerlässlich, die genannten Punkte kritisch aufzuarbeiten. Ein Blogger_innen-Bashing sollte das nicht werden und sehe ich auch nicht in meinem Beitrag. Jedoch sehr wohl eine Kritik an einem Literturbetrieb, der es nicht schafft, die Zügel abzugeben und mit etwas Mut neue Wege zu gehen.
      Ich hoffe, ich konnte meine Position etwas klarer machen. Viele Grüße Jürgen

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