Die Instrumentalisierung des Schulddiskurses in Max Frischs Andorra – Teil II

11. Juli 2016 - 2016 / Allgemein / texttext

Teil II: Modell vs. Zeitgeschichte

Während sich die Abhandlung der Bildnisthematik in der vergangenen Woche vornehmlich auf der inhaltlichen Ebene von Max Frischs Drama Andorra bewegte, ermöglicht die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Modellcharakter und zeitgeschichtlichen Referenzen eine Verbindung von inhaltlichen und gestalterischen Aspekten. Gleich der Bildnisthematik hat auch das Modell ‚Andorra‘ seinen Ursprung im Tagebuch 1946-1949, zu Beginn des Fragments Marion und die Ma­rionetten: „Andorra ist ein kleines Land, sogar ein sehr kleines Land, und schon darum ist das Volk, das darin lebt, ein sonderbares Volk“.1

Andorra als Modell

Max Frischs Modell ‚Andorra‘ ist kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein fiktiver Weltentwurf zur Überprüfung der Realität.2 Der Modellcharakter des Dramas liegt in seiner Universalität und Über­zeitlichkeit begründet. Bei den Andorranern handelt es sich beispielsweise um Typen, die abgesehen von wenigen Ausnahmen – Andri, Barblin und der Lehrer Can – keine Namen tragen. Stattdessen werden sie mittels ihres Standes in der andorranischen Gesellschaft benannt, wie etwa der Pater, der Soldat oder der Doktor. Ergänzt durch den Verzicht auf genaue Orts- und Zeitangaben verleiht dies dem Drama Anspruch auf uni­verselle Gültigkeit: Andorra ist jederzeit und überall gültig.3 Andorra zeichnet sich jedoch nicht al­lein durch seine Modellhaftigkeit aus, sondern ist auch als Produkt, Verarbeitung und Kritik der Zeitgeschichte zu verstehen. Frisch verändert den Wirklichkeitsstatus des Modells, indem er es vor die Wirklichkeit setzt und so das Herstellen von Wirklichkeit erst ermöglicht.4

Andorra als Produkt der Zeitgeschichte

Gerade der zeitgeschichtliche Bezug ist für die tief greifende Wirkung des Dramas im deutschspra­chigen Raum verantwortlich.5 Angelegt ist dieser, wie bereits die Bildnisthematik und der Modell­charakter, im Tagebuch 1946-1949. Die Fabel Der andorranische Jude ist zwischen zwei Beiträgen einge­bettet, die Frischs Deutschlandreise im Jahre 1946 beschreiben.6 Anknüpfungspunkte an die Zeitge­schichte sind etwa der Antisemitismus, die Judenschau und das Ver­halten der Andorraner in der Zeugenschranke.7 Wie bereits in Teil I: Die Bildnisthematik besprochen, begegnen die Andorraner dem vermeintlichen Juden Andri mit einer feindlichen Haltung. Durch die Projektion ihrer eigenen, negativen Eigenschaften – Geldgier, Feigheit, Ehrgeiz, Ge­mütslosigkeit – entwerfen sie ein Feindbild, das ihr eigenes Verhalten rechtfertigen soll. Bei der Judenschau im Zwölften Bild versucht Barblin die Andorraner davon zu überzeugen, sich gemeinsam gegen die feindliche Macht der Schwarzen zu stellen und Andri zu beschützen: „Keiner soll über den Platz gehn, sagt sie [Barblin], dann sollen sie uns alle holen“. (101) Doch das Vorhaben scheitert. Als Andri von den schwarzen Soldaten abgeführt wird, klagt sein Vater das Verhalten der Andorraner an: „Duckt euch. Geht heim. Ihr wißt von nichts. Ihr habt es nicht gesehen. Ekelt euch. Geht heim vor euren Spiegel und ekelt euch“. (113) Die von ihm geforderte Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld erfolgt jedoch erst retrospektiv in der Zeugenschranke. Die Handlungsebene des Dramas wird durch die zwischengeschalteten Szenen in der Zeugenschranke durchbrochen, in denen die Andorraner rückblickend zu ihrem Verhalten Stellung nehmen. Wie es auch zahllose Nationalsozialisten, Mitläufer und Beobachter nach dem Zweiten Weltkrieg getan haben, sprechen sich die Andorraner dort von jeglicher Schuld frei:

„Ich bin nicht Schuld“
„Ich bin nicht schuld, daß es so gekommen ist später“
„Ich bin nicht schuld, daß sie ihn geholt haben später“
„Aber ich habe ihn nicht getötet.
Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order“
„Einmal muss man auch vergessen können“8

Andorra ist weiter das erste literarische Werk, das sich explizit mit der Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzt und deren Phari­säertum anprangert.9 Durch die evidenten Parallelen, wie das durch vermeintlich moralische Über­legenheit geprägte Selbstverständnis als Ort der Menschlichkeit und des Friedens, wurde das Selbst­bild der Schweiz durch Andorra in Frage gestellt.10

Modell > Zeitgeschichte

Obgleich das Drama ständig zwischen Abstraktion und Konkretion oszilliert, kommt dem Modell­charakter im Vergleich zu den zeitgeschichtlichen Bezügen eine größere Bedeutung zu. Für die di­vergierende Gewichtung von Modell und Zeitgeschichte sprechen neben dem Mangel einer eindeu­tigen zeitlichen und räumlichen Fassbarkeit auch der dem Text vorangestellte Kommentar Max Frischs: „Das [Andorra] dieses Stücks hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Na­mens, gemeint ist auch nicht ein andrer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Mo­dell“.11

Max Frisch verweigert sich in seinem Drama Andorra einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem Schulddiskurs und nutzt diesen nur als Instrument, um sein poetologisches Programm zu realisieren. Die Dominanz der Bildnis- gegenüber der Schuldthematik, die sich bereits auf der histoire-Ebene zeigt, findet sich so auch auf der Ebene des discours. Durch den Mangel an eindeutigen Verweisen auf die NS-Zeit und die anschließende Schuldfrage ergibt sich der Modellcharakter des Dramas, dessen Universalität eine klare Einordnung im Kontext der deutschen Geschichte verhindert. Eine adäquate Verhandlung der ‚Deutschen Schuld‘ erfordert jedoch eben diese explizite Verortung im zeitgeschichtlichen (Nationalsozialismus-) Kontext – eine darstellerische Explizitheit, die Andorra nicht bietet.

Die Auseinandersetzung mit antisemitischen Tendenzen innerhalb des Dramas wie auch ein kurzes Fazit bilden in der kommenden Woche den Abschluss der Andorra-Trilogie.

1Frisch: Tagebuch, S. 12.

2Frisch: Andorra, S. 153.

3 Castellari: Max Frisch, S. 322.

4Frisch: Andorra, S. 153.

5Ebd., S. 140.

6Ebd., S. 139.

7Ebd., S. 141.

8Frisch, Andorra: S. 24, S. 29, S. 36, S. 55, S. 83.

9Schaumann Caroline; Schaumann, Frank: Max Frisch’s Andorra: Balancing Act between Pattern and Particular. In: A Companion to the works of Max Frisch. Hrsg. von Olaf Berwald. Rochester, NY: Camden House 2013, S. 58-71; hier: S. 62.

10Frisch: Andorra, S. 142.

11Ebd., S. 8.

Mina Janoschka

Mina Janoschka

Jasmina Janoschka hat ihren Bachelor in 'Historisch orientierten Kulturwissenschaften' gemacht und ist Studierende des Masterstudiengangs 'Kulturpoetik der Literatur und Medien' an der WWU Münster. Sie hat nicht nur ein Faible für kompliziert klingende Studiengänge, sondern interessiert sich auch für Fantasy, Sci-Fi, Dystopien und polnische Kultur. Weil eine gute Work-Life-Balance nur wieder so ein Trend ist, textet sie nebenbei noch für ein Berliner Startup und schreibt regelmäßig für den MusikBlog.
Mina Janoschka

› tags: Andorra / Antisemitismus / Bildnis / Deutsche Schuld / Deutschsprachige Literatur / Drama / Instrumentalisierung / Klassiker / Literatur / Max Frisch / Nationalsozialismus / Nazis / Rollenbilder / Schuldfrage / Stereotyp / Vorurteile /

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