Chuck Berry rolls over Beethoven

5. April 2021 - 2021 / Kulturproleten meets Beethoven

Kontext: Rock’n’Roll

„Schütteln und Wälzen” so kann Rock’n’Roll ungefähr übersetzt werden.[1] In den 1950er Jahren entstand in Amerika eine neue Musikrichtung, die die ganze Welt in Aufruhr versetzte. Ungewohnte Töne, das Lebensgefühl der Jugend, die ‚Bedrohung‘ des Establishments und ein Mittel im Kampf gegen die Rassentrennung in den USA – all das war Rock’n’Roll. 

Die Töne dieser neuen Musik lösten bei den Zuhörer*innen radikale Meinungen aus. Aufgrund der afroamerikanischen Wurzeln vieler Künstler*innen und auch der Musik selbst, kam es zu rassistischen Ausschreitungen und Verurteilung des Rock’n’Roll. Die Liedtexte und der Rhythmus wurden rassistisch aufgeladen als „vulgär”, „animalisch” oder „primitiv” bezeichnet.[2]

Auch empfanden viele die neue Art der Musik als Lärm, besonders die noch neue E-Gitarre. Die elektrische Verstärkung von Instrumenten simulierte angeblich zu viel Nähe und Intimität und galt als Gefahr für die Sexualmoral (so wie zu Beethovens Zeit das vierhändige Klavierspiel).[3] Aus diesem Grund wurden die im Rhythm and Blues üblichen sexuellen Anspielungen zensiert. Als besonders provokativ galten die Bühnenshows. Elvis Presley wurde aufgrund seines Hüftschwungs „The Pelvis” genannt und der „Duck Walk” war ein wichtiger Teil der Bühnenshow von Chuck Berry. Obwohl seine Charterfolge ihn nicht oft an die Spitze führten,[4] hatte er einen prägenden Einfluss auf den Rock’n’Roll. Sein Song Roll Over Beethoven gilt als Symbol für die Rebellion in der Musik.

Chuck Berry rolls over Beethoven

Chuck Berry Roll Over Beethoven

1956 adressiert Chuck Berry mit Roll Over Beethoven hitverdächtig einen der ganz Großen der Musikgeschichte. Noch bevor der Gesang beginnt erklingt für die Zuhörer*innen eine Botschaft, denn schon Chuck Berrys Intro-Gitarrenriff hat Wiedererkennungswert. Es scheint sein Markenzeichen zu sein, welches sich in vielen seiner Lieder auf eine ähnliche Art und Weise wiederfinden lässt: Johnny B. Goode, Carol, Little Queenie, Let it Rock, Back in the U.S.A., My Mustang Ford oder Little Fox – all diese Songs starten mit eindrücklicher Gitarre.[5] Heute hat diese Art von Riff einen Bekanntheitsgrad, der vielleicht sogar als Sinnbild für den Rock’n’Roll verstanden werden kann – ganz ähnlich wie der Anfang von Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie für die Klassik.

Dass es in den 50ern ein wenig Hartnäckigkeit braucht, um den Weg zum Klassikerstatus überhaupt nur anzutreten, wird gleich in der ersten Strophe von Roll Over Beethoven klar. Die Hörer*innen nehmen am Prozess teil, den ein Musiker durchlaufen muss, um Erfolg zu haben. Und der geht so: Erstens Album oder Song an den lokalen DJ senden, zweitens Lied in Radioshow spielen, drittens bei Gefallen folgt ein Anruf mit der Aufforderung eines erneuten Spielens – „I gotta hear it again today”.

Der wohl bekannteste Rock’n’Roll-DJ der 1950er-Jahre ist Alan Freed. Er organisiert die berühmten „Package-Touren”. Chuck Berry ist häufig Teil dieser Touren und seine Songs werden in Freeds Sendungen gespielt. Diese Radiosendungen verbreiten den Rock’n’Roll vom Süden der USA aus ins ganze Land. „Roll over Beethoven/ I gotta hear it again today”, diese Zeilen stehen dann auch für die unglaubliche Ausbreitung des Rock’n’Roll, ein Massenphänomen dem andere Musikrichtungen weichen müssen.

Die formale Aufhebung der musikalischen Rassentrennung 1949 begünstigte die Verbreitung des Rock’n’Roll.[6] Rhythm and Blues-Bands sowie die bekannte Radioshow wurden von Schwarzen und Weißen Zuhörer*innen gehört.

Alan Freeds Rock’n’Roll Radio Show

Einer der Ursprungsmusikstile für den Rock’n’Roll ist der von Afroamerikaner*innen stammende Rhythm and Blues. Wenn das Herz des Sängers in der nächsten Strophe im „Rhythm” schlägt und seine Seele den „Blues” singt, soll die Tradition des Rock’n’Roll zum Ausdruck gebracht werden, seine pluralistischen Einflüsse, die einen transkulturellen Schmelztiegel zu erkennen geben. Denn hier treffen die Musikrichtungen der weißen Einwander*innen (Hillbilly und die Country-Western-Musik) und die Musik der Afroamerikaner*innen aufeinander. Die Strophe zeigt, dass die Jugend jetzt andere Musik als ihre Eltern hört. Keine Volkslieder, keine Kirchenlieder, die in der Gemeinde gesungen werden, keine Klassik, die in Konzerten gehört wird. Nein, die Jukebox ist die neue Quelle der Musik. Eine Musik, die elektrisierend ist, zu der man sich bewegen muss und zwar bis die Sicherung durchbrennt – „blowin’ a fuse”.

Aber was hat das nun mit Beethoven zu tun? Nun, es heißt ja: „Roll over Beethoven/ And tell Tschaikowsky the news”. Doch warum wird nicht „Roll over Mozart/ And tell Haydn the news” gesungen? Ihr Bekanntheitsgrad ist dem von Beethoven und Tschaikowsky ähnlich. Vielleicht begründet sich die Wahl der Komponisten nur darin, dass die Namen Beethoven und Tschaikowsky den richtigen Rhythmus für das Lied haben. Eine mögliche Interpretation wäre, dass Mozarts wie auch Haydns Musik häufig Witz, Leichtigkeit und Fröhlichkeit vermitteln. Beethovens und Tschaikowskys Kompositionen hingegen erscheinen schwermütiger und damit als Gegenteil des euphorischen Rock’n’Roll. (Die klassische musikalische Erziehung von Chuck Berrys Schwestern und deren Vorrecht am Familienklavier könnte auch zur Namenswahl der Komponisten beigetragen haben.[7] Vielleicht haben seine Schwestern besonders viel Beethoven gespielt, aber das ist natürlich nur eine Annahme.)

In der dritten Strophe wird Rock’n’Roll mit einer Krankheit verglichen, die nur durch die Musik selbst gebessert werden kann. Um die „rockin’ pneumonia” zu lindern, muss „rhythm and blues” gespritzt werden und gegen „rollin’ arthritis” hilft nur ein Konzert. Das Sprachbild ist recht passend, beschäftigten sich doch Ärzt*innen, besonders Psycholog*innen mit der Gefahr, die dieser neue Musikstil angeblich für die Jugend mit sich brachte.

In den Anmerkungen zum ersten Rock’n’Roll-Tanzturnier in Frankfurt wird etwa beschrieben, dass die Teilnehmer*innen verklärte und blöde Gesichter machten, als ob sie von einer Trance oder von einer fremdartigen Krankheit der Ekstase befallen wären.[8] Der Rock’n’Roll-Tanzstil wendete sich vom Altbekannten ab, wie auch in der nächsten Strophe beschrieben wird. Das alte Prinzip Lead und Follow wurde beiseitegeschoben, stattdessen waren die Bewegungen durch das Gefühl und die Energie des Liedes inspiriert: „reel and rock it / roll it over and move on up“. Drehen, schwingen, sich schütteln, springen…: Dies waren neue Tanzbewegungen, die mit konventionellen, standardisierten Tänzen wie einem Walzer nicht mehr viel zu tun hatten. Der Tanz lässt eine Gemeinschaft aus Jugendlichen entstehen, die eine Opposition zu der älteren Generation bildet. Das Lied ist nur für die, die es „fühlen und liken“, die sich ineinander verlieben und miteinander eine schöne Zeit auf der Tanzfläche verbringen möchten. Beethoven hat als Vertreter der klassischen Musik, des Geschmacks der Elterngeneration und der Konventionen ausgedient. Er soll Platz machen für eine neue Musikrichtung, die man fühlen soll: Rhythm and Blues. Chuck Berry fordert daher auf: „Roll over Beethoven, dig these rhythm and blues“. Dies wird mit dem einzigen instrumentalen Zwischenspiel im Lied zusätzlich kraftvoll unterstützt. Die elektrische Gitarre, Symbol für Modernität und Rock’n’Roll-Musik, hat ein Solo und soll hören lassen, wofür Rhythm and Blues eigentlich steht. Es ist Zeit zu tanzen!

Wenn die Tradition so stark bekämpft wird, vergisst man fast, dass auch Chuck Berry seine Inspirationsquellen hatte. Indem er sie nennt, stellt also auch er sich in eine Tradition. So verweist er mit der Zeile „Well in the mornin‘ I’m givin‘ you my warnin’“ auf das Lied Early in the Mornin‘ von Louis Jordan and his Tympany Five (1947). Chuck Berry hat an anderer Stelle selbst betont, dass die Art und Weise, wie er seine Texte schrieb, von Louis Jordan inspiriert worden ist.[9] Die erwähnte Warnung „Don’t you step on my blue suede shoes“ hat Berry aus Blue Suede Shoes von Carl Perkins übernommen, der den Song nur vier Monate vor dem Release von Roll Over Beethoven herausbrachte.

Carl Perkins Blue Suede Shoes

Blue Suede Shoes beschreibt genau das, was Rock’n’Roll ausmacht. Die Schuhe sind dem Sänger des Liedes wichtiger als alles andere. Sie repräsentieren Luxus, aber mehr noch repräsentieren sie einen Stil, der sich auf Äußerlichkeiten fokussiert: „You can burn my house / Steal my car / Drink my liquor / From an old fruit jar / Well do anything that you want to do / But uh-uh, honey lay off of my shoes // And don’t you /Step on my blue suede shoes”.

Neben Äußerlichkeiten ist aber auch das Spiel wichtig. Feste Sicherheiten wie ein Haus oder ein Auto sind weniger wert als die Show und die Freiheit. Letztere findet man auch wieder bei Berry: „Hey diddle diddle, I’ma play my fiddle / Ain’t got nothin‘ to lose“. „Play my fiddle“ soll hier im Sinne von „fiddle about“ aufgefasst werden, also ‚ein bisschen rumspielen‘, ohne ein wirkliches Ziel zu haben. Für die Rock’n’Roller ist die Musik keine ernste Sache. Ihr wird spielerisch begegnet und vieles ist auch dem Zufall zu verdanken. Das Ernste, das mit der Musik Beethovens und Tschaikowskys verbunden wird, spielt keine Rolle. Die Komponisten sind längst extrem berühmt und hätten deshalb viel zu verlieren. Die junge Generation Musiker, zu der Chuck Berry zählt, der bis zum Song Roll Over Beethoven nur mit Maybellene Erfolg hatte, kann es sich noch leisten, rumzuspielen. Er hat im Gegensatz zu den großen Komponisten noch keinen Ruhm und nichts zu verlieren.

Chuck Berry sendet mit diesem Lied also eine klare Botschaft: Die Zeiten der klassischen Musik, des Genies Beethoven, sind endgültig vorbei. Stattdessen gibt es junge Musiker*innen, die aus dem Gefühl heraus spielen und nichts zu verlieren haben. Regeln gibt es nicht mehr; wenn man wie ein Glühwurm tanzen will, soll man das einfach tun. Die junge Generation mag keine ernsten Sachen, sondern will einfach Spaß haben – jedenfalls solange die Jukebox spielt.

Coverversionen

Roll Over Beethoven führt im Anschluss an die Originalversion von Chuck Berry ein gewisses Eigenleben in über 340 Coverversionen. Die Möglichkeiten für Versionen scheinen endlos: Von Hardrock (Uriah Heep, 1973) über Surf (The Velaires, 1961) zu Country (Narvel Felts, 1982), bis zum Filmthema von Beethoven (1992) und zurück zum Blues (Mojo Blues Band, 2000).[10] Die meisten Coverversionen bleiben sehr nah am Original und fügen musikalisch nicht wirklich etwas hinzu. Vielmehr scheinen sie sich in die Tradition des Rock’n’Roll stellen zu wollen und mit der Coverversion einen der Gründerväter der Gattung, Chuck Berry, ehren zu wollen.

Eine Version soll abschließend besonders beachtet werden: die Aufnahme vom Electric Light Orchestra. Ihre frühe Musik nahmen sie tatsächlich mit einem Orchester auf und es dürfte daher fast nicht überraschen: 1972 spielten sie eine Coverversion von Roll Over Beethoven, die eindrücklich zeigte, dass man sehr gut mit Beethoven rock’n’rollen kann.

Electric Light Orchestra Roll Over Beethoven

Nach den bekannten, klassisch gespielten Eröffnungstönen der 5. Sinfonie erklingt eine elektrische Gitarre: Es wird gerockt! Doch damit verschwindet Beethovens Musik nicht, denn versteckt in der Melodie und überhaupt immer wieder sind im Vordergrund kleine Fragmente von Beethovens Fünfter zu hören, gespielt von Violinen und sogar einem Synthesizer. Am Ende erklingen nochmals die markanten Eröffnungstöne der 5. Sinfonie, jedoch nicht mehr im klassischen Stil, sondern im Rock-Stil. Noch immer schließt die Band jeden Live-Auftritt mit diesem Lied ab. Sie ehren somit ihre beiden großen Einflüsse: die klassische Musik, vertreten von Beethoven, und den Rock’n’Roll mit dem Lied Roll Over Beethoven. Die perfekte Synthese?

[1] Vgl. Bodo Mrozek: Jugend Pop Kultur. Eine transnationale Geschichte. Berlin: Suhrkamp 2019, S. 195.
[2] Vgl. Mrozek 2019, S.189f.
[3]Vgl. Mrozek 2019, S.181f.
[4] Vielleicht lag das daran, dass wirklichen Erfolg vor allem die weißen Künstler*innen hatten, die diesen Musikstil kopierten, wie z.B. Elvis Presley.
[5] Dazu auch Bob Stanley: Yeah Yeah Yeah: The Story of Modern Pop. London: Faber and Faber 2013, S. 56.
[6] Vgl. Mrozek 2019, S. 188.
[7] Bruce Pegg: “Roll over Beethoven” – Chuck Berry (1956). https://www.loc.gov/static/programs/national-recording-preservation-board/documents/RollOverBeethoven.pdf (24.02.2021), S. 2.
[8] Vgl. Mrozek 2019, S. 191.
[9] Vgl. Stanley 2013, S. 56.
[10] Vgl. Pegg 2003, S. 4.

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› tags: 5.Sinfonie / 50er / Beethoven / Chuck berry / Electric Lights Orchestra / Rock / rock'n'popmuseum / Schicksalssinfonie /

Comments

  1. […] sich Chuck Berry in Gedenken an Beethoven „schüttelt und wälzt“ und Charles Bukowski Geniekult und Kosenamen vereint, beginnt die Beethoven-Verehrung bereits zu […]

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