Mütter, die beleidigt werden. Ein Gedankenprotokoll.

26. November 2018 - 2018 / Allgemein / calldeinemutter / Deine Mutter / soziotext / tontext

„Mein Text soll so richtig fies sein. Was würde den/die am meisten treffen? Geschlechtsverkehr mit jemandem aus seiner/ihrer Familie? Ja, das wär’ super unangenehm…mit der Cousine oder so? – Nee, die humpelt…. Vater? – Boah nee, ekelhaft. Mit der Schwester? – Nee, die hat so buschige Augenbrauen…Das ist gar nicht so einfach…

 

…vielleicht…mit Mama? “

So – oder so ähnlich – könnte der innere Monolog des- oder derjenigen Rap-Pionier_in lauten, der_die diese Gedanken als Erste_r in Verse und Rhythmik übersetzte und auf eine halbe Seite College-Block A4, kariert niederschrieb. Wie auch immer der Ursprung dieses Phänomens herzuleiten ist: Der Mutter-Diss wurde zu einer Art automatisierter Standard-Formel für gelungene Beleidigungen im deutschsprachigen Sprechgesang.1)Das mag ebenso für anderssprachige Sprechgesänge gelten, die in diesem Aufsatz jedoch nicht im Fokus stehen.

Ein_e Rapper_in beleidigt durchschnittlich 39,5 Mütter

Das Diskreditieren von Personen ist in den Hip-Hop-Subgenres Gangsta-, Battle- oder Straßenrap natürlich keine Neuheit und ohnehin keine Seltenheit. Wie der Bayerische Rundfunk in seinem Programm ‚PULS’ im Jahr 2016 feststellte, lebt Rap insbesondere von der Beleidigung und Abwertung des weiblichen Geschlechts.2)Vgl. Matthias Scherer, Diskriminierende Texte. So politisch korrekt ist Deutschrap, in: PULS Musik, https://www.br.de/puls/musik/so-homophob-frauenfeindlich-rassistisch-und-behindertenfeindlich-ist-deutschrap-100.html (23.07.2018). Beliebtes Subjekt der Äußerungen ist hierbei häufig – richtig: die Mama. Aber natürlich die der anderen.3)Selbstverständlich gibt es auch andere Interpreten jenes Genres, die ohne Beleidigungen oder Diffamierungen auskommen. Deren Texte sollen hier jedoch nicht zum Gegenstand gemacht werden.

Im ebenfalls 2016 veröffentlichten Deutschrap-Quartett des Musikmagazins ‚Musikexpress’ erwies sich die ‚Mutterbeleidigung‘ sogar als geeignete Kategorie, um die Schlagkraft des_der Künstler_in bzw. der Rap-Texte zu messen.4)Vgl. Andreas Meixensperger, Das Deutschrap-Quartett ist da – und ihr könnt es perfekt machen, in: Musikexpress 2016, https://www.musikexpress.de/das-deutschrap-quartett-ist-da-und-ihr-koennt-es-perfekt-machen-683135/ (23.06.2018). In den Lyrics werden Mütter häufig abgewertet, gefickt, gebumst oder interagieren in sonstiger Weise – fast immer sexuell – mit den Absender_innen der Botschaft. Im Schnitt macht das circa 39,5 Mutterbeleidigungen pro Rapper_in.5)Ja, auch eine Frau ist dabei. Vgl. Unbekannte/r Autor_in, Welcher Deutschrapper fickt die meisten Mütter, in: Jetzt 2016, https://www.jetzt.de/rap/mutterbeleidigungen-beim-deutschrap (27.08.2018).

Ist die Mutter nur „Mittel zum Zweck“?

Warum sind also insbesondere Mütter beliebte Zielpersonen der ausgesprochenen Beleidigungen? Beschränkt sich die Erklärung des Phänomens auf die heteronormativen Strukturen innerhalb des deutschsprachigen Hip-Hop,6)Hier sind in erster Linie die eingangs genannten Subgenres Gangsta-, Straßen-, und Battlerap gemeint. in dem die Aufwertung der eigenen Position zumeist durch die Abwertung anderer – in erster Linie Frauen – herbeigeführt wird?

Ein Blick auf die Konstruktion der Beleidigungen verrät, dass es noch ein anderes Motiv geben könnte. Denn im Mutter-Diss wird die beleidigte Mama nicht zwangsläufig in einer passiven oder hilflosen Rolle dargestellt, sondern oftmals als selbsttätige Akteurin beschrieben:7)Was den sexistischen Gehalt der Beleidigungen selbstverständlich nicht schmälert.

„Du Spast, nicht mal deine Mutter ließ dich an die Brüste. Und die lässt eigentlich jeden an die Brüste.“
Küss mir den Schwanz, KIZ

„Boss-Life, jeden Tag so hundert Blowjobs im Bett, denn Rapper-Mütter verlang‘n Samen
wie der Slomo-Effekt.“
Mitternacht 2, Kollegah

Wie anstößig man auch immer diese Textzeilen empfinden mag: Die freiwillige, meist sexuelle Interaktion der Mutter mit dem_der Rapper_in scheint die Beleidigung der eigentlichen Zielperson zusätzlich zu forcieren. Ein pragmatischer Blick auf die Funktionsweise des Mutter-Diss zeigt also, dass die Mutter zunächst als ‚Mittel zum Zweck‘ degradiert und genutzt wird – richtet sich die Beleidigung ja in erster Linie an den Sohn oder die Tochter der beschriebenen Mama.

Mutterbeleidigungen können, so die Schlussfolgerung, losgelöst von der eigentlichen Person, die sich hinter der Mutter verbirgt, funktionieren. Stattdessen zählt vorrangig die Rolle der Frau als Mutter, die situativ mit denjenigen Zuschreibungen aufgeladen wird, die für die jeweilige Textstelle und Botschaft am passendsten erscheinen.

Das Verhältnis von Rap-Kindern und ihren Müttern

Was die Einordnung des Verhältnisses zwischen Rap-Kindern und ihren eigenen Müttern betrifft, hilft ein Songtext weiter, auf den sich Hip-Hop-Magazine regelmäßig am Muttertag beziehen: „Ich wollte nie sein wie ihr, keiner hat’s verstanden! Keiner von den Freunden, auch keiner von den Verwandten! Nur meine Mutter hat immer hinter mir gestanden! Sie bereut’s auch nicht! ‘Mama ist stolz auf dich!‘.“8)Vgl. Sido, Mama ist stolz, https://genius.com/Sido-mama-ist-stolz-lyrics (23.08.2018) So beschreibt Paul Würdig alias Sido in seinem Song Mama ist stolz das innige Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter. In dem Text bedankt sich der Rapper für ihr immerwährendes Verständnis und ihre besondere emotionale Unterstützung. Die Exklusivität der Beziehung wird insbesondere in Sätzen wie „Nur meine Mutter hat immer hinter mir gestanden“ deutlich.

Ähnlich sieht das der Berliner Rapper MC Bogy, wie er in einer Session des Rap-Battle-Formats ‚Rap am Mittwoch‘ demonstrierte. Auf eine Punchline, in der sein Gegner die Mutter Bogys verbal angriff, reagierte der Rapper aufgebracht und empört: „Mamas sind Tabu […], wenn man Auge um Auge sieht […] probier‘ die Mama rauszuhalten […] mach das nicht – Mamas beleidigen.“9)Vgl. Rap Am Mittwoch 2012, https://www.youtube.com/watch?v=_k-JZmw0N8U (28.08.2018) Soll so viel heißen wie: Meine Mama ist mir wichtig. Es verletzt mich, wenn du sie beleidigst.

Voraussetzung für den Mutter-Diss ist ein traditionelles Deutungsmuster

Die enge Bindung und emotionale Nähe zwischen Mutter und Kind(ern) ist natürlich kein Phänomen, das als Achillesferse von Battlerapper_innen kreiert wurde. Laut einem Artikel der ‚Welt‘ aus dem Jahr 2017 ist die, hier zunächst zeitlich gemessene, innige Beziehung zwischen Mutter und Kind vor allem auf ein traditionelles Rollenverständnis in der Kindererziehung zurückzuführen:

Im europäischen Vergleich geht es in Deutschland zwischen den Geschlechtern immer noch traditionell zu. Der Vater ist zwar nicht mehr Alleinernährer, aber immer noch der Haupternährer der Familie. Zwar hat die Erwerbstätigkeit von Frauen in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen, weil erwerbstätige Mütter jedoch meistens in Teilzeit beschäftigt sind, bleiben Haushalt und Kinder Frauensache.“10)Gabriele Voßkühler, Warum Frauen nicht aus der Familien-Falle kommen, in: Welt 2017, https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article161117167/Warum-Frauen-nicht-aus-der-Familien-Falle-kommen.html (28.08.2018).

Die hieraus abzuleitende These könnte folglich lauten: In der Mutterbeleidigung verschränkt sich die Intention der Selbstbewusstseinsstärkung mit einem gesellschaftlich festgeschriebenen Bild der Mutter, das diese als hauptverantwortlichen, vielleicht sogar wichtigsten, Elternteil nachzeichnet. Dabei setzt die Anwendung des Mutter-Diss ein gemeinsames Deutungsmuster der Zeitgenoss_innen voraus, welches sich auf eine tradierte Rolle der Mutter beruft: Die Mutter als eine den Kindern nahestehende Person, die ein emotionales und sensibles Verhältnis zu ihnen pflegt. Eine zwischenmenschliche Beziehung, die von vielen Rapper_innen offensichtlich als „dissbar“ bewertet wird.

Möchte man nun fernab vom kulturwissenschaftlich kritischen Blick im deutschsprachigen Hip-Hop eine authentische Kunst suchen, dann gibt uns ‚Rap Am Mittwoch‘-Moderator Ben Salomo eine weitere Interpretationsmöglichkeit für das Phänomen der ‚Mutterbeleidigung‘ mit auf den Weg: „Man disst die Kunstfigur […]. Und ‚die Mutter‘ oder ‚der Vater‘ der Kunstfigur ist man selbst.“11)Vgl. Rap Am Mittwoch 2012, https://www.youtube.com/watch?v=_k-JZmw0N8U (28.08.2018)

Valentina S.

Valentina S.

Valentina möchte nie mehr eine Uni-Bibliothek betreten und hasst das Geräusch umfallender leerer Plastikflaschen. Die studierte Geisteswissenschaftlerin stellt sich und der Welt gerne kritische Fragen – manchmal mit pöbelndem (Unter)Ton – und räumt beruflich das Internet auf, bevor es die Leute verrückt macht.
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