„Deutschland hat keine Beyoncé“ – Deutschland hat ein Geschlechterproblem im Pop

8. März 2018 - 2018 / soziotext

21 Nominierte, darunter gerade einmal eine Frau: Am 15. März wird der GEMA-Musikautorenpreis verliehen.

36 Nominierte, darunter fünf Frauen: Am 7. Dezember 2017 wurde die 1Live-Krone verliehen.1) Nach eigenen Angaben der Senderfamilie WDR der größte Radiomusikpreis in Deutschland.

[EDIT: In diesem Jahr, 2018, liegt das Verhältnis bei der 1Live-Krone bei 28 Männern zu 9 Frauen. Auf den ersten Blick sieht das nach einer „Frauenquote“ von 32 Prozent aus. Rechnet man die Kategorien „Bester Künstler“ und „Beste Künstlerin“ jeweils raus, weil sie sich ohnehin aufheben, sind wir prozentual wieder bei rund 17 Prozent.]

63 Nominierte, darunter zehn Frauen: Am 6. April 2017 wurde der Echo verliehen.2) Der Echo hat geschlechtergetrennte Kategorien, sodass automatisch immer auch Frauen, etwa für „Künstlerin Pop National“, nominiert sind. Doch nimmt man diese Kategorien heraus, herrschte ein Ungleichgewicht von 63 männlichen zu zehn weiblichen Nominierten 3) gemischte Musikgruppen doppelt gezählt , davon vier deutsch(sprachig)e.

 

„Irgendwas stimmt da doch nicht“

Dieser Text soll kein Vorwurf sein, er soll eine Suche sein. Wonach? Nach einigen Gründen, weshalb Veranstalter_innen von Musikpreisen es gerechtfertigt sehen, kaum bis keine weiblichen Künstlerinnen zu nominieren.

Der Radiopreis 1Live-Krone wurde in der Vergangenheit immer wieder dafür kritisiert, ein reiner Männerpreis zu sein. In einem Interview des Medien-Blogs Übermedien mit dem 1Live-Musikchef heißt es zum Beispiel von seiten des Blogs:

„Die Hörer entscheiden, aber die können ja fast nur aus männlichen Acts auswählen: Dieses Jahr [2017] waren 32 männliche Acts nominiert und nur 4 weibliche. Im vorigen Jahr: 29 männliche, 3 weibliche. 2015: 38 männlich und 5 weiblich. 2014: 36 und 2! Irgendwas stimmt da doch nicht.“

Und ja, da stimmt tatsächlich etwas nicht. Wenn sich die Jurys der bekannten deutschen Musikpreise hinter der Aussage verstecken „Es gab in dem Jahr keine relevante deutsche Künstlerin. Deutschland hat einfach keine Beyoncé.“, dann machen sie es sich zu leicht. Wer suchet, der findet. Und wer nicht findet, der sollte fördern. Gerade öffentlich-rechtliche Medien haben den Auftrag, in dieser Hinsicht Vorbild und Vorreiter zu sein und ihr Programm entsprechend zu entwickeln. Wenn es kaum junge deutsche Künstlerinnen gibt, dann ist es auch ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich im Musikgeschäft etwas ändert.

 

„Testosteroniges Musikbusiness“

In einer 1Live-Sendung vor einem Jahr sagte Judith Holofernes: „Ich glaube inzwischen, dass viele Frauen aussortiert werden aus dem Musikbusiness, weil ihnen die Struktur des Business schlicht zu blöd ist.“ Struktur ist natürlich ein großes Wort, ein weites Feld. Tatsache ist aber, dass Strukturen vor allem da wirken, wo längst erkannt wurde, dass es ein Problem gibt, sich aber trotzdem nichts ändert. „[D]as Musikbusiness, aber auch das Wesen von Bands [ist] sehr testosteronig“, berichtet Holofernes weiter aus ihren Erfahrungen. Da sei es kein Wunder, „dass viele Frauen die Lust verlieren“ und sich aus dem Geschäft zurückziehen.

Obwohl beispielsweise über 50 Prozent aller Studierenden an deutschen Musikhochschulen Frauen sind (Stand 2017), gibt es in Deutschland wenig erfolgreiche Musikerinnen und Produzentinnen. In den deutschen Single-Charts seit 2000 sind im Schnitt „74 Prozent Männer und 26 Prozent Frauen“ (darunter auch internationale Künstlerinnen) vertreten, mit einem seit 2006 jährlich sinkenden prozentualen Anteil an Frauen.

Neben dem „testosteronigen“ Musikgeschäft, ungleich besetzten Jurys und dem Unter-den-Tisch-Fallen-Lassen von Frauen-Kategorien bei Musikpreisen gibt es sicherlich noch weitere Gründe, die dazu beitragen, dass der Frauenanteil im deutschen Pop so gering ist. Doch diese drei fallen besonders ins Auge.

 

Was muss sich ändern?

Nominiert Frauen

Musik von Frauen braucht eine Bühne. Im Radio, auf Festivals und auch bei Musikpreisen – und das nicht nur als schmückendes und besseren Falls performendes Beiwerk. „Ich finde ganz klar, wenn es eine Kategorie ‚Bester Künstler‘ gibt, muss es auch eine Kategorie ‚Beste Künstlerin‘ geben. Das geht einfach nicht anders“, sagt Valeska Steiner von der Band Boy. Eine solche Kategorie 2017 zu füllen, wäre nicht schwer gefallen:

  • Judith Holofernes beispielsweise hat 2017 ein neues Album veröffentlicht, ebenso wie Joy Denalane, Leslie Clio, SXTN, Schnipo Schranke und Mine (gemeinsam mit Fatoni).
  • Mainstream-Hits hatten Alice Merton, Amanda (gemeinsam mit Sido) und ja, auch Helene Fischer.
  • In ihren jeweiligen Nischen für Aufsehen gesorgt haben (neben oben bereits genannten) Haiyti, Gurr oder Blond.

Und das sind nur einige Namen, mit denen eine weibliche Kategorie gefüllt werden könnte. Es kann nun argumentiert werden, Haiyti sei nichts fürs Massenpublikum, Schnipo Schranke zu provokant und Amanda inszeniere sich zu mainstreamig. Berechtigte Einwände. Aber auf Raf Camora, RIN oder Mark Forster, allesamt Gewinner der 1Live-Krone 2017, passen sie ebenso zu.

Musik war, ist und wird immer Geschmackssache sein. Die Aufgabe einer Jury ist es jedoch, nach objektiven Kriterien zu urteilen, welche_r der Künstler_innen einen Preis verdient hätte – und das ist immer möglich, sonst kann sich eine Jury gleich selbst abschaffen.

 

Besetzt Jurys mit Frauen

Die Jury des Gema-Musikautorenpreises besteht allein aus Männern. Geht gar nicht.
Die feste Jury der 1Live-Krone besteht aus vier Männern und zwei Frauen. Geht noch besser.
Die Zusammensetzung der Jury beim Echo ist intransparent. Klar ist jedoch, dass zu 50 Prozent die Verkaufszahlen entscheiden, die seit Streamingdiensten und Online-Angeboten vielleicht auch einfach nicht mehr ausschlaggebend sind. Mehr Transparenz bitte?

 

Spielt Frauen

Radiowellen sollten den Mut haben, unbekanntere Musikerinnen in ihrem Programm zu spielen, sie zu featuren, zu unterstützen, zu ermutigen. Und das auch, wenn ein Album noch gar nicht in Sicht ist, wenn es vielleicht erst einmal nur eine gute erste Grundlage gibt. Wer möchte schon zum 95sten mal Pink hören, wenn sie_er etwas völlig Neues haben kann? Unbekannte Songs müssen die Chance bekommen, sich einprägen zu können.

 

Ermutigt Mädchen

Doch eigentlich müsste noch viel früher angesetzt werden – in der Schule, im Kindes-, im Jugendalter – und zwar damit, Mädchen dazu zu ermutigen, genauso cool E-Gitarre spielen zu können, aufs Schlagzeug zu hauen, zu rappen, ihre eigenen Texte zu schreiben oder DJ-ing zu betreiben wie Jungs. Die kostenlose Bereitstellung von Proberäumen, Instrumenten und Equipment seitens der Schulen oder Jugendeinrichtungen wäre dabei eine große Hilfe. Am wichtigsten allerdings, und hier sind sowohl Pädagog_innen, Streetworker_innen und Jugendarbeiter_innen als auch die Eltern gefragt, ist das Vermitteln von Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung. Musikmachen auf Augenhöhe muss möglich sein – dabei entstehen ohnehin meist die besten Projekte.

 

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Frauen im Pop – wir haben eine Spotify-Playlist zusammengestellt! Postet uns in die Kommentare, wer fehlt und wir füllen auf.

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

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    › tags: 1Live-Krone / Echo / Frauen im Pop / Gema-Musikautorenpreis / Geschlechtergerechtigkeit / Gleichberechtigung / Künstlerinnen / Musik / Musikbusiness / Musikerinnen / Musikpreise / Quote / Sängerinnen / Weltfrauentag /

    Comments

    1. Martin Heck sagt:

      Als waeren s meine Worte
      Haiyti take ova😎

    2. Martin Heck sagt:

      Als waeren s meine Worte
      Haiyti take ova😎

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