„Wer friert uns diesen Moment ein, besser kann es nicht sein!“ − Neo-Schlager zwischen Spuk und Gefangenschaft im Jetzt

2. November 2017 - 2017 / Allgemein / tontext

Andreas Bourani bringt in Auf uns den hedonistischen Gedanken der − in diesem Paper als Neo-Schlager bezeichneten − neuen deutschsprachigen Pop-Musik auf den Punkt: „Wer friert uns diesen Moment ein / Besser kann es nicht sein“. Es geht darum, vollkommen in einem perfekt erscheinenden Moment aufzugehen, und zwar so, dass dieser im Idealfall „eingefroren“ und immer wieder von vorne gelebt werden könnte. Das, was laut Bourani also „vor uns liegt“ ist die in Dauerschleife gelebte Vergangenheit, die durch das „Hoch“ extrem glorifiziert wird. Dem ewigen Schwelgen in der Vergangenheit und dem Hinterherjagen dieses Moments steht die Zukunft, die noch gelebt werden möchte, gegenüber. Denn diese Zukunft kann im schlimmsten Fall nie wirklich eintreten. Vielmehr ist sie dazu verdammt, von der vermeintlich perfekten Vergangenheit überschattet, ja sogar durch diese ausgetauscht zu werden. „Wovon sollen wir träumen / so wie wir sind?“, fragen Frida Gold im Jahr 2011. Eine Zukunft ist es offensichtlich nicht, schließlich ist „all die Hoffnung die war / ist schon lang nicht mehr da“ und es „bleibt ein Spiel ohne Ziel“.1)Frida Gold, Wovon sollen wir träumen, auf: Frida Gold, Juwel, Warner Music 2011. Das lyrische Ich ist gefangen im Jetzt. Und damit ist der Song symptomatisch für die Songs der „neuen deutschen Pop-Poeten“ (Böhmermann).

Mark Fisher stellte die These auf, dass „die Kultur des 21. Jahrhunderts durch einen die Zeit suspendierenden Stillstand und eine Unbeweglichkeit gekennzeichnet ist“.2)Fisher, Mark, Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft, Berlin 2015, S. 15. Seine These basiert auf dem Konzept der Hauntology, welches von Jacques Derrida geprägt wurde. „Bei Hautology geht es um die Kraft der Erinnerung (den Nachklang, das unaufgeforderte Erscheinen, das Besitzergreifen des Verstandes)“,3)Reynolds, Simon, Retromania. Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann, Mainz 22013, S. 303. wobei es zwei Richtungen von Hauntology gibt − „ein aktuales Nicht-mehr, das jedoch als Virtualität bleibt: im traumatischen ‚Wiederholungszwang‘, als fatales Muster“ und „das in seiner Aktualität noch nicht Geschehene, das virtuell indes immer schon wirksam ist“.4)Fisher, Gespenster, S. 31. Hervorhebungen im Original. In den in diesem Text behandelten Songs wird beinahe durchgehend versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.5)Oder trifft dies nicht vielleicht doch gerade im Neo-Schlager zu? Gerade in Forsters Au Revoir verabschiedet sich das Ich vom unbefriedigenden Jetzt und sucht eine neue (bessere) Zukunft. Und Wincent Weiss schmachtet der verlorenen, glücklichen Zeit nach, die zwar direkt in der jüngsten Vergangenheit liegt, aber dennoch Vergangenheit ist. Ebenso die Toten Hosen, die in Songs wie An Tagen wie diesen und Altes Fieber die Rückkehr zu vermeintlich perfekten Tagen beschwören und in Erinnerungen an diese schwelgen. Vielmehr invertiert sich der Blick und wird vermeintlich auf die Zukunft gelegt: Die Songs schmachten nach einer glücklicheren Zukunft, die jedoch meist nicht erreicht wird, da man entweder im Jetzt − beispielsweise als Feuerwerk − vergeht oder hängen bleibt, oder nicht von der Vergangenheit lassen kann, weil das lyrische Ich „unsere besten Fehler […] laminier[t]“ hat,6)Forster, Mark, Wir sind groß, auf: Forster, Mark, Tape, Four Music 2016. zumindest aber von ihr heimgesucht wird und damit vergangene Zeit bewahrt. In Joris‘ Herz über Kopf tritt die personifizierte Vergangenheit quasi als Gespenst auf und sucht das lyrische Ich nach einer halben Flasche Wein und im halbleeren Raum heim.7)Joris, Herz über Kopf, auf: Joris, Hoffnungslos hoffnungsvoll, Four Music 2015.

Feuerwerke und das Verbrennen im Jetzt

Anhand zweier aussagekräftiger und häufig auftretender Motive soll im Folgenden erklärt werden, wie es zum Stillstand in den Songs der neuen deutschsprachigen Pop-Künstler_innen kommt und warum oftmals keine Zukunft entstehen kann. Denn ein unbestimmtes Gefühl beschleicht den_die Hörer_in beim Hören dieser Lieder. In einer bestimmten Weise erscheinen sie inkohärent: Als wäre etwas, was dort eigentlich nicht sein sollte, trotzdem da. Vordergründig drehen sich Songs wie Feuerwerk von Wincent Weiss, Leichtes Gepäck von Silbermond oder Wir sind groß von Mark Forster um das Feiern des (besseren) Jetzt und Hedonismus, um beim Tanzen woanders zu sein. Doch unter dieser banalen Oberfläche liegt der Spuk, „eine Virtualität, die durch ihr angedrohtes Kommen bereits dazu beiträgt, den gegenwärtigen Zustand zu untergraben“.8)Fisher, Gespenster, S. 31. Das Motiv des Feuerwerks ist in diesem Zusammenhang besonders interessant zu untersuchen. Das Metzler Lexikon literarischer Symbole definiert Feuer als ein mehrdeutiges Symbol. Besonders als Symbol des „Lebens und der Leidenschaft“ tritt das Feuer im Zusammenhang mit dem Song Feuerwerk auf.9)Hübener, Andreas: Art. “Feuer/Flamme”, In: Metzler Lexikon literarische Symbole. Weimar 2008, S. 101-103, hier: S. 103. Dort wird es in dem Motiv des Feuerwerks aufgegriffen und weiterverwendet:

Lass uns leben wie ein Feuerwerk, Feuerwerk / Als wenn es nur für heute wär / Denn dieser Augenblick kommt nie zurück / Lass uns leben wie ein Feuerwerk, Feuerwerk / Die ganze Welt kann uns gehörn / Verbrenn die Raketen Stück für Stück / Und leben wie ein Feuerwerk10)Weiss, Wincent, Feuerwerk, auf: Weiss, Wincent, Irgendwas gegen die Stille, Vertigo 2017.

Der Songtext verdeutlicht, dass das Feuerwerk als ein Motiv gelesen werden muss, das für Momentaufnahmen, für Vergängliches steht. „Als wenn es nur für heute wär’“11)Ebd. unterstreicht, dass es nicht um die Nachhaltigkeit des besungenen Freiheits-Sorglosigkeits-Gefühls geht, sondern vielmehr darum, sich jetzt gerade eben in diesem Moment frei und unbeschwert zu fühlen. Da das Feuerwerk durch die eigentliche Zerstörung des Materials entsteht, bleibt es fragwürdig, inwiefern dieser Moment-verherrlichende Lebensstil tragbar bzw. erhaltend wirkt. Doch diese Zukunftsfrage beantwortet Feuerwerk nicht. Der Song bleibt im Jetzt haften: „Die Augen brennen, doch ich hör’ auf mein Gefühl / Geh noch nicht rein, weil ich nichts verpassen will / Du weißt auch genau, wir haben das alles nur einmal“.12)Ebd. Wichtig ist also nicht, welche Folgen das Verhalten mit sich bringt, sondern, dass mensch befürchtet etwas zu verpassen, wenn der Moment nicht voll ausgekostet wird. Genau dieses Gefühl des „Nichts-verpassen-wollens“ prägt die Feuerwerks-Metaphorik. Und mehr noch: Es ist der Inbegriff der nicht erreichbaren bzw. der verlorenen Zukunft. Helene Fischer singt in ihrem Song Feuerwerk: „Retten wir die Zeit, die uns heute Abend bleibt / Der Countdown läuft und ich zähl bis zehn / Wir werden die Erde rückwärts drehn“.13)Fischer, Helene, Feuerwerk, auf: Fischer, Helene, Farbenspiel, Polydor 2013. Das lyrische Ich bleibt in einem Kreislauf gefangen, einem unendlichen Augenblick des Moment-auskostens. Offenbar ist das der Punkt, der erstrebenswert ist. Denn auch Andreas Bourani singt in Auf uns: „Ein Hoch auf uns / Auf jetzt und ewig / Auf einen Tag / Unendlichkeit“.14)Bourani, Andreas, Auf uns, auf: Bourani, Andreas, Hey, Vertigo 2014. Gerade die Verbindung von „einen Tag“ und „Unendlichkeit“ fällt hier auf. Was soll dieses Oxymoron? Einen Sinn bekommt es erst in der Verknüpfung mit dem Feuerwerk, welches „durch die Welt [zieht]“.15)Ebd. Denn mit der Explosion des Feuerwerks, welches die Momentaufnahme widerspiegelt, ist nur ein Tag respektive ein Moment Unendlichkeit möglich. Länger hält das Feuerwerk nicht an. Auch hier ist es wieder eine kreisförmige Bewegung − gerade weil das Feuerwerk so flüchtig ist, muss dieser eine Tag in einer unendlichen Schleife wiederholt werden. Das bei Weiss behandelte Feuerwerks-Motiv tritt auch bei Bouranis Auf uns auf und findet dort eine ähnliche Verwendung, in der es allerdings etwas umgedeutet wird: „Ein Feuerwerk aus Endorphinen / […] / So viele Lichter sind geblieben / Ein Augenblick, der uns unsterblich macht“.16)Ebd. Hier geht es nicht darum, so explosiv zu leben, dass sich der Vergleich mit einem Feuerwerk anbietet. Vielmehr steht nun im Fokus, dass diese vorher besungenen, eingefrorenen, perfekten Momente dazu führen, dass „ein Feuerwerk aus Endorphinen“ in der in diesem Moment befindlichen Person ausbricht. Die Glücksgefühle, die unwillkürlich austreten, wenn der perfekte Moment geschaffen wird, explodieren also förmlich in der Person und lassen sie intensiver empfinden. Dieses innere Feuerwerk der Glücksgefühle wird durch das weltliche Feuerwerk gespiegelt. Das Glück der Gruppe verteilt sich im Umkehrschluss also auf die gesamte Welt, Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Welt erkennt, dass dieser perfekte Moment fortan immer wieder gelebt und weiter perfektioniert werden muss.

Vom Festhalten an Vergangenem

Das Motiv des Rückblicks ist deshalb spannend, weil es explizit die Vergangenheit behandelt. Und somit ins Jetzt holt. Mark Forster beschreibt die Situation, in der sich augenscheinlich viele deutschsprachige Pop-Sänger_innen befinden, prototypisch: „Und ich krieg dich nicht aus meinem Kopf / ich denk zu oft an dich, zu oft / krieg dich aus mir nicht rausgeboxt / du hast den Ausgang abgeblockt“.17)Forster, Mark, Zu oft, auf: Forster, Mark, Bauch und Kopf, Four Music 2014. Hier wird der Spuk bereits offensichtlich. Etwas, was nicht mehr ist, ist trotzdem immer noch da. Der Blick zurück offenbart aber noch mehr. Ein Überwinden dieser Situation wird gar nicht erst angestrebt bzw. ist nicht erwünscht. Im Refrain von Joris‘ Herz über Kopf heißt es: „Und immer wenn es Zeit wär zu gehen / Verpass ich den Moment und bleibe stehn / Das Herz sagt: Bleib! / Der Kopf sagt: Gehn!“.18)Joris, Herz über Kopf, auf: Joris, Hoffnungslos hoffnungsvoll, Four Music 2015. Soweit nur eine Beschreibung der Situation. Doch die letzte Zeile mit ihrer Schlussfolgerung zeigt die eindeutige Absicht des lyrischen Ichs: „Herz über Kopf“.19)Ebd. Es entscheidet sich für das Herz, für das Bleiben, für die Zementierung der Vergangenheit in der Gegenwart. Für den Spuk. Der Schritt in eine (bessere) Zukunft wird nicht gemacht. Max Giesinger erzählt in Vielleicht im nächsten Leben von einer verflossenen Jugendliebe und das lyrische Ich denkt noch heute daran, was gewesen wäre, wären sie zusammen geblieben. Ähnlich wie in Herz über Kopf plädiert auch dieser Text für eine Beibehaltung der Situation. Der Refrain in voller Länge lautet wie folgt: „Vielleicht im nächsten Leben / Falls wir uns dann wieder sehen / Lass ich dich nicht nochmal gehen / Ey was würde ich dafür geben / Vielleicht im nächsten Leben“.20)Giesinger, Max, Vielleicht im nächsten Leben, auf: Giesinger, Max, Der Junge, der rennt, BMG 2016. Oberflächlich betrachtet scheint sich das lyrische Ich für eine Veränderung seiner Beziehungssituation in der Zukunft einzusetzen, will es doch die Jugendliebe „nicht mehr gehen lassen, falls wir uns wieder sehen“. Doch die Zukunft bzw. die Beziehung ist nicht erreichbar. Denn sie liegt im „nächsten Leben“, ist also utopisch. Ebenso hypothetisch ist das Treffen in dieser Utopie: Falls wir uns dann wieder sehen. Und vielleicht im nächsten Leben. Es wird hier eine mehr als vage Möglichkeit gegeben, die eigentlich genau aufs Gegenteil hinausläuft. In der Zukunft des jetzigen Lebens des lyrischen Ichs wird es keine Veränderung in Bezug auf die Situation mit der Jugendliebe geben.

Die Retromanie des Schlagers damals wie heute lässt darauf schließen, dass das von Berghahn erkannte Symptom immer noch im Schlager aufzufinden ist: „Das Paradies liegt unwiederholbar in der Vergangenheit. Nur durch Erinnerung und das kindliche Gestammel ‚Schön war die Zeit’, wird es noch einmal beschworen“.21)Berghahn, Wilfried, In der Fremde. Sozialpsychologische Anmerkungen zum deutschen Schlager, in: Literarisches Colloquium Berlin (Hrsg.), Trivialliteratur. Aufsätze, Berlin 1964, S. 246-259, hier S. 251. Genau das wird auch durch den Toten Hosen Song Altes Fieber propagiert:

Wo sind diese Tage / An denen wir glaubten / Wir hätten nichts zu verlieren / Wir machen alte Kisten auf / Holen unsere Geschichten raus / Ein großer, staubiger Haufen Altpapier / Wir hören Musik von früher / Schauen uns verblasste Fotos an / Erinnern uns, was mal gewesen war / Und immer wieder / Sind es dieselben Lieder / Die sich anfühlen / Als würde die Zeit stillstehen.22)Die Toten Hosen, Altes Fieber, auf: Die Toten Hosen, Ballast der Republik, JKP 2012.

Die Vergangenheit wird in diesen Zeilen durch das Betrachten alter Fotos und Geschichten und das Hören vertrauter, zur damaligen Zeit (in der Gruppenkonstellation) beliebter Musik heraufbeschworen. Wie auch schon Berghahn feststellen konnte, herrscht auch im Hosen-Song eine allgemeine „Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem Erreichten“.23)Berghahn, Fremde, S. 252. „Gleich nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands erhielten die Deutschen Stärkung durch eine Weise“, die an Einprägsamkeit kaum zu überbieten ist, denn „sie [breiteten] ein perfektes Traumbild aus […]“.24)Moritz, Rainer, Der Schlager, in: Francois, Etienne – Schulze, Hagen (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte III, München 2001, S. 201-218, hier: S. 208f. Erfolgreiche Schlager „stiften Erinnerungen, weil sie als Bojen dienen, an die sich Menschen, die sich von Wechsel der Zeiten überfordert fühlen, klammern können“.25)Ebd., S. 205. Nach Adorno ist es entscheidend, wie sich das jeweilige Lied auf die Hörer_innen auswirkt: „Als einer der vielen, die mit jenem fiktiven Subjekt, dem musikalischen Ich, sich identifizieren, fühlt er zugleich seine Isolierung gemildert, sich eingegliedert in die Gemeinde der fans“.26)Adorno, Theodor W., Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen, Frankfurt am Main 1962, S. 38. Schlager stiften also ein spezifisches Gemeinschaftsgefühl und fördern dies. Außer Frage steht, dass gerade hier die Marktmechanismen greifen, die für jede Art populärer Musik charakteristisch sind. Doch gerade im Schlager ist das Verhältnis zwischen Produzent_innen und Rezipient_innen zentral. Nach MacCannell „unites [the icon] the addresser and addressee in a cult, and the cult icon articulation is antecedent to any interpretation that might subsequently be performed“.27)MacCannell, Dean, Sights and Spectacles, in: Bouissac, Paul (Hrsg.), Iconicity. Essays on the Nature of Culture. Festschrift for Thomas A. Sebeok on his 65th birthday, Tübingen 1986, S. 421-435, hier: S. 426. Die Ikone wird von beiden Seiten hochgehalten, nur so kann sie weiterhin bestehen. Im Kontext des Schlagers und seines Erfolgs ist dieses Verhältnis als ungebrochen zu bezeichnen. So ambivalent Schlagertexte gesehen und gelesen werden können, so „weisen [sie doch] ein hohes Potenzial an individuellen wie gruppenspezifischen Identifikationsmöglichkeiten auf“.28)Farges, Patrick, Kitsch-Parade. Der deutsche Schlager zwischen Ur-Kult und Kultur, in: Agard, Olivier – Helmreich, Christian – Vinckel-Roisin, Hélène (Hrsg.), Das Populäre. Untersuchungen zu Interaktion und Differenzierungsstrategien in Literatur, Kultur und Sprache, Göttingen 2011, S. 205-221, hier: S. 216.

Der Schlager spielt seit seinem Aufkommen im 19. Jahrhundert mit zeitgenössischen Diskursen. Ohne „das Vorhandensein eines den Interpreten und Konsumenten gemeinsamen Repertoires kulturell erlernter Bilder, ohne ein semiotisches System, das die Verhandlung von Bedeutungen möglich macht“, könnte er nicht existieren.29)Mendívil, Julio, Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager, Bielefeld 2008, S. 119. Allerdings bleibt es fraglich, ob die Auseinandersetzung dabei nur oberflächlich erfolgt. Das suggerieren zumindest seine leicht verständlichen Texte und einfachen Melodien. Gerade in Bezug auf die neue Generation deutschsprachiger Popsänger_innen muss diese Frage gestellt werden. Denn die in den Texten verwendeten Motive ähneln stark denen vorangegangener Generationen. Die vergangene Zeit spukt also doppelt durch diese Texte: als Motiv aus der Vergangenheit und als Vergangenheit des lyrischen Ichs. Innerhalb eines halben Jahrhunderts scheinen sich die bedeutendsten Motive in Schlagertexten kaum geändert zu haben. Im Lexikon zur populären Kultur von 1977 führen die Autoren Seeßlen und Kling die Wörter Wolken, Himmel, Blumen, Sinn, Welt, Träume, Zukunft, Herz, Träne, Wind, Sorgen, Wort und Boot als „Lieblingswörter des deutschen Schlagers“ auf.30)Seeßlen, Georg – Kling, Bernt, Art. Schlagertexte, in: dies., Unterhaltung. Lexikon zur populären Kultur 2, Reinbeck 1977, S. 185-187, hier S. 185. Diese Aufzählung ähnelt frappant der Jan Böhmermanns, die er in seinem Eier aus Stahl-Podcast zur deutschen Popmusik aufstellt: Menschen, Leben, Tanzen, Welt.31)https://www.youtube.com/watch?v=nFfu2xDJyVs.

Flucht in die Fantasie

In Max Giesingers Song Wenn Sie Tanzt wird von einer alleinerziehenden Mutter erzählt, die sich vollkommen verausgabt (50-Stunden-Woche), um sich und ihre Kinder ernähren zu können. „Sie fragt sich wie’s gelaufen wär’, / ohne Kinder“ eröffnet dabei den Eintritt in ein quasi neues ‚Abenteuerland‘ für diese Frau, die in manchen Situationen ihre Mutterschaft zu bereuen scheint.32)„Wenn sie tanzt ist sie woanders / Für den Moment / Dort wo sie will / Und wenn sie tanzt / Ist sie wer anders / Lässt alles los / Nur für das Gefühl / Dann geht sie barfuß in New York / Trampt alleine durch Alaska / Springt vor Bali über Board und taucht durch das blaue Wasser / Wenn sie tanzt ist sie woanders / Lässt alles los nur für das Gefühl“ (Giesinger, Max, Wenn sie tanzt, auf: Giesinger, Max, Der Junge, der rennt, BMG 2016).

Schon im ursprünglichen Abenteuerland der Band PUR sucht das Ich eine Ausflucht aus dem grauen, immer gleichen Alltag, der die „Sinne fast erstickt“. Das Ich fühlt sich energie- und antriebslos: „Lang nichts mehr aufgetankt / Die Batterien sind leer / In ein Labyrinth verstrickt / Oh ich seh den Weg nicht mehr / Ich will weg, ich will raus / Ich will…wünsch mir was“.33)PUR, Abenteuerland, auf: PUR, Abenteuerland, Intercord 1995. Dieses Wunschdenken wird von dem „kleinen Jungen“ angekurbelt. Dieser kleine Junge, der zunächst im Spiegel auftritt, kann wieder in Verbindung mit dem (später) erwähnten Rück-Blicken betrachtet werden. Denn der kleine Junge ist das Vergangenheits-Ich, das dem Gegenwarts-Ich durch den Spiegel vorgehalten wird. Der Spiegel dient hier also nicht als Abbild der Gegenwart, sondern als eine Art Portal, das Gegenwart und Vergangenheit einander vorhält. Das Gegenwarts-Ich ist durch den lähmenden Alltag nicht mehr in der Lage, die eigene Fantasie zu nutzen. „Komm ich zeig dir was / Das du verlernt hast, vor lauter Verstand / Komm mit!“, fordert der kleine Junge im Spiegel das Gegenwarts-Ich auf. Denn dem „Kleinen da im Spiegel“ ist es noch möglich das Abenteuerland durch Fantasie und fehlenden Verstand zu betreten. Das Gegenwarts-Ich bekommt also eine Ausflucht aus dem grauen, lähmenden Alltag geboten, muss dafür aber auch einen Preis bezahlen: „Komm mit mir ins Abenteuerland / Der Eintritt kostet den Verstand“. Die Möglichkeiten im Abenteuerland sind so vielfältig wie die Märchen von Peter Pan und Captain Hook, die mit tausenden von Abenteuern eine schier unendliche Menge an Spannung, Spaß und Spiel bieten. Doch auch das Gegenwarts-Ich verändert sich beim Betreten des Abenteuerlands: „Neue Form / Verspielt und wild“. Das an den Alltag angepasste Äußere des Gegenwarts-Ichs wird durch den Eintritt in das Abenteuerland zusammen mit dem überflüssigen Verstand abgegeben. Die „Armee der Zeigefinger“, eine mahnende Geste vieler Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen, versucht das Gegenwarts-Ich von dem vollständigen Eintreten in das Abenteuerland abzuhalten bzw. mahnt das Ich davor, sich vollständig in dieser Fantasie zu verlieren. In dieser neuen-alten Welt wird eine Vielfalt fantastischer Abenteuer geboten und das Gegenwarts-Ich kann ihnen in seiner neuen Gestalt, fernab des grauen Alltags nicht mehr widerstehen.34)„Peter Pan und Captain Hook mit siebzehn Feuerdrachen / Alles kannst du sehen, wenn du willst / Oh Donnervögel, Urgeschrei, Engel die laut lachen / Alles kannst du hören, wenn du willst / Du kannst flippen, flitzen, fliegen und das größte Pferd kriegen / Du kannst tanzen, taumeln, träumen und die Schule versäumen / […] Trau dich nur zu spinnen! / Es liegt in deiner Hand“ (PUR, Abenteuerland). Das Abenteuerland bietet dem Ich folglich einen Ausweg vom Alltag, eine Möglichkeit, der grauen Masse zu entkommen und wieder Energie zu tanken.

Auch Giesinger bietet seiner Protagonistin diese Möglichkeit an. Zwar entflieht sie nicht, wie das Ich bei Abenteuerland in ihre Fantasie, aber sie findet trotzdem einen Fluchtweg: Das Tanzen ermöglicht es der Protagonistin in Wenn Sie Tanzt dem stressigen Alltag und der Realität zu entkommen, doch anstatt die Auszeit zu entschleunigen, damit die Mutter tatsächlich mal eine Pause machen kann, scheint der Song vorzugeben, dass das ‚Heilmittel’ quasi eine weitere Beschleunigung durch Action und Aufbruch ist, was auch musikalisch durch den Tempowechsel und das Auftreten vermehrter Instrumente verdeutlicht wird. Giesinger konzipiert hier eine Ausflucht aus dem stressigen, auslaugenden Alltag durch die noch aufbrausendere „Pause“, die tatsächlich nicht als solche betrachtet werden kann. Dabei spielt besonders die Zeile „Dann geht sie barfuß in New York“ auf den Udo Jürgens Schlager-Hit Ich war noch niemals in New York an.

Der Protagonist aus Jürgens‘ Lied führt ein beständiges, von Monotonie geprägtes Leben. Dies wird dem Mann bewusst, als er sich nach dem Abendessen noch kurz auf den Weg macht, um Zigaretten zu holen.

Und nach dem Abendessen sagte er / Laß mich noch eben Zigaretten holen gehn. / Sie rief ihm nach, nimm dir die Schlüssel mit / Ich werd inzwischen nach der Kleinen sehn. / Er zog die Tür zu ging stumm hinaus ins neonhelle Treppenhaus. / Es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit / und auf der Treppe dachte er / wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär./ Ich müßte einfach gehn. / Für alle Zeit. / Für alle Zeit. / Ich war noch niemals in New York. / Ich war noch niemals auf Hawaii. / Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.35)Jürgens, Udo, Ich war noch niemals in New York, auf: Jürgens, Udo, Silberstreifen, Ariola 1982.

Das abendliche Verlassen der Wohnung bietet einen Ausbruch aus der gängigen Routine, so dass das Ich hier eine Möglichkeit wittert, dem Alltag zu entkommen, sich der Spießigkeit zu entziehen; noch einmal „verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn“. Dem Ich wird bewusst, dass es erschreckend einfach wäre, seinen waghalsigen Plan sofort umzusetzen: „Und als er draußen auf der Straße stand / fiel ihm ein, daß er fast alles bei sich trug. / Den Paß, die Eurochecks und etwas Geld / vielleicht ging heute Abend noch ein Flug. / Er könnt ein Taxi nehmen am Eck / oder Autostop und einfach weg.“ Und so schwelgt der Mann weiter in seinen Fantasien dem Alltag zu entkommen, doch anders als im PUR-Song, gibt sich der Mann diesen Fantasien nicht vollständig hin: „Dann steckte er die Zigaretten ein / und ging wie selbstverständlich heim. / Durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit“.

Genau wie der dortige Vater und Ehemann wünscht sich die Frau in Wenn Sie Tanzt einen Ausweg aus ihrem Alltag: „Sie würde gerne mal aufn Date gehn / In ihrem Lieblingskleid nicht nur vor dem Spiegel stehen / Aber ob sie sich das traut / Selbst wenn die Zeit es mal erlaubt“. Doch genau wie bei Jürgens kommt die Frau bei Giesinger aus ihrem Alltagsgefängnis nicht raus. Sie verharrt im Konjunktiv und lebt ihre Fantasien nicht aus. Dafür macht sie unter anderem ihre Kinder/Mutterschaft verantwortlich, durch die es ihr nur noch möglich scheint, während des Tanzens dem Alltag zu entfliehen.

Neo-Schlager: Gefangen zwischen vermeintlicher Individualität und universalem Anspruch

Berghahn gibt schon 1964 zu bedenken, dass diese Sicht eigentlich zu kurz gefasst ist: „Leider hat sich in Deutschland die Diskussion bisher fast ausschließlich bei den ›Vokabeln‹ aufgehalten. Bis zur ›Grammatik‹ ist sie nicht vorgedrungen“.36)Berghahn, Fremde, S. 249. Denn der erste Blick verberge, dass „unter der Oberfläche, hinter der scheinbaren Wiederkehr des Gleichen, ein subtiles Zusammenspiel stattfindet, in dem sich die Bedeutung der Motive von Fall zu Fall verschiebt“.37)Ebd. Fraglos ist diese Feststellung auf die zeitgenössische Kritik am Schlager gerichtet − ob sie noch heute zutrifft, bleibt zu untersuchen. Nichtsdestotrotz bleibt die Erkenntnis, dass die Motivik sich im Lauf der Zeit nicht eklatant geändert hat. Hier sei an die identitätsbildende Kraft des Schlagers verwiesen, darauf, dass „Schlager kollektive Wachträume sind, [die] […] wie alle Träume nicht der Logik und Vernunft [gehorchen], sondern Wünschen und Ängsten“.38)Ebd. Schlager ist als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu verstehen. Seine Inhalte bieten Anknüpfungspunkte für die meisten Lebenslagen. Schließlich muss er das auch. Denn „die Schlagerindustrie stellt eine Lyriksorte her, die dem Anspruch genügen muss, universal verkäuflich zu sein“ und ihre „Absatzchance wird sich in dem Maße optimieren lassen, als unter Ausblendung aller psychologischen Besonderheiten, alles Individuelle[m] ein universal eingeführtes Muster ‚romantischer Liebe‘ […] für den Gesamttext des Schlagers thematisch werden kann“.39)Großklaus, Götz, Vierzig Jahre Literaturwissenschaft. 1969-2009. Zur Geschichte der kultur- und medienwissenschaftlichen Öffnung, Frankfurt am Main 2011, S. 151. Das lässt sich auch für die neue deutschsprachige Popmusik festhalten. Allerdings funktionieren die Texte etwas anders. Über dem universalen Anspruch liegt eine Ebene der Individualität − „und die Chören singen für dich“ (Mark Forster); „sei nicht so hart zu dir selbst“ (Andreas Bourani); „ist da jemand der mein Herz versteht?“ (Adel Tawil) −, die jedoch so allgemein gefasst ist, eben universale Gefühle anspricht, dass sie wohl nur noch als Pseudo-Individualität bezeichnet werden kann. Die oberflächliche Individualität festigt nicht nur den Status der neuen deutschsprachigen Popmusik als Schlager, sondern sorgt auch dafür, dass diese Musik nicht von ihrer Vergangenheit lassen kann.

Mandy Grotke

Mandy hat nach ihrem U.T.Z.-Abschluss Hogwarts verlassen und widmet sich nun dem akademischen Feld der Muggel im Master-Studiengang Kulturpoetik der Literatur und Medien. Als waschechte Leseratte durchforstet sie alles, was ihr zwischen die Finger kommt. Bei trübem Herbstwetter blättert sie am liebsten in bunten Einrichtungsmagazinen oder schwingt die Backutensilien.
Hendrik Günther

Hendrik Günther

Hendrik Günther studiert Kulturpoetik der Literatur und Medien, arbeitet im Pop-Archiv am Lehrstuhl von Moritz Baßler, verkauft (und trinkt) Bier im Braukunstwerk und schaut während er Texte schreibt am liebsten "Chef's Table".
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