Die Missverständnisse der neuen Archivisten

26. Oktober 2017 - 2017 / Allgemein / tontext

Von der Suche nach echter Liebe und der Unterscheidung zwischen gutem Pop, bösem Pop und Schlager

Mein Mitbewohner (T.) ist zum Archivisten1)Die Wahl, nicht „Archivar“, sondern „Archivist“ zu schreiben, ist gemeint als Anspielung auf die Monographie von Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München 2002. sonderbarer Musik geworden. Sein Archiv beinhaltet „Nachdenkliche Musik mit Töne“ – so heißt die spotify-Playlist, die ich hier mal ‚Archiv‘ nennen möchte. Es begann vor zweieinhalb Jahren, begleitet von K.I.Z. und SSIO hatten T. und ich eine geschmeidige Autofahrt von Deutschlands kleinster Großstadt H. nach M., einer etwas größeren, aber immer noch kleinen Großstadt. Die Topographie änderte sich, das semantische Feld blieb das gleiche. Keine Grenze schien impermeabel, wir waren keine Helden und brauchten es nicht zu sein. Das Ziel wurde erreicht, auch ohne Extrempunktregel, ohne dass es etwas zu erzählen gegeben hätte.2)Während Albert Einstein gerade dabei war, den Nobelpreis entgegen zu nehmen, wurde in Russland sein twin brother from another mother geboren – Jurij Michailowitsch Lotman (gleiches Haar, gleicher Schnurrbart, kein Zufall – checkt die Bilder!). Jurij ist für die Literaturwissenschaften, was Albert für die Physik ist – ein crazy guter Erklärbär und Modellbauer. Eines seiner berühmtesten Modelle ist das topologische Raummodell. Das lässt sich auf jede Art von Erzähltext anwenden, um den Text zu analysieren oder natürlich auch mehrere Texte untereinander zu vergleichen (geht auch mit Filmen, Hörspielen, einfach jedem Narrativ). Das zentrale Element dabei heißt ‚Ereignis‘ und bezeichnet die Überschreitung einer klassifikatorischen Grenze zwischen zwei distinkten abstrakt-semantischen Räumen durch eine Figur. Die Figur ist Träger der semantischen Merkmale ihres Ursprungsraums und passt deshalb schlecht zu den Merkmalen der neuen semantischen Umgebung. Beispiel: Luke ist der gute Typ reinen Herzens, ein Vertreter der Liebe, und kommt auf das Raumschiff Darth Vaders, der eher auf dunkle Sachen und Hass steht und scheint ein schlechtes Herz zu haben. Die Grenzüberschreitung führt (nach einigen weiteren Ereignissen) dazu, dass die „dunkle Seite“ getilgt wird, das Imperium mit all seinen Zeichen und Bedeutungen verschwindet und die Rebellen Party machen (bis die Sequels kamen). Wenn es hier also nichts zu erzählen gibt, dann deshalb, weil im Sinne Lotmans nicht per se eine Grenzüberschreitung vorliegt, wenn man mit dem Auto von A nach B fährt. Hier ist das der Fall und trotzdem wird es erzählt – vielleicht ergibt das später noch Sinn. Bis dahin lohnt sich ein Blick in Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte. Übers. von Rolf-Dietrich Keil. 4., unveränd. Aufl. München 1993.

Obwohl ein Ereignis fehlte, war zur Ankunft den Traditionen entsprechend Zelebration angesagt. Doch statt Ein hoch auf unseren Busfahrer zu singen oder bei Ich rolle mit meim Besten die Reifen quietschen zu lassen, erhoben die Sportsfreunde Stiller ihre Stimmen und jubelten: Applaus, Applaus. Das tat gut. Der Anfang des Songs macht glücklicherweise auch gleich alles klar:

Ist meine Hand eine Faust machst du sie wieder auf
und legst die deine in meine
Du flüsterst Sätze mit Bedacht durch all den Lärm
als ob sie mein Sextant und Kompass wären3)Hier ein Video mit musizierenden Männern im Wald https://www.youtube.com/watch?v=yeNHxg-ciDI.

Klar, da ist jemand wirklich das Ein und Alles für den anderen. Wenn der eine zornig ist, kann der andere ihn4)Oder auch sie oder alle anderen Möglichkeiten. Wer weiß schon, welches Geschlecht das lyrische Ich hat. Das gilt natürlich für alle Figuren. beruhigen und führt ihn, einem nautischen Instrument gleich, in ruhigere Gewässer. Dafür wird sich anständig bedankt und dann noch gesagt, „Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf“, im Grunde also: Bleib so, wie du bist! Sehr nett, aber irgendwas fehlt. Vielleicht war dieses fehlende Etwas der Grund dafür, dass T. und ich plötzlich lachen mussten. Zugegebenermaßen hatten wir das Lied auch nicht angemacht, um es einander als besonders expressives „Danke!“ zuzusprechen, sondern weil wir schon vorher wussten, dass es uns zum Lachen bringen und fröhlich beschwingt ankommen lassen würde.

Applaus, Applaus landete also in besagter Playlist „Nachdenkliche Musik mit Töne“ und mit ihm alle möglichen anderen Lieder, die das gewisse Etwas hatten. Dazu zählen etwa Au revoir (Mark Forster), 80 Millionen (Max Giesinger), Steine (Bosse) und Ich lass für dich das Licht an (Revolverheld) – allesamt recht junge Lieder mit deutschen Texten, alle behandeln ‚Probleme, die man kennt‘: Liebe, Liebeskummer, Leben, Entscheidungsschwierigkeiten, persönliche Dinge, die man zwischen Kopf und Bauch ausmacht. Und manchmal gibt es auch gar kein Problem und es geht einfach darum, danke zu sagen.

Aber was an diesen Songs bringt uns immer wieder zum Lachen? Ist doch eigentlich bloß deutscher Pop. Gut, wir finden die Texte lächerlich, manchmal dumm, die Videos oft sinnlos, die sogenannten Künstler_innen mindestens unauthentisch – das lässt sich glücklicherweise nicht über die Gesamtheit des Deutschpop sagen. Haben wir es hier also mit einem anderen Genre zu tun? Die Nähe dieses vermeintlichen Pop zur Schlagermusik und zur Werbung wurde im Neo Magazin Royale ja treffend vorgeführt.5)Siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=nFfu2xDJyVs (25.10.2017). Marktkonformität in der Extremform der Quasi-Werbung – sehr unpoppig für Staubsauger und After-Sex-Pick-Ups anstelle realer Trends – und fehlende Authentizität der Performer wurden als Indizien gewählt, um diversen Künstler_innen das Prädikat ‚Pop‘ abzuerkennen und ihnen stattdessen einen fetten ‚Schlager‘-Button zu verpassen, der einen starken Beigeschmack ‚Igitt‘-Flavour trägt. Kann das überzeugen? Ich würde meinen, es reicht nicht aus. Ich versuche, es an einem Vergleich zu zeigen und komme zurück zu Mr. T. und seinem Archiv.

Doing Love – echte Liebe braucht Performanz

Glücklicherweise ist T. kein guter Archivist meines Geschmacks. Neben den genannten Songs schlüpften nämlich auch Wir sind Helden mit Denkmal in die Playlist und da muss ich widersprechen und zwar deutlich. Die gehören da nämlich nicht rein! Die sind wirklich Pop und über echten Pop lache ich nicht, wenn er schlecht, sondern wenn er gut ist. Das wird sich zeigen, wenn wir Musikvideo und Lyrics mit denen von Ich lass für dich das Licht an (Revolverheld) vergleichen. Ich halte den Vergleich für legitim, weil beide Lieder nach T. „Nachdenkliche Musik mit Töne“ sind und den Pop-Dauerbrenner bearbeiten: die Liebe.

Hol den Vorschlaghammer!
Sie haben uns ein Denkmal gebaut
Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut
Ich werd‘ die schlechtesten Sprayer dieser Stadt engagier’n
Die soll’n nachts noch die Trümmer mit Parolen beschmier’n

Der Refrain von Denkmal hat keine anspruchsvollen Reime und es muss nicht direkt nach der tieferen Bedeutungsebene gefragt werden, um die Geschichte zu verstehen. Es wurde ein Denkmal für ein Paar errichtet, das Paar selbst will es nun schnellstmöglich zerstören und schänden, weil Denkmäler die Liebe gefährden.

Meistens wird in Pop-Songs der Liebe ja eher ein Denkmal gesetzt oder zumindest ist das das Ziel. Wir sind Helden verstehen aber, dass das Errichten eines Denkmals gerade der falsche Weg ist, weil es die Echtheit der Liebe bedroht. Denkmäler haben schließlich ein äußerst permanenten und einen wenig dynamischen Charakter. Die Liebe aber muss immer wieder neu unter Beweis gestellt werden und kann sich stetig ändern. Die Liebespartner_innen sind aufgefordert, ihre Liebe nicht als ‚in Stein gemeißelt‘ zu betrachten, sondern sie immer wieder dem anderen gegenüber auszudrücken. Damit wird Liebe zum performativen Element, zur Interaktion. Das Denkmal nimmt der Liebe ihre Vergänglichkeit, es tilgt die Zeit und die Veränderung und deshalb muss es weg! Es ist Zeit zu handeln, höchste Eisenbahn, denn „wenn uns jetzt hier wer erwischt, sind wir für immer vereint“ – die Liebe ist jetzt und immer nur jetzt, nicht in einer Ewigkeit des für immer. Würden die Liebenden erst einmal mit dem Denkmal identifiziert, wären sie „für immer vereint in Beton und Seligkeit“. Auch über den ideellen Charakter des Begriffs ‚Liebe‘ täuscht das Denkmal nämlich hinweg. Es zeigt nicht die Probleme, die eine Liebe mit sich bringt, das Ringen der Performenden. Das Denkmal zeigt den ereignislosen Zustand der reinen Liebe, die es nicht gibt und die deshalb die echte Liebe im Jetzt zerstört. Deshalb sagt die Inschrift bei den Schuhen auch: Sie sollen „in Ewigkeit ruhen“, obwohl die zwei doch offensichtlich noch am Leben sind – ein Denkmal für die Liebe ist ein Grabstein.

Also wird kaputt gemacht, was sie kaputt macht und das Grab der Liebe geschändet. Die „Parolen“ markieren das Ganze als politischen Akt und damit wird auch betont, dass die symbolische Kraft eines Denkmals immer politischem Missbrauch zum Opfer fallen kann. Die Liebe gehört jedoch in den Raum des Privaten, weshalb die Errichtung des Denkmals eine Grenzüberschreitung darstellt – es wird versucht Privates für den Raum des Öffentlichen zu missbrauchen. Diese Grenzüberschreitung muss getilgt werden und zwar nicht durch hohe Kunst, sondern durch die „schlechtesten Sprayer“, die Jedermanns.

Spektakel lassen sich nicht filmen

Im Musikvideo6)Komm mal ans Fenster, komm her zu mir: https://www.youtube.com/watch?v=aC872j2-PDw (10.10.17). gibt es dazu scheinbar-dokumentarisches Material von der Band zu sehen: die Band auf Tour ganz ‚privat‘. Sie entblößen sich voreinander und haben Spaß zusammen (Duschszene), die Band ist sich des Videodrehs bewusst (Blicke in die Kamera), die Band macht, was eine Band macht – Konzerte spielen. Und die Konzerte funktionieren, die Fans finden offensichtlich gut, was die Band macht und die Band scheint Spaß zu haben auf der Bühne. Da wird gemeinsam etwas gefeiert, performt, oder, um es mit MacCannell zu sagen, die ‚Ikone‘ hochgehalten.7)Vgl. Davis Dean MacCannell: „Sights and Spectacles“. In: Paul Bouissac et al. (Hg.).: Iconicity. Essays on the Nature of Culture. Festschrift für Thomas A. Sebeok. Tübingen 1986. S. 421-435; hier vor allem S. 426.

Auf der Oberfläche ist das, wie es sich für Pop gehört, sehr einfach und lässt sich leicht konsumieren, hat aber erneut einen doppelten Boden. Parallel zum Text werden Privates und Öffentliches vermengt und so inszeniert, dass ein Liebesverhältnis auch zwischen den Fans und der Band besteht. Die notwendige Performanz der ‚Liebe‘ ist als gemeinsames Spektakel abgebildet. Die Fans haben Anteil an der Performance und werden kurz vor dem Ende sogar in die Audiospur eingebunden. Da wird ein Bewusstsein dafür deutlich, dass Popmusik nicht privat sein kann, sondern eben populär sein muss, hier also der ‚echten Liebe‘ gegenüber steht. Bei MacCannell ist das Spektakel, dieses gemeinsame ‚die-Ikone-hochhalten‘ gar nicht analysierbar, weil man entweder beteiligt ist am Spektakel und dann teilhat an der Bedeutungsherstellung oder eben nicht. Eine Aufzeichnung des Spektakels ist aber nicht mehr das Spektakel, denn ein Spektakel ist das nicht festzuhaltende Mehr (Icon), das in der Beziehung zwischen Produzent (Band) und Rezipient (Fans) entsteht. Diese Live-Situation ist etwas Quasi-Privates und damit vielleicht auch wieder real love. Das Musikvideo ist mit seinen dokumentarischen Andeutungen deshalb auch als Abbildung der Unmöglichkeit zu lesen, das Spektakel des Live-Konzerts, die Beziehung zwischen Band und Fans unendlich wiederholbar einzufrieren. Folgerichtig wird dem Publikum dann doch vor der letzten Wiederholung des Refrains das Mitspracherecht wieder entzogen und ohne Applaus abgeblendet.

Echte Liebe ohne Grenzen

Neue Einstellung: Wilder Westen.8)Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag: https://www.youtube.com/watch?v=Vf0MC3CFihY (10.10.17). Revolverheld erklärt im Musikvideo zu Ich lass für dich das Licht an die Geschichte von David, dem besten Freund des Revolverheld-Frontsängers, und seiner Freundin sowie die Geschichte zum Video selbst. Das Ganze ist also hochgradig als dokumentarischer Stoff markiert. Die Beziehung begann auf einem Revolverheld-Konzert „vor sechs Jahren“ und nun soll David seiner (unwissenden) Freundin bei einem privaten Überraschungskonzert von Revolverheld einen Heiratsantrag machen, was nur logisch ist, schließlich hatten auch die Väter der Loverboys eine Best-Man-Beziehung. Was für ein Spektakel. Richtigerweise erkennt der Frontcowboy: „Und dann spielen wir diesen Song einmal und das muss halt funktionieren – inklusive Ton, alles live, alles muss auf den Punkt sein.“ Da sind natürlich alle sehr nervös.

Ich lass für dich das Licht an obwohl’s mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn‘ für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag

Ich lass für dich das Licht an, obwohl’s mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da

Wieder „Nachdenkliche Musik mit Töne“ der Subkategorie „Ich-bedank-mich-für-dein-so-sein-wie-du-bist-Songs“, nur hier ohne explizites „Danke“ und irgendwie aus einer komischen Vertreterposition gesungen – Authentizität des Sängers kann hier ja nur vorgegaukelt werden, denn er möchte die real Besungene hoffentlich nicht heiraten. Aber gut, vielleicht kann David einfach nicht singen oder sich Liedtexte genauso wenig merken, wie die tausend Sachen, die er sich für den Antrag zurechtgelegt hatte. Inhaltlich geht das Ganze aber auch über ein „Danke“ hinaus, ja, ist beinahe gefährlich, denn der „Tunnelblick“ des lyrischen Ichs, die ausschließliche Fokussierung auf das Gegenüber reicht bis zur angedeuteten Selbstaufgabe („Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da“). Wie bei Wir sind Helden soll es hier wohl um echte Liebe gehen, auch wenn es eher nach totaler Abhängigkeit klingt, die man in dieser Form wohl niemandem wünschen mag. Aber etwas Pathos darf in Sachen Liebe natürlich sein und da darf dann auch mehr versprochen werden, als man am Ende halten mag. David ist wohl nicht sapiosexuell, das mit der reinen Vernunft hat er überwunden, Liebe ist bei ihm Herzenssache.

Trotzdem bleibt gegenüber Denkmal festzuhalten: Hier wird von Revolverheld gerade jenes reine Ideal von Liebe hochgehalten, das in Denkmal kritisiert wird. Es gibt nämlich überhaupt kein Problem in dieser Liebesbeziehung, jedes Aufkommen eines Konflikts wird schon im Vorhinein verunmöglicht durch die absolute Hingabe. Die tatsächlichen Grenzüberschreitungen, die gegen die eigenen Vorlieben des lyrischen Ichs gehen, wirken dann doch noch erträglich und sind nur scheinbare Ereignisse. Echte Konflikte, echte Grenzen scheint es gar nicht zu geben. Eigentlich gibt es gar nichts zu erzählen. Die Liebe wird zwar immer wieder durch performative Akte aktualisiert, allerdings nur einseitig. Ein Denkmal für diese Liebe zu errichten wäre kein Problem, denn in dieser Beziehung scheint es ohnehin keine Dynamik zu geben.

Die Liebe ist tot und Cowboys haben sie getötet

Leider wird genau dieses Denkmal mit dem Musikvideo enthüllt und da verliert das Spektakel seine Unschuld. Ein als privat inszeniertes Ereignis wird auf YouTube hochgeladen, aber nicht etwa für die Freunde des Paars, die nicht kommen konnten, sondern frei für alle und dezidiert als Teil der Marketingstrategie von Revolverheld.9)Nicht umsonst heißt es in der Info: „Bestellt euch das Album oder die Single […].“ Zur Liebe von David und seiner Freundin steht hier – richtig! – gar nichts.) Das soll die im Song besungene Liebe wohl als „in echt10)Im Video 00:18-00:19. verifizieren, da schließlich eine echte Eheschließung damit auf den Weg gebracht wurde. Was wäre passiert, wenn Revolverheld sich verspielt hätten, der Sänger den Einsatz verpasst hätte? Sie versichern ja im Video, „das muss halt funktionieren“, aber wäre das Spektakel gescheitert, hätte Davids Freundin dann „Nein“ gesagt? Ich wage das zu bezweifeln.

Revolverheld jedenfalls trauen sich, visuell wieder das Gegenteil von dem zu tun, was Wir sind Helden empfehlen. Sie nutzen die Aufnahmen des privaten Events, frieren den Heiratsantrag ein und machen ihn unendlich wiederholbar: Sie errichten ein Denkmal für die Liebe von David und Saskia und begraben damit ihre Echtheit.11)Ich wünsche den beiden trotzdem eine glückliche Ehe. Es geht ja hier nur um die Theorie. An dem tatsächlichen Spektakel kann nicht teilgenommen werden. Aber genau das wird vorgegeben und so wie Revolverheld den Heiratsantrag in Vertretung für David inhaltlich füllen und all das sagen müssen, was dieser vergessen hat, ihn also zu einem guten Teil ersetzt, kann die Aufnahme nun scheinbar anderen Verliebten über ihre Sprachlosigkeit hinweghelfen. Denn ist das Lied tatsächlich in der Lage, die echte Liebe zu konservieren, dann kann es auch funktionalisiert werden und ähnlich verlässlich Ehen zustande bringen, wie ein Hammer dazu taugt, Nägel in die Wand zu schlagen oder Beton zu zertrümmern. Die Liebe kommt über den Warenstatus nicht mehr hinaus, sie ist öffentlich zugänglich und das sogar umsonst. Vielleicht ist das soziale Marktwirtschaft?

Dass das Spektakel echt ist, das sagen uns erst der Applaus und Jubel nach Saskias „Ja“ und dann die echte Vereinigung von Produzierenden und Rezipierenden nach dem ‚Konzert‘. Und dann kommt doch endlich noch ein „Danke“. Vielleicht meint das ja auch: Gute Show. Schließlich merken die Rezipierenden des Videos gar nicht, dass sie genauso ausgetrickst und um die Authentizität betrogen werden wie Saskia.

Choose wisely! – Selektion ist Definition

Zurück zum Neo Magazin Royale. Werbung enthalten beide Songs nur für die Liebe, unterschiedlich war ihr Umgang mit Authentizität sowohl im Hinblick auf die Texte als auch auf die Videogestaltung. Eine zusätzliche metareflexive Ebene zu Darstellungsweisen und -mittel der in Text und Video auf der Oberfläche verhandelten Themen gibt es nur bei Wir sind Helden. Aber das macht die Musik nicht authentischer, sondern bloß klüger. Auch wird bei Ich lass für dich das Licht an eigentlich kein Ereignis beschrieben, aber die Grenzüberschreitung ist kontextuell im Video markiert.((Wahrscheinlich reicht außerdem auch ein fehlendes Ereignis noch nicht als Schlager-Marker. Das Populäre wird verschwiegen, das Private vorgetäuscht und als Authentizitätsmarkierungen von Inhalten missbraucht. Ist das Pop, dann hat er jedes subversive Potential verloren und konserviert bloß ein romantisches Ideal von Liebe, das die Welt in dieser Form erst seit der Industriellen Revolution und der Werbung in den Massenmedien kennt. Deshalb lache ich über Revolverheld, nicht aber über Wir sind Helden. Weil ich Ich lass für dich das Licht an dumm finde – und ein bisschen böse. Darum gehört es auch in „Nachdenkliche Musik mit Töne“ und Denkmal nicht. Schlager ist nicht zwingend dumm. Es gab mal kluge Schlager, zumindest bevor der Pop kam. Vielleicht müsste man zwischen verschiedenen Schlager-Stilen, dem guten und dem bösen, unterscheiden und den Pop ebenso aufteilen. Das sind ja ohnehin alles erstmal begründete oder eben zu begründende Konstrukte.

Was hat das Ganze mit der Grenze zwischen Pop und Schlager zu tun? Nun, ich weiß nicht. Ich bin Kulturwissenschaftler, um zu beschreiben, um Fragen zu stellen und um falsche Antworten auszuschließen, nicht um Antworten zu geben. Und dass T. falsch selektiert hat, das konnte ich hoffentlich zeigen. Ein heilloses Durcheinander im Archiv der „Nachdenklichen Musik mit Töne“, die Lachen macht.

Mein Vorschlag: Hammer zücken!

Jasper Stephan

Jasper Stephan ist Studierender des Masterstudiengangs Kulturpoetik der Literatur und Medien an der Universität Münster sowie Hilfskraft am Germanistischen Institut, Abteilung Neuere Deutsche Literatur.

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