„You’re gonna find yourself in time“ – Körperliche und politische Grenzen im Neuen Zirkus

1. August 2017 - 2017 / Allgemein / bildtext / soziotext

Wer schon einmal im Zirkus war, kennt sie: Seiltanz, Messerwurf und Clowns – diese traditionellen und uns wohl allen bekannte Elemente des Zirkus‘. Aber auch in den Aufführungen des schwedischen Cirkus Cirkör, der eher dem Nouveau Cirque zuzurechnen ist, finden sie ihren Platz.

Die schwedische Gruppe Cirkus Cirkör entstand 1995 in der Nähe von Stockholm und wurde maßgeblich vom französischen Zirkus Cirque du Soleil inspiriert. Tilde Björfors, eine der Gründerinnen, sagt, dass Zirkus eine Welt sei, in der alles möglich ist, „where you could cross all boundaries and mix art forms, nationalities, and physical tricks.“1)Interview mit Tilde Björfors: https://www.youtube.com/watch?v=mIutrHl-Sb8 Der Fokus der Gruppe liegt auf der Überwindung von körperlichen und mentalen Grenzen sowie auf der Suche nach neuen Aufgaben und dem Versuch, Unmögliches möglich zu machen. Innerhalb der Stücke Borders (2015) und Limits (2016) erhalten zirzensische Elemente vor allem politische Ausdruckskraft. Doch wie sieht das aus, wenn zum Beispiel ein Clown Politik zum Ausdruck bringt? Wird aus ihm ein ‘politischer Clown’? Leser_innen, die das für einen Scherz halten, müssen leider enttäuscht werden. Doch obwohl die Freude am oder im Zirkus nicht zu kurz kommt, ist es angesichts der Shows des Cirkus Cirkör schwer, über die ernsten und wichtigen Themen hinwegzusehen. Grenzen werden sowohl formal als auch inhaltlich beleuchtet.

Aber an welchem Punkt stoßen Zirkus und Artisten an Grenzen? Wo liegen die Grenzen zwischen Zirkus und Weltpolitik und wie kann der Zirkus auch mit globalen Grenzen zusammenhängen?

Circus has throughout its history been stretching and breaking boundaries, geographically as well as culturally. The core of circus is movement – whether it is the movement of the whole show, or the movement of the artists in the show. The tours go over national borders, artists travel and circus culture travels with them. But then again one can ask, what is circus culture? And how does its relation to borders function?

 

Circus culture equals mobility?

When talking about the interpretations of (circus) culture, it must be kept in mind that the reading is always depending on the person doing it. Circus practice can be seen from a point of view of an artist as a ‘secret’ or a shared culture among practisers – a shared, family-like feeling between circus artists or a degree of anarchy.2)Bessone 2017. On the other hand, circus is a visible, cultural art form that is created to be looked at, a highly mobile form of culture. Still, as Professor Paul Bouissac3)Bouissac, S. 5. Dr. Prof. Paul Bouissac (b. 1934) is a Professor  Emeritus  at  the  University  of  Toronto  (Victoria College). , a pioneer of circus studies from Canada, writes, circus is also an art form that can be displayed on a mobile base moving from country to country, since the codes of circus culture are – if not universal, at least understandable independently from a certain nation state.

Matina Magkous4)Magkou, S. 56-58. (Greece) research interested include mobility, cultural cooperation, cultural organisations and professionals. She has brought up the idea that culture can’t be seen as a localized concept, but as something that is created and given meanings to by artists, who lead a mobile lifestyle. In Magkou’s perspective this formation of culture is based on the idea that when artists are moving, they bring along something from their own cultural world and experiences. These experiences and movements are not meaningful only to the artists themselves, but include a social aspect which combines artist’s inner world to the world surrounding them. Through mobility the artists bring this combination forward and create new spaces for performance and circus culture.

 

Möglichkeiten und Grenzen zeitgenössischen Zirkus’

Ist zeitgenössischer Zirkus grenzenlos? Generell ist erst einmal festzustellen, dass die Überschreitung von Grenzen meist Chaos und Verwirrung hervorruft. So können Artisten_innen bei dem Versuch eines neuen Kunststücks an ihre (körperlichen) Grenzen stoßen. Diese zu überwinden bedarf Ausdauer, Willensstärke, Training und Disziplin und all das scheinen die Artisten_innen des Cirkus Cirkörs in sich zu tragen.

Anhand der Performances sieht man, dass sich der Zirkus die grundlegenden Eigenschaften von Grenzen zu Nutzen macht bzw. machen kann. Im Verständnis der Zirkusshow lassen sich daher körperliche Grenzen mit politischen Grenzen vergleichen bzw. verbinden. Das entstandene Chaos der Grenzüberschreitungen ist eine Erfahrung, die wir aktuell auch in Europa spüren können. Unsicherheit, Instabilität und Panik lassen Mauern höher werden, Grenzen zahlreicher und Kontrollen schärfer. Cirkus Cirkör integriert sowohl auf darstellerischer als auch auf inhaltlicher Ebene kulturelle und politische Inhalte. Die Aufführungen lassen sich so als eine Art Metasprache über reale Ereignisse lesen.

„Nothing can happen without breaking boundaries.“ (Tilde Björfors)

Interview mit Tilde Björfors

Wie aber schafft Cirkus Cirkör diesen Spagat zwischen künstlerischen und politischen Grenzen? Hierfür kurz etwas zu den Performances: Borders ist der erste Teil einer Trilogie und nutzt die Sprache des Körpers und die Magie des Zirkus’ um unsere gemeinsame Menschlichkeit, sich auflösende Grenzen, Migration und die Aufnahme von Geflüchteten zu erkunden. Dazu werden Erzählstimmen von Personen verwendet, die eine Flucht tatsächlich erlebt haben. Somit reagieren die genannten Aufführungen nicht nur auf kulturelle Ereignisse, sondern integrieren diese auch in ihre Aufführungen.

Wenn man sich Borders und Limits von Cirkus Cirkör anschaut, kann man sehen, dass genau das versucht wird, was die Titel erahnen lassen: körperliche und mentale Borders und Limits zu durchbrechen. Bewegung steht im Fokus beider Shows und wird hinsichtlich mehrerer Aspekte thematisiert – körperliche Bewegung wird metaphorisch genutzt und mit der Bewegung auf der Welt vereint. Ein Stillstand der Bewegung kann die Welt aus der Balance bringen: Grenzen, die der menschliche Körper einem Individuum setzt und solche, die von der Gesellschaft, der Politik oder durch kulturelle Vorstellungen gesetzt werden. Sind Limits real oder imaginär? Sind sie eine Sackgasse oder eine Motivation um nach neuen Wegen zu suchen? Was geschieht mit der globalen Balance? Diese und andere Fragen werden von Cirkus Cirkör thematisiert.

 

Leichenschändung als Showelement?

In Borders werden Leichen mit einem Pinsel bemalt. Eine solche Handlung ist im realen Leben undenkbar. Mit dem Pinsel wird durch eine schwarze Linie auf weißen Körpern metaphorisch eine Trennungslinie geschaffen. Folglich handelt es sich um eine von Menschen eigenhändig geschaffene Grenze.

Es handelt sich bei diesem Akt um die bewusste Handlung einer Figur zum Schaden anderer. Pro- und Antagonisten, die scheinbar miteinander konkurrieren und jeweils die andere Seite behindern, stehen in Borders in einem ständigen Austausch. Auch die spezielle Kleidung der Figuren macht diese Konstellation sehr präsent.

Figuren treten jedoch nicht nur in Kontakt miteinander, sondern sie treten auch mit dem Publikum in Interaktion. Die künstlerische Welt wird damit verlassen, die erzählerische Grenze überschritten. Die Show wird zum Appell an das Publikum. Die Figuren sprechen sich gegen Einwanderung aus und positionieren sich so gegen den Kurs der Politik. Der künstlerische Raum erfährt an dieser Stelle eine formale Öffnung, die kongruent zur inhaltlichen Dimension ist.

 

Ein selbstreflexiver Umgang mit dem Medium ,Zirkus’

Zirkustricks werden so in Szene gesetzt, dass bewusst zwei kulturelle Paradigmen in Kontrast zueinander aufgemacht werden. Zirkus selbst ist immer in die kulturelle Ordnung der Show und der Unterhaltung eingebunden. Klassische Elemente wie der Zirkusdirektor, der Seiltanz, der Messerwurf und vieles mehr bedienen ein solches Paradigma. Gleichzeitig wird ein Widerspruch erzeugt, da inhaltlich mit dem kulturellen Exempel von Migration und Flucht gearbeitet wird. Beide Systeme scheinen erst einmal unvereinbar. Im künstlerischen Raum werden diese Elemente jedoch metaphorisch aufgeladen, sodass der Widerspruch relativiert wird.

Ein Beispiel dafür ist der Seiltanz: Er wird zum Ausdruck einer unsicheren Flucht. An dem einen Ende des Seils steht ein als bösartig dargestellter Clown, der das Seil zu verbrennen versucht. Er lässt sich als Referenz auf die politischen Handlungsträger der Europäischen Union deuten. Nicht zuletzt der EU-Türkei-Deal lässt an ein ähnliches Bild denken. Auf der anderen Seite stellt die mit Pluderhose, Turban und Weste gekleidete Person, die durch den Versuch, das Seil mit heißem Teewasser zerreißen zu lassen, ebenfalls den Tod der Person heraufbeschwört, mit großer Wahrscheinlichkeit einen Schlepper dar. Es ist öffentlich bekannt, dass, sofern man sich einmal für eine Flucht mit Hilfe von Schleppern entschieden hat, man sich nicht mehr davon abwenden kann. Hier findet nicht nur eine politische Semantisierung des traditionellen Seiltanzes statt, sondern auch eine klare politische Kritik. Eine mögliche Lesart des Aktes wäre, dass sich diese Kritik auf die  Grausamkeiten politischer Entscheidungen, wie etwa dem EU-Türkei Deal, beziehen.5) https://www.theguardian.com/world/2016/mar/18/eu-strikes-deal-with-turkey-to-send-back-refugees-from-greece

Politischer Zirkus: Ist die Aufgabe nicht zu groß?

Quelle zur Statistik: „Aktuelle Zahlen zu Asyl“ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (siehe unten)

Es bleibt unklar, ob Stücke wie Borders oder Limits tatsächlich langfristige Veränderungen im kulturellen Raum erzeugen können. Zweifelsohne eröffnen sie Diskurse und liefern Provokationen, die zumindest zur kurzfristigen Auseinandersetzung mit der Thematik anregen. Es lässt sich ein wechselseitiger Bezug zwischen kulturellem und künstlerischem Raum erkennen. Dennoch wäre es falsch von einem Einfluss durch den kulturellen Raum zu sprechen. Diese Formulierung würde voraussetzen, dass die Aufführung passiv beeinflusst wird. Entgegen einer solchen These greift die Aufführung aktiv auf kulturelle Ereignisse zurück und bewertet sie. Die Auftritte sind als klare Kommentare zu lesen, die Fehler der Gesellschaft aufzeigen sollen. Das Publikum erhält im Anschluss beider Shows die Aufgabe eigenständige Urteile zu fällen.

 

Was gibt Cirkus Cirkör seinen Zuschauer_innen mit auf den Weg?

New Circus breaks boundaries

Traditional Circus has throughout its history been (rather) unpolitical and not taking part in other questions of the public speech6)Eklund 2017., whereas the New Circus has been and is raising its voice on political unfairness. Circus on the whole is on its behalf is nevertheless entangled with (neo)nomadic lifestyle7)See to neonomadism for example Richards & Wilson 2004, S. 262., which in part is clearly entangled to the questions on borders and limitations. Borders is a problematic term on many aspects; it is at the same time very concrete, but also a greatly abstract thing. In anthropology borders are sometimes looked at through the concept of borderscape.8)Lemberg-Pedersen. Borderscape defines borders to be not only geographical places, but dynamic, multidimensional spaces in which there are multiple private and institutional actors. As we already shown in Limits and as well in Borders the borderscape is displayed on many levels. As well the refugees and their experiences are taken as a part of the shows; the two shows are still rather different in terms of creating cultural spaces; whereas Limits is clearly about the political (refugee) situation of the world, Borders plays with different cultural spheres including the politics, but as well features of the traditional circus‘ world and even the otherness and freak shows of the circus.

Der Neue Zirkus, und somit auch Cirkus Cirkör, löst sich von den traditionellen Mustern einer Aufführung und bringt auf faszinierende Art und Weise eine Kombination aus Artistik, Show und aktuellem Weltgeschehen auf die Bühne. Die Erwartung der Zuschauer_innen wird bedient, indem mit einer Kombination traditioneller zirzensischer Elemente und aktuellem Weltgeschehen, die auf metaphorische Weise dargestellt werden, gespielt wird. Der Neue Zirkus ist dazu fähig, ein Abbild unserer Welt oder eine Welt, in der alles möglich ist, darzustellen. Eine Welt, in der sich das Publikum kurzzeitig verlieren kann oder die als Aufruf fungiert, Dinge zu ändern und die Augen nicht zu verschließen.

 


 

References

Bessone, Ilaria: Circus bodies and cultural spaces. UpSideDown-International Conference abstract, 2017.

Bouissac, Paul: Circus & Culture – A Semiotic Approach. Indiana University Press, 1976.

Eklund, Jonas: Breaking Boundaries – Exploring and defying Borders and Limits with Circus Cirkör.

UpSideDown-International Conference abstract, 2017.

Lemberg-Pedersen, Martin: Private Security Companies and the European Borderscapes. The Migration Industry and the Commercialization of International Migration. Ed. Ninna Nyberg-Sörensen & Thomas Gammeltoft-Hansen. Routledge, 2013.

Magkau, Matina: Geographies of Artistic Mobility for the Formation and Confirmation of European Cultural Citizenship. European House for Culture. European Union Culture Programme, 2012. http://www.houseforculture.eu/upload/Docs% 20ACP/ACPtheculturalcomponentofcitizenshiponlinecopy.pdf#page=55.

Richards, Greg & Wilson, Julie: The Global Nomad: Backpacker Travel in Theory and Practice. Clevedon: Channel View Publications, 2004.

Tait, Peta: Circus Bodies. Cultural identity in aerial performances. Oxon, London and New York 2005.

 

Riikka Juutinen

is a social anthropology master student from the University of Tampere, Finland. Has been for the last months in Münster as an Erasmus intern at Zirkuswissenschaft, writes thesis on circus mobility and has neverending interest in new stories.

Lenny Michael Liebig

studiert Kunst und Germanistik auf Lehramt in Münster. Von der Schule in die Schule! Naja, fast. Einige Jahre Studium stehen noch aus. Bis dahin genießt er das Studentendasein, geht viel auf Reisen. Am liebsten nach Kanada und Schweden. Er isst gerne (Kinderschokoladen)Eis und Döner und fotografiert sehr gerne. Zeitgenössische Kunst und Konzeptkunst sind voll sein Ding.

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    Ilka Winkler

    ist nach einigen Umwegen über Paris, Wien und Konstanz, der schönen Stadt am kleinen Meer (oder auch dem Bodensee), nun vorerst in Münster gelandet und studiert Kulturpoetik der Literatur und Medien. Begeistern lässt sie sich sowohl von Kunst als auch von Kultur und sie findet alles, was mit Tanz oder Bewegung zu tun hat, famos.

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