13 Reasons Why – Gedanken zur Netflix-Produktion “Tote Mädchen Lügen nicht”

23. Juli 2017 - 2017 / bildtext

Ich schaue Netflix. Genauer gesagt, sehe ich mir den neuen Star am Netflix-Himmel an: eine Produktion, die Rekorde bricht. Auf Twitter ist es die meistdiskutierte Serie überhaupt im Jahr 2017, bei Google die meistgesuchte Netflixproduktion. Alles klar, das muss ich sehen.

Hanna Baker, Protagonistin, zwar tot, aber trotzdem Protagonistin – mehr dazu später – begrüßt mich. Sie wird mir die Story ihres Lebens erzählen. Die Wahre, das weiß ich aber ja auch schon vom Titel: Tote Mädchen Lügen nicht. Im Original schwingt außerdem noch eine ganze Menge Schuldzuweisung mit, „13 Reasons Why“. Im Laufe von 13 Folgen wird aufgedeckt, warum Hanna Baker Suizid begangen hat. Die Zuschauer*innen folgen dabei Clay, ebenfalls Protagonist, nicht tot. Er bekommt in der ersten Folge ein Paket mit Kassetten, auf die Hanna vor Ihrem Tod 13 Gründe aufgenommen, eigentlich eher 13 Menschen genannt, die etwas getan hatten, was ihren Lebenswillen geschwächt, schließlich ausgelöscht hat. Die Serie ist beladen von schweren Zeichen: Cyber-bullying, sexuelle Belästigung, Stalking, Vergewaltigung, Selbstmord. Hier einige Gedanken zur Serie.

The truth is the least popular

Am Anfang der Kassetten spricht Hanna über Dinge, die einfach als Teeniedramen abgetan werden könnten. Ein Junge verschickt ein Bild übers Internet, eine Freundin ist eifersüchtig, alle fühlen sich unverstanden. Im Verlauf wird schnell klar, dass es um deutlich sensiblere Themen gehen wird, wie sexuelle Belästigung, es kommt schließlich zu einer Vergewaltigung.

Unter der Oberfläche wird aber auch schon bereits ab der ersten Folge, bis zum Höhepunkt in der letzten Folge eine gesellschaftliche Tragik verhandelt, die etwas subtiler daherkommt und eine kritische Auseinandersetzung fordert: weibliche Zeugenschaft.

Hannas Glaubwürdigkeit wird in jeder Folge mindestens einmal, meist häufiger diskutiert. Dabei wird die Frage nach Lüge und Wahrheit in beiden Erzählsträngen aufgeworfen. In dem von Rückblenden bestimmten Teil, in dem es um Hannas Leben vor dem Selbstmord geht, als auch in der erzählten Gegenwart, in der Clay die Tapes mit sich rumträgt, ohne sie zu hören.[1] Sogar Clay, Hannas Verfechter unter den lebenden Figuren, gerät ins Zweifeln. Viel einfacher wäre es ihr nicht zu glauben. Hanna steht scheinbar vor einem weiblichen Problem, männliche Figuren müssen die Erfahrung, dass ihr Gesagtes nicht für wahr befunden wird, nicht machen. Im Gegenteil: Einer der Beteiligten, Justin, lügt lange Zeit über eine Vergewaltigung, von der er weiß. Hanna, die bei der Vergewaltigung Zeugin war, versucht mehrmals davon zu berichten. Schließlich erzählt sie auf den Tapes davon. Bis auf Clay glaubt niemand der anderen Eingeweihten an Hannas Augenzeugenbericht. Sie alle gehen dazu über, auf Justins Wort zu vertrauen, sogar die Überlebende Jessica selbst. Und auch als diese sich zu erinnern beginnt, ist es für sie nötig, ihre eigene Erinnerung männlich verifizieren zu lassen. Sie akzeptiert das Geschehene erst als Realität, als Justin gesteht, von der tatsächlich stattgefundenen Vergewaltigung gewusst zu haben.

Einige Folgen später wird bekannt, dass auch Hanna vom selben Täter vergewaltigt wurde. Der Unterschied zu Jessicas Fall ist, dass Hanna bewusst versucht, die Tat anzuzeigen. Sie wendet sich an den Schulpsychologen. Wieder von einer männlichen Figur wird Hannas Aussage als unglaubwürdig abgetan. Die männlichen Figuren entscheiden also über Wahrheit und Lüge. Hanna verzweifelt schließlich daran, dass der Versuch ihre Erfahrung mitzuteilen scheitert und keine der mehrfachen Übergriffe auf Mädchen ernsthaft verfolgt wird. Trotz der Tatsache, dass es letztlich gelingt, die Wahrheit ans Licht zu bringen, ist Hannas Figur als verstummt zu betrachten. Von ihr bleibt nur eine Art Heimsuchung: über ein Gerät konserviert und aus dem zeitlichen Kontext gerissen, gibt sie ihre Aussage ab.

Es ist trotzdem zum einen Justin, der über die Vergewaltigung an Jessica aufklärt und zum anderen Clay, der das Geständnis über Hannas Vergewaltigung einholt. Hanna, als Zeugin und Betroffene gerät als tote Figur in die handlungsunfähigste Position, die es gibt. Es gelingt ihr nur bedingt mit den aufgenommenen Tapes noch Einfluss zu nehmen, wie die lange Zeit zeigt, in der Justins erfundene Version von allen als Wahrheit angenommen wird.

Auch Jessica, die Überlebende, tritt dennoch nicht als handelnde Figur auf. Während ihre Verzweiflung mithilfe übermäßigen Alkoholkonsums gekennzeichnet wird, nimmt sie ansonsten keinen Einfluss auf die Entwicklung der Narration. Sie bewegt sich zwischen drei männlichen Figuren hin und her, Justin, Alex und Bryce, ohne bei diesen eine etwaige Form von Denkanstoß oder Ihr Schwebezustand wird schließlich von Justin gelöst, als sie von ihm erfährt, dass ihre Erinnerung sie nicht täuscht und sie tatsächlich vergewaltigt wurde. Jessica versucht sich wie auch Hanna letztlich noch Gehör zu verschaffen. Doch richtet Jessica sich an eine vertraute Person, an ihren Vater. Ihre Aussage wird jedoch vom Schnitt abgebrochen. In einem kurzen shot ist nur zu erahnen, dass Jessica das Geschehene berichten wird. Doch endet die Szene, bevor die Serie sie zu Wort kommen lässt. Ob ihr geglaubt wird, die Tat angezeigt wird, Jessica sich ausdrücken kann, bleibt unklar. Der Schnitt zensiert die letzte Chance einer weiblichen Figur aktiv Gerechtigkeit einzufordern. Macht hier die Serie dasselbe, wie ihre eigenen Täter mit Jessica?

Die Problematik weiblicher Glaubwürdigkeit in der amerikanischen Gesellschaft, insbesondere Zeugenschaft junger Frauen wird als Unterbau für Hannas (und Jessicas) Tragödie verhandelt. Der Schulpsychologe macht auf klischeeerfüllende Weise der Rape Culture alle Ehre. Während Hanna versucht von einer Vergewaltigung zu berichten, hinterfragt er ihre Reaktion auf den Übergriff. Es scheint, als glaube Hanna am Ende des Gespräches sogar selbst eine Teilschuld an der Vergewaltigung zu tragen: Schuldig, nicht deutlich genug Nein gesagt zu haben, Bryce Hoffnungen gemacht zu haben.

Und da fängt der Teil an, der zu uns spricht, nicht mehr nur zu seinen Figuren. Die Geschichte setzt eine gesamtgesellschaftliche Problematik in einem Highschoolsetting um. Die Rahmengeschichte um Hanna ist dabei allerdings nahezu mühelos austauschbar: sexualisierte Gewalt auf dem Campus, am Arbeitsplatz, auf der Straße. So schafft es die Netflix-Produktion dem gesellschaftlichen Missstand Gesichter zu geben. Rape Culture und weibliche Glaubwürdigkeit werden endlich auf einem massenmedialen Kanal verhandelt und angesprochen. Das ist eine wünschenswerte Enttabuisierung und Darstellung der Missstände. Andererseits werden die Figuren aus ihrer Ohnmacht nicht befreit, noch gibt es ein emanzipatorisches Moment. Justin und Clay übernehmen die Befreiungsaufgaben, während Hanna weiterhin durch ihren Tod verstummt, Jessica durch den Schnitt der Serie. So wird zum einen ein Missstand verhandelt, jedoch lediglich durch Reproduktion.

 

Whatever device you’re hearing this on

Als einzige Person der Diegese müsste Hanna eigentlich bewegungslos sein. Denn da hören die Mittel des seriellen Erzählens auf, der Tod bleibt bewegungslos, es sei denn man bewegt sich im Fantasy- oder Horrorgenre. Bei „Tote Mädchen Lügen Nicht“ wurde die Bewegungslosigkeit des Todes gewisserweise überwunden, indem große Teile der Narration als Rückblende umgesetzt wurden und etwas Vergangenes zeigen, als Hanna noch in Bewegung war.Hier findet sich eine krasse Grenzüberschreitung, von Tod in die Realität der Lebenden, von Schweigsamkeit zu auf ewig konservierter Aussage. Diese Grenzüberschreitung bringt den Stein für den Plot ins Rollen, sorgt dafür, dass unser Held, Clay in Aktion gerät und füllt die Geschichte mit Inhalt. Ohne Kassetten wäre Hanna tot – Story vorbei. Nicht immer ist der Tod ein Ereignis, Hannas Tod ist es nicht, vielmehr ist es die Aufnahme und das Versenden der Kassetten. So scheint Hanna weiterhin Teil der dargestellten Welt sein zu können.

Ausgerechnet Kassetten, ein Medium das für uns schon längst nicht mehr aktuell ist. Die Serie löst hiermit aber verschiedene Probleme, indem es ein Medium benutzt, dass sowohl den Zuschauer*innen, als auch den eigenen Figuren veraltet und fremd vorkommt: Clay fragt beispielsweise Toni: „Still on the old media ha?” als dieser im Auto einen Kassettenrekorder einschaltet. Wenn dann Clay die Kassetten bekommt, wird in einer weiteren Unterhaltung über das Medium selbst noch deutlicher, dass auch die Figuren sich über die Fremdheit der Kassetten in der Gegenwart bewusst sind: So Clays Vater über Kassetten: „Now they are absolete.“ (Auch Hanna nennt ihre Methodik „old school“) Zum einen wird die Handlung so aus einem zeitlichen Kontext gerissen. Es wird ein Medium genutzt, dass schon veraltet ist, dies wiederrum wird aufgearbeitet und so die Möglichkeit die Serie zu jedem Zeitpunkt als gegenwärtig relevant zu lesen, geschaffen. Indem sich die Figuren darüber unterhalten, dass das genutzte Medium nicht mehr aktuell ist, werden Zuschauer*innen dahingehend manipuliert, anzunehmen, die Erzählung fände im selben zeitlichen Kontext statt. In zwanzig Jahren etwa wären Kassetten immer noch veraltet, aber da Clay sich darüber im Klaren ist, empfinden wir die Serie nicht als rückständig. So findet der Konservierungsprozess auf mehreren Ebenen statt: Hannas Aussagen über das Geschehene werden von ihr auf den Kassetten gespeichert, die Selbst-Referenzialität der Serie über die Kassetten machen die Geschichte unabhängiger von Zeit.

Hannas Figur kehrt nicht wirklich aus der Bewegungslosigkeit zurück, indem die Kassetten abgespielt werden, was die Serie auch an verschiedenen Stellen deutlich macht. Einige ihrer Aussagen können nicht mehr hinterfragt werden, außerdem erklärt Clays Mutter, dass die Aussage einer Toten kaum vor Gericht Bestand hätte. Vielmehr ist es Clay, der die anderen Beteiligten zum Handeln auffordert. Warum dann die Kassetten? Da lässt sich der Bogen zurück spannen – auch bei Betrachtung der Erzählweise und dessen Funktion wird klar, zwar schafft es Hanna ihre Worte zu konservieren, Einfluss nehmen sie jedoch nur über eine andere (männliche) Person.

 

Not so much of a gunfamily

Tatsächlich ist Waffenbesitz in der Serie ein relativ großes Thema, anders als in der Romanvorlage. An dieser Stelle fällt deutlich auf, dass die Produktion auch andere soziokulturelle Kritiken aufgreift, wie etwa die von Netflix nicht zum ersten Mal thematisierten Waffengesetze in den USA. Die jüngeren Figuren haben leichten Zugang zu Waffen, entweder über die Schränke der Eltern, oder über den Schwarzmarkt. Im letzten Drittel der Staffel beginnen verschiedene Figuren sich Waffen zu besorgen oder werden mit Waffen in den Händen gezeigt. Das alles dient dem ultimativen Cliffhanger, wenn ein Notruf über einen Teenager mit Kopfschuss eingeht, jedoch nicht gezeigt wird um welche Figur es sich handelt. Irgendwie kommt diese plötzliche Präsenz von Waffen und die Aussagen über Familien in Waffenbesitz recht aufgesetzt vor: Denn sobald der Cliffhanger gekommen ist, wird klar, dass das Einflechten der Waffenproblematik nur ein Mittel war, um die Erzählspannung auf den Höhepunkt zu treiben. Diese wiederum ist mit Sicherheit ein Grund für den Erfolg der Serie. Die Erzählweise ist genauso packend, wie schlicht: 13 Folgen = 13 Kassetten, am Ende immer schön ein Cliffhanger: Wer wird wohl auf der nächsten Kassette sein? Als übergreifende Spannungserzeuger dienen außerdem die Fragen nach Clays Kassette, was an Jessicas Party passiert ist, da diese so häufig erwähnt wird ohne aufzulösen, und am Ende, wer der angeschossene Teenager ist. So werden Zuschauer*innen bei Laune gehalten und der relativ langsam voranschreitende Plot über die Länge der Folgen gestreckt. Teilweise werden realgesellschaftliche Problematiken aufgegriffen und für die Spannungskurve angepasst. Eine tiefere Verhandlung über Waffen im Privathaushalt gibt es nämlich nicht mehr. Nachdem einer der Gruppe sich erschießt, taucht die Thematik nicht mehr auf.

Vielleicht ja in der zweiten Staffel, die soll es nämlich auch geben. Das sorgt für Bauchweh, zu offensichtlich wird dabei der profitorientierte Gedanke. Während die Produzent*innen unter anderem im Making of, ebenfalls auf Netflix veröffentlich, gerne und häufig betonen, die Serie ausschließlich gemacht zu haben und über tabuisierte Problematiken zu sprechen und Aufmerksamkeit auf Suizid unter Jugendlichen zu lenken, ist dieser noble, aktivistische Ansatz wohl kaum noch zu halten, wenn die Erfolgswelle weitergeritten wird, obwohl das gesellschaftskritischer Anspruch mit der ersten Staffel abgedreht ist. Darf Gesellschaftskritik eigentlich marktförmig sein?

 

So what happens next?

Am Ende lässt die Serie doch auch etwas Enttäuschung zurück. Der Übergang von der Verhandlung tabuisierter Themen zu einer Glorifizierung von Rache ist irgendwie so schnell gemacht, man bekommt es kaum mit. Denn das ist es eigentlich, was Hanna erreicht: Rache. Ihre Aussage über die Vergewaltigung ist laut Mrs. Jensen vor Gericht unnütz, ihre Tapes lindern die Trauer der Verbliebenen an den Eltern sichtbar wenig. An dem Tod zweier anderer Charaktere ist durch ihre Kassetten genauso wenig zu ändern, wie an ihrem eigenen. Während die Serie vorgibt, es ginge darum, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, geht es am Ende doch um Rache. Clay rächt sich an Bryce, Hanna rächt sich an Courtney, indem sie sie outed, Alex verzweifelt so stark, dass er sich selbst an sich rächt und sich ebenfalls umbringt.

Vielleicht ist es nie der Anspruch gewesen psychologische Prozesse depressiver Jugendlicher in einer sich gegenseitig verletzenden Gesellschaft darzustellen, denn das kommt auch zu kurz. Letztendlich wird dann auch noch schnell eine kleine Katharsis geliefert, denn Skye (ebenfalls eine Figur, über die stundenlang gesprochen werden müsste) bekommt am Ende wieder Clays Aufmerksamkeit. Er wendet sich ihr zu und es scheint als rette er sie aus einer depressiven, freund*innenlosen Abwärtsspirale. Sie wird nicht enden, wie Hanna Baker, der Clay nie gesagt hatte, dass er sie gernhat. Auch das ist irgendwie schlapp, ein Versuch ein positives Exempel zu setzen, eine Handlungsmaxime alá „Jungs, fragt auch das Gothic-Mädchen, wie es ihr geht“. Und so gehen Hannas psychische Traumata, die Problematik weiblicher Glaubwürdigkeit und der Kampf einer Vergewaltigungsüberlebenden in einem Shot auf ein fahrendes Auto unter, in dem Skye und Clay mit ihrem neuen Freund Toni nach Hause fahren.

[1] Die Rückblenden beginnen sobald er anfängt wieder zu hören.

Marisa Uphoff

Marisa Uphoff studiert den Master Kulturpoetik der Literatur und Medien an der WWU Münster. Neben dem Studium moderiert sie die feministische Radiosendung „Riot Rrradio“ und textet für die Amnesty International Hochschulgruppe. Ansonsten treibt sie sich am liebsten in der bunten Welt des Feminismus rum, steht in Kunstaustellungen, schaut Netflix und hofft auf einen Hogwartsbrief.

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