Gleichberechtigung und Gendersensibilität ade! Das 20. Lyrikertreffen Münster

19. Mai 2017 - 2017 / Allgemein / soziotext

Heute startet das 20. Lyrikertreffen in Münster, eine Zusammenkunft von national wie international renommierten Dichter_innen und Übersetzer_innen. Die farblich auffällig gestalteten Plakate haben die Bevölkerung Münsters schon seit mindestens einem Monat auf das Poesie-Festival vorbereitet und mir Anlass zum Nachdenken gegeben.

Das Lyrikertreffen spricht mit seiner Namensgebung implizit und vermutlich erstmal unbeabsichtigt nur Poeten, nicht Poetinnen an (von Menschen, die sich weder in dem einen noch in dem anderen wiederfinden können, gar nicht zu sprechen). Nun lässt sich über die Problematik von Umbenennungen etablierter Events oder Institutionen „nur“ aufgrund der Berücksichtigung der Gleichstellung von Mann und Frau in der Sprache vortrefflich streiten und diskutieren. Das ehemalige Studentenwerk Münster, das nun Studierendenwerk heißt, hat sich für eine Berücksichtigung des Gleichstellungsanspruchs in seinem Namen entschieden. Viele Institutionen und Preise oder Events haben dies mit einer wirtschaftlich oftmals berechtigten Argumentation gegen die Veränderung unterlassen. Ich selbst gehöre nicht einmal den extremen Verfechter_innen einer gendergerechten Sprache über alle die Syntax zerstörenden Aspekte hinweg an, empfinde aber eine sprachliche (Gender-)Sensibilität und ein bewusstes Eintreten gegen Diskriminierung durch Sprache als essentiell für mein Studium und meinen zukünftigen Beruf. Ich war also getriggert: Handelt es sich bei dem Beharren auf dem einseitigen Titel des zweijährlich stattfindenden Events um eine vertretbare wirtschaftlich oder reputationsbezogene Entscheidung oder aber tatsächlich um eine Fahrlässigkeit und mangelnde Sensibilität dem Gleichberechtigungs- und Anti-Diskriminierungsdiskurs gegenüber.

Ein trauriger Blick auf die Zahlen

Die Recherche stellte sich als einfach und gleichzeitig sehr desillusionierend heraus. Ich habe mir die prozentuale Verteilung der Geschlechter bei den offiziellen Teilnehmer_innen der letzten vier (auf der Homepage aufgeführten) Jahren, die Repräsentation von weiblichen Mitgliedern in der Jury des Preises und die Preisträger_innen selbst angeschaut und um es vorweg zu nehmen: In allen drei Kategorien eine deutliche Überrepräsentanz männlicher Teilnehmer feststellen müssen.

Die geschlechtliche Verteilung unter den Teilnehmer_innen schwankte in den letzten vier Jahren zwischen 25% Frauen im Jahr 2011 bis zu 37,5% im Jahr 2015 (bei einer konstanten Steigerung im Jahr 2013 mit 33,33%). Dieses Jahr ist die Frauenquote unter den „Teilnehmern“ (auch hier wird auf der Homepage komplett auf die Berücksichtigung weiblicher Partizipierender verzichtet) mit fünf aus 18 und somit 27,78% fast wieder bei dem ursprünglichen Anteil von 2011 angekommen.

Noch viel erschreckender findet sich diese ungleichmäßige Berücksichtigung unter den „Preisträgern“ wieder (auch hier wird wenig überraschend auf eine gendergerechte Angleichung verzichtet). Die letzte und zugleich auch einzige LyrikerIN, die den mit 7.750€ dotierten Preis erhalten hat, war die dänische Schriftstellerin Inger Christensen – wohlgemerkt im Jahr 1995 und somit vor über 20 Jahren. Nachdem auch die Übersetzer_innen ein ebenso hohes Preisgeld und das damit einhergehende Prestige erhalten, lohnt auch dort die genauere Betrachtung: In der Geschichte des Preises für internationale Poesie waren insgesamt 3 Übersetzerinnen an der preisgekrönten Übersetzung beteiligt (oft wird ein_e Autor_in von einem Kollektiv übersetzt), dies in den Jahren 2001 und 1993.

Alles eine Frage des (Un)Gleichgewichts

Nun kann dies natürlich ein Ungleichgewicht in der gesamten Branche widerspiegeln. Literatinnen haben es sehr wahrscheinlich immer noch schwerer als ihre männliche Kollegen, ihre Literatur zu veröffentlichen. Gerade dann bietet die Vergabe eines Preises, wie der in Münster vergebene, die Möglichkeit, ein solches Ungleichgewicht in der Industrie zu vermindern und zu bekämpfen (und nicht, es zu reproduzieren). Diese Aufgabe und Verantwortung kommt der Jury des Preises zu, welche unter Berücksichtigung gewisser Kriterien die Preisträger_innen auswählt. Bei der Betrachtung der Jury des Lyriker(_innen)treffens wird auch klar, wie das soeben attestierte Ungleichgewicht bei den Teilnehmenden aber auch bei den Preistragenden zustande kommen kann (nicht muss): Bei insgesamt fünf Jurymitgliedern ist Cornelia Jentzsch die einzige Person, die mit einem genuin nicht-männlichen Blick auf die Vergabe blicken kann (sie darf dafür die Laudatio am Abschlusstag sprechen).

Insgesamt hat sich bedauerlicherweise eine nicht vorhandene Sensibilität in Sachen Gleichstellung und Genderberücksichtigung ausgehend von dem Titel der Veranstaltung bis hin zur Berücksichtigung beider Geschlechter bei Jury- und Teilnehmendenbesetzung gezeigt, die gerade in einem sprachkritischen Umfeld wie der Lyrikproduktion und -rezeption so nicht hinnehmbar sein darf. Ohne die Qualität der Dicht- und Übersetzungskunst der ausgewählten männlichen Preisträger in Frage stellen zu wollen, gibt es unter den Dichtenden und Übersetzenden auch in Deutschland (dies ist ein essentielles Kriterium für die Vergabe) KandidatINNEN, die qualitativ hochwertige und international anerkannte Arbeiten produzieren.

Im 21. Jahrhundert und in einem geisteswissenschaftlichen und sprachkritischen Umfeld wie diesem ist dieser Zustand nicht tragbar und sollte von den Verantwortlichen kritischer betrachtet werden. Insbesondere da mir eine annähernd paritätische Besetzung der Jury, eine Berücksichtigung der Geschlechterverteilung bei der Einladung der Teilnehmenden und auch die Kenntnisnahme weiblicher Stimmen im Lyrikbetrieb keine allzu weit gesteckten Ziele erscheinen. Obwohl ich nachvollziehen kann, dass eine Namensänderung des Events den Wiedererkennungswert mindern (oder für fehlende Publicity sorgen) könnte und außerdem finanzielle Implikationen zur Folge hat, halte ich aufgrund der aufgeführten Mängel und des eigentlich sprachsensiblen Umfeldes der Veranstaltung eine Umbenennung für zwingend notwendig. Wäre es so schlimm, wenn der Preis für Internationale Poesie zukünftig nicht am Lyriker(_innen)treffen, sondern am Festival der Internationalen Poesie verliehen würde?

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
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› tags: Gender / gendergerechte Sprache / Gendersensibilität / Gleichberechtigung / Gleichstellung / Lyrik / Lyrikertreffen / Münster / Preis für Internationale Poesie /

Comments

  1. […] zusammenkommen (nur beispielhaft sei das Münsteraner Lyrikertreffen genannt, über das wir berichteten). Dennoch hat man sich dazu entschieden, Lyrik an zwei Abenden einen Platz zu geben, was ich sehr […]

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