Frankreich, du hast die Wahl

5. Mai 2017 - 2017 / Allgemein / soziotext

Pest oder Cholera – alle reden davon, dies sei die einzige Wahl, die Frankreich am 7. Mai hat. Wir haben Französinnen und Franzosen aus dem ganzen Land zur Stichwahl am Sonntag befragt, ob dem wirklich so ist. Außerdem wollten wir wissen, was sich für sie persönlich ändern würde und …

… wieso es gefährlich ist, nicht wählen zu gehen

Viele Französinnen und Franzosen sind von den etablierten Parteien ihres Landes enttäuscht, insbesondere viele junge Menschen. Sie sehen die Wahlversprechen, die ihnen gemacht wurden, nicht eingehalten und haben das Gefühl, mit den Sozialisten an der Macht und François Hollande als Präsident habe sich vieles verschlimmert.

Die Folge war, dass die etablierten Parteien im ersten Wahldurchgang am 23. April abgestraft wurden und keiner ihrer Kandidaten es in die Stichwahl geschafft hat. Stattdessen stehen dort nun Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National (FN) und Emmanuel Macron mit seiner neuen, für die Wahlen gegründeten Partei En Marche.

Das Bild des FN hat sich seit den 80er und 90er Jahren stark gewandelt. Früher, unter Jean-Marie Le Pen (Marine Le Pens Vater und Parteigründer des FN) fiel die Partei mit rassistischen und extremistischen Parolen und Denkweisen auf. Seit Marine Le Pen 2011 den Parteivorsitz übernahm, versucht sie jedoch, den FN näher Richung Mitte zu rücken. Insbesondere die unter 24-Jährigen kennen die Partei nur so und verspüren daher kein „moralisches Verbot“ mehr, die Partei nicht zu wählen. Das ist gefährlich.

Der junge und liberale Emmanuel Macron war zuvor Mitglied der Sozialistischen Partei und Minister in François Hollandes Kabinett. Doch dann gab es Verwürfnisse und Macron gründete seine eigene soziale Bewegung En Marche, mit der er bei den Wahlen antritt. Macron kommt aus der Wirtschaft und steht mit seinem Lebenslauf für die Elite des Landes, für das Establishment. Auch das ist gefährlich, wollten doch viele Französinnen und Franzosen derarte Konstellationen abstrafen. Wieviele werden wählen gehen, nur um ihre Stimme gegen Macron und das Establishment und damit für den FN abzugeben?

Kommt uns irgendwie bekannt vor? Genau, aus den USA. In Umfragen liegt Emmanuel Macron zwar vor Marine Le Pen, aber wie Umfragen uns täuschen können, haben in der Vergangenheit bereits Trump und der Brexit gezeigt. Also: Allez, les amis! Ihr werdet das schon besser machen!

 

Wir haben gefragt:

Was würdet ihr denjenigen sagen, die nicht sicher sind, wählen zu gehen? Was werden die größten Veränderungen nach der Wahl sein und wie betrifft euch das? Was ändert sich für den Kulturbereich?1) Die Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ, sondern zeichnet lediglich ein stichprobenartiges Bild.

[[ Im Folgenden finden sich Auszüge. Die komplette Umfrage kann hier auf Deutsch und en fraais als PDF abgerufen werden: sondage complet – komplette Umfrage ]]

 

“Es wird eine regelrechte Erneuerung der Politik in Frankreich geben“

Nicolas (29), Kaufmann für ein Internet-Startup, Paris

Denjenigen, die nicht wählen gehen wollen, möchte ich gerne sagen, dass die Kultur und die Geschichte unseres Landes nichts mit der extremen Rechten gemein hat. Wenn sie Frankreich lieben, dann sollen sie es beweisen, indem sie am Sonntag gegen den Front National wählen.

Es geht bei diesen Wahlen nicht mehr um einen Links-Rechts-Wechsel, wie es ihn seit den 50er Jahren mit dem Beginn der V. Republik stets gab, sondern es geht um eine regelrechte Erneuerung der Politik in Frankreich. Das politische (Gesamt)Projekt wird sich ändern, genauso wie die Sprache/der Ton der Politiker_innen und es werden zum Teil völlig neue Gesichter in der Regierung auftauchen.  

Wenn der Front National gewinnen sollte, wird sich im Kulturbereich vieles ändern. Durch Subventionen und durch Betonung in den Medien würde der Fokus auf französische Kunst und Kultur gelegt und damit auch auf den Erhalt unserer sog. “Leitkultur“ (/“traditionellen Kultur“). Randbereiche wie die subversive oder die internationale Kunst würden dies zu spüren bekommen.

 

“Alles kann sich zum Guten oder zum Schlechten ändern”

Marion (27), Tourismusberaterin, Aix-en-Provence

Nicht wählen zu gehen, gar einen leeren Stimmzettel abzugeben, würde bedeuten, die anderen über unsere Zukunft entscheiden zu lassen. Und selbst wenn es eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera ist, sie muss trotzdem gefällt werden.

Es kann sich mit der Wahl alles zum Guten oder zum Schlechten ändern: die Beschäftigungsverhältnisse, die Zahl der Arbeitssuchenden, die Steuern, die Kaufkraft, vor allem im Falle eines Austritts aus der EU!

Der Präsident kann durch Subventionen entscheiden, was gefördert wird und was nicht, auch in der Kultur. Ich bezweifle, dass jemand wie Marine Le Pen beispielsweise Primitive Kunst fördern würde, wie es Jacques Chirac getan hat.

 

“Als gebürtiger Schotte könnte ich plötzlich ohne französische Staatsbürgerschaft dastehen”

Tom (52), Lehrer, Marseille

Marine Le Pen verlangt das Ende der französischen Republik, wie es sie seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte gibt. Im zweiten Durchgang nicht wählen zu gehen, hieße, sich damit einverstanden zu geben. Es wäre das Ende der Gleichheit zwischen den Menschen egal welcher Herkunft, das Ende der Gleichheit zwischen Frauen und Männern (selbst wenn wir davon noch weit entfernt sind, gehen wir momentan immerhin in die richtige Richtung). Eine Gesellschaft, die auf Differenzen basiert, wäre das Ende der Brüderlichkeit. Eine Gesellschaft, die ihre Grenzen schließt, wäre das Ende der Freiheit. Deswegen ist es unerlässlich im zweiten Durchgang Emmanuel Macron zu wählen.

Wenn Le Pen gewählt würde, hieße das für mich persönlich, dass ich mich früher oder später in einer sehr unangenehmen Situation wiederfinden könnte. Le Pen will mit Frankreich die EU verlassen und sie wird die französische Staatsangehörigkeit von „Immigrant_innen“ in Frage stellen. Wenn sie gesetzliche Änderungen vornimmt, könnte ich als gebürtiger Schotte plötzlich ohne französische Staatsbürgerschaft dastehen, und ohne das Recht in Frankreich wohnen zu dürfen. Was wäre dann mit meinen Kindern? Wir haben in der Türkei erst kürzlich gesehen, wie der türkische Präsident Erdoğan 4000 oppositionelle Beamt_innen entlassen hat. Ich habe meine Opposition gegenüber dem Front National nie versteckt, wieso sollte so etwas in Frankreich nicht auch vorstellbar sein?

 

„Keiner der zwölf Kandidaten hat mich wirklich überzeugt. Ich bin mir sicher, dass es vielen so geht.“

Thibaut (28), Außenhandelskaufmann, nach Rom ausgewanderter Franzose

Eigentlich müsste die Politik uns durch ihr Wesen begeistern, denn sie betrifft jede_n, und sie ermöglicht uns in einem gerechten und egalitären System heute zu entscheiden, was wir morgen sein oder tun werden. Was ich aber anlässlich dieser Wahlen sehe und was ich in den Debatten höre, ist weit von meinem politischen Ideal entfernt. Keine_r der zwölf Kandidat_innen hat mich wirklich überzeugt. Ich bin mir sicher, dass es vielen so geht. Dennoch werde ich am kommenden 7. Mai wählen gehen, nicht aus politischer Neigung, sondern schlicht aus menschlicher Überzeugung. Diejenigen, die es gerne hören wollen, fordere ich auf, dasselbe zu tun. Wählen zu gehen, ist ein Recht und eine moralische Pflicht.   

Diejenigen, die so wie ich im Export arbeiten und die viel ins Ausland reisen, müssen mit dem Bild zurechtkommen, das Frankreich nach außen abgibt. Wenn die extrem Rechte gewinnen sollte, wäre das kein schönes. Ich nehme außerdem an, dass der nationale Protektionismus und die Stärkung der Grenzen meine Hin- und Rückfahrten und meine Arbeit zwischen Frankreich und Italien verkomplizieren würden.  

 

“Wenn der Front National an die Macht kommt, würde ich Frankreich verlassen”

Nina (25), Deutschlehrerin, Lons-le-Saunier

Auch wenn die beiden verbliebenen Kandidat_innen im ersten Durchgang nicht ihre Wahl waren, würde ich die Unentschlossenen ermutigen, am Sonntag ihre Stimme abzugeben. Wir leben in einem Land, in dem wir das Glück haben, über ein Wahlrecht zu verfügen, das wir – insbesondere wir Frauen – erkämpft haben. Das darf nicht vergessen werden. Es gibt immer noch viele Länder, in denen das Wahlrecht nicht selbstverständlich ist.
Mein Vater hat sich vor langer Zeit entschieden, seine Stimme bei Präsidentschaftswahlen nicht mehr abzugeben. Er gehört zu den Menschen, die der Meinung sind, dass die gewählte Person bloß der Hampelmann der noch Größeren und noch Mächtigeren ist, dass sie unter der Fuchtel von Konzernen und Banken steht. Nur weil sie vom Volk gewählt wurde, hieße das nicht, dass sie irgendetwas für ihre Wähler_innen tun würde. Ich verstehe und respektiere diese Meinung und teile sie auch. Aber ich wähle trotzdem und werde wählen gehen. Wie schon 2002 befinden wir uns erneut in einer Situation, in der unbedingt ein Gegengewicht dem Front National gegenüber geschaffen werden muss, um diese Partei nicht gewinnen zu lassen.
Auch wenn Macron im ersten Durchgang von vielen nicht die erste Wahl war, müssen wir im zweiten Durchgang alle zu seinen Gunsten wählen, um dem FN einen Riegel vorzuschieben.

Macron hat viele Versprechen gemacht, die die Bildung betreffen, und seine wirtschaftlichen Projekte zugunsten kleinerer Unternehmen klingen vielversprechend. Er ist ein junger Kandidat, den man noch nicht lange in der Politik gesehen hat, so kann er vielleicht frischen Wind hineinbringen.
Es wäre eine Katastrophe, wenn Marine Le Pen gewählt würde. In diesem Fall würden mein Freund und ich sogar Frankreich verlassen wollen. Das Klima hier ist schon jetzt sehr angespannt. Wenn der FN an die Macht kommt, würde es noch schlimmer werden. Es würde mich wirklich traurig und ratlos machen. Ich will nicht, dass mein Land ein solches Bild abgibt.

 

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

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