Resümee: Maskulin*identität_en

13. März 2017 - 2017 / Allgemein / Maskulin*identität_en / soziotext

Wann ist ein Mann ein Mann?

Als wir im letzten Jahr die Reihe der Maskulin*identität_en geplant haben, hatten wir selbst noch herzlich wenig Vorstellung davon, wohin die Reise gehen würde. Wir haben unseren Call for Papers ins Land geschickt und auf das Beste gehofft. Und tatsächlich: Nach und nach haben uns spannende und sehr unterschiedliche Artikelvorschläge erreicht (Hier nochmal ein großes Dankeschön an alle Gastautor_innen, ohne die diese Serie nicht möglich gewesen wäre!) und ein weites Feld der Männlichkeiten begann, sich vor uns aufzurollen.16 Beiträge sind es geworden: 16 Wochen jeden Montag neue Männlichkeiten, mit denen wir uns u.a. von Verpackungsdesign zu Fleischkonsum und von Fußball zu Hip Hop bewegt haben.

Jetzt, am Ende der Reihe haben wir uns alle Artikel mit etwas Abstand noch einmal angesehen. Dabei hatten wir anfangs durchaus Zweifel: Passen die Formen zueinander? Haben wir alle Perspektiven bedacht? (Hatten wir natürlich nicht). Doch nach und nach formte sich die Reihe und wir entdeckten, was wir in dieser Gestalt nicht vermutet hätten: So vielfältig die Beiträge in ihrer Form (Lyrik, Essay, wissenschaftliche Analyse) und ihrem Gegenstand (Pimmel, männliche Sinnkrisen, rassistische Konstruktionen muslimischer Männerbilder) auch sein mögen, hinsichtlich der eröffneten Paradigmen lassen sich zwischen fast allen Artikeln Gemeinsamkeiten feststellen und Verknüpfungen finden.

Es klingt banal, aber wir hoffen, über die Serie die Diversität sichtbar und gleichzeitig die bestehenden Zusammenhänge greifbar gemacht zu haben. Vielleicht ist es immer noch schwierig, die Emotionsarbeit mit einem Phalloi-Gedicht unter einen Hut zu bringen, aber das Gedicht passt ohne Frage thematisch zu dem saarländischen Penis-Cut-Up. Beide unterstreichen auf ihre spezifische Art und Weise einen Aspekt, den auch die Reportage über Maskulinität bei Transmännern oder die Analyse des Männerbildes in einem Popmagazin der 80er Jahre aufgezeigt hat: Körperlichkeit! Der Beitrag zur Transsexualität wiederum steht in Zusammenhang mit dem Beitrag zum Männerforum, zu dem inhaltlich das Problem um die Emotionsarbeit gar nicht weit ist. Die mediale Darstellung von Männlichkeit im Popmagazin der 80er Jahre kann schließlich weitergedacht werden in anderen Medien, seien diese Doku-Soaps, eine amerikanische Krimiserie, die Rap-Szene oder aber das Prosawerk eines polnischen Autors. Es haben sich neben diesem medienanalytischen Schwerpunkt noch zwei thematisch eng verbundene Artikel zu Männlichkeiten im Fußball ergeben. Die Sportart, die neben der Leidenschaft für Bier und Fleisch – da wären wir wieder bei der Krimiserie Fargo, aber auch bei dem Zusammenhang von Maskulinität und Fleischkonsum – zu einem konservativen und klischeehaften Bild von Männlichkeit dazugehört. Diese Klischeevorstellung, die auch in der Doku-Soap Echte Männer vermittelt wird, kann nur von alternativ konstruierten Identitätsformen gebrochen und verändert werden, wie der Artikel zur Rolle männlicher Vorbilder gezeigt hat. Durch einzelne Vorreiter werden sich reproduzierende Strukturen auf diese Weise aufgelöst – wie beispielsweise beim Verpackungsdesign.

Die Performance der Geschlechter

In vielen der Artikel wird dargestellt, was spätestens seit Judith Butler bekannt ist: Das soziale Geschlecht ist eine Performance, die nach kulturell überlieferten Skripten vollzogen wird. Das wird beispielsweise erkennbar, wenn der Leiter der Selbsthilfegruppe TransIdent die manches Mal überzeichnete Inszenierung des sozialen Geschlechts so erklärt: „Viele müssen erst einmal ihre Pubertät im neuen Selbst nachholen. Dazu gehören dann auch schon mal die Neon-Leggins und die hohen Schuhe. Manche überkompensieren das einfach. In erster Linie will man Mann oder Frau sein – und das in vollem Maße.“
Welche Attribute dazu gehören, ist im kulturellen Wissen einer Gesellschaft gespeichert. Dort sind auch tradierte Rollenbilder verankert, die ihr normatives Potenzial in ihrer fortwährenden Umsetzung und Aktualisierung entfalten. Aktualisierung bedeutet hier im schlechtesten Fall, alte Rollenkonstruktionen aufzuwärmen – wie es beispielsweise in dem Fernsehformat Echte Männer geschieht. Im besten Fall werden sie angesichts neuer Entwicklungen verändert und umgeschrieben.
Medien fungieren in diesem Zusammenhang (als Träger des Skriptes) identitätsstiftend. Dabei können sie zum einen tradierte Rollenkonstruktionen aufgreifen und in einen neuen Kontext einschreiben. Das Popmagazin Konkret aus den 80er Jahren kritisierte so zum Beispiel das Überschwappen des Muckitrends aus Hollywood nach Deutschland. Medien können jedoch auch eine Vorreiterrolle übernehmen und sich kritisch zu der Norm verhalten: Miron Białoszewski etwa positionierte sich im literarischen Kontext der 1970er Jahre im Sinne einer queeren Gesellschaft in Polen.

Konstruierte Realitäten

Viele unserer Artikel wenden sich gegen eine ‘Norm der Männlichkeit’, an der sich alle Männer* messen müssen; gegen Rollenbilder, die im schlechtesten Falle patriarchalisch sind; gegen bestimmte männliche Skripte. Während dies alles Phänomene kultureller Diskurse sind, weisen die Artikel jedoch alle auf ein gemeinsames Problem hin: Bereits durch unsere Sprache schaffen wir eine Realität, mit der wir kulturell nicht umgehen können. Wenn wir vom ‘biologischen’ und ‘sozialen’ Geschlecht sprechen, erzwingen wir jede weitere Definition auf Basis dieser Begriffe und generieren ein Dilemma: Wir führen einen Diskurs über kulturelle Konstruktionen sozialer Geschlechter, obwohl wir gerade die sprachliche Konstruktion der Geschlechter noch nicht einmal anerkennen wollen. Denn eigentlich wollen wir gar nicht über Geschlechterdifferenzen oder über ontologische Fragen des Mann-Seins sprechen, sondern über Menschen. Auch die Artikel unserer Reihe sind Betrachtungen männlicher Performances im Sinne Butlers, ohne sich die Frage zu stellen, inwieweit es problematisch ist, über Männlichkeiten zu sprechen. Wir führen also einen richtigen Diskurs im Falschen, in der Hoffnung, dass uns irgendwann eine Dekonstruktion des Diskurses und die Freilegung seines Kernproblems gelingt.

Zwischen Vorstellung und Alltag

Gerade die Auseinandersetzung mit dem Männerforum hat uns gezeigt, dass es eine ‘Gap’ zwischen dem erfahrenen Lebensalltag und medial vermittelten oder gesellschaftlich immer noch präsenten aber veralteten Vorstellungen von Männlichkeiten gibt. Viele Männer* bemerken also eine Diskrepanz zwischen dem, was sie sind, und dem, was ihnen als Soll vermittelt wird. Diese Erkenntnis (und vor allem, dass so wenig darüber geredet wird) ist traurig und zieht sich, wie die unterschiedlichen Beiträge zeigen, durch alle Schichten der Gesellschaft.
Im Fußball kommt es deswegen zu einem ‘Clash of Ultragruppierungen’, die diese Diskrepanz widerspiegeln: Die einen, die die Vielfalt im Fußball anerkannt haben und Diskriminierung verhindern will; die anderen, die an den patriarchalen Vorstellungen festhalten und die Sportart als exklusiv dem traditionellen Männerbild vorbehalten verstehen. In der Szene des Hip Hop formiert sich eine Bewegung, die beispielsweise Homosexualität als nicht weniger männlich propagiert und so das Vakuum füllt, in dem sich alle Rapliebhaber* befinden, die sich nicht durch die szenetypische Hypermaskulinität angesprochen fühlen. Wir haben auch bei der Untersuchung des Verpackungsdesigns gemerkt, wie schwierig es ist, den automatischen Kreislauf von Erwartungen an den Klischee-Mann und dem Aufgreifen und der Ausrichtung der Männer* an diese Erwartungen zu unterbrechen. Die Gesellschaft muss verstehen lernen, dass sie sich nicht nur in schwarzen und weißen Designs wiederfindet, sondern sich selbst in dieser Annahme stark ein- und Vielfalt beschränkt. Erst dann werden die Diskrepanz und das unnötige Gefühl der Überforderung, einem Rollenbild entsprechen zu müssen, abgebaut.

Patriarchale Männlichkeiten

Was in allen Beiträgen – oft implizit – mitschwingt, ist eine Grundannahme der in unserer Gesellschaft vorherrschenden patriarchalen Männlichkeit: Der um 1490 von Leonardo da Vinci gezeichnete vitruvianische Mensch, der das ideale Verhältnis von Körperproportionen darstellen soll, ist ein Mann. Die zu Anschauungszwecken in Klassenräumen stehenden Skelett-Modelle besitzen eine männliche Anatomie. Und wenn wir von Fußball reden, dann meinen wir den Männer-Fußball. In den meisten gesellschaftlichen Bereichen ist diese den Mann ins Zentrum des Denkens stellende Geschlechterordnung noch etabliert oder schwingt zumindest unterschwellig mit, in wenigen ist sie vollends aufgehoben.

Auch viele der Artikel stellen Probleme dar, die diese Struktur nach wie vor mit sich bringt: um die eigene patriarchale Männlichkeit aufrecht zu erhalten, konstruieren einige deutsche Männer* ein rassistisches Bild des ‘muslimischen Mannes’. Andere Artikel sind aber auch ein positives Beispiel dafür, wie man diese Struktur durchbrechen kann, etwa durch die Nutzung der eigenen Vorbildfunktion.

Diversität statt Dichotomie

Die soziokulturelle Konstruiertheit von ‚männlichem‘ und ‚weiblichem‘ Geschlecht ist von Binarität – also einem Schwarz-Weiß-Denken – geprägt, dies ist nicht nur in der Soziologie seit langem bekannt. Denn „[w]er sich als ‚Mädchen‘ [oder als Junge] oder als was/wer auch immer bezeichnet, und sei dies ‚nur‘ innerlich, hat bereits ein Wissen von und um sich, welches sozial verfasst ist.“1)Paula-Irene Villa: Symbolische Gewalt und ihr potenzielles Scheitern. Eine Annäherung zwischen Butler und Bourdieu, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 36 [4], S. 56.Damit lässt sich erklären, dass Mädchen weibliche Personen nachahmen und Jungen männliche, dass Jungen so und so erzogen werden und Mädchen anders.

Genau in dieser ständigen Dichotomisierung liegt das Problem. Auch wenn das menschliche Leben oft nach binären Strukturen geordnet wird, erscheint dies gerade im Hinblick auf die eigene (geschlechtliche) Identität nicht geeignet. Indem die eigene Identität durch die Abgrenzung von dem ‘Anderem’ konstruiert wird, entstehen Grenzen, wo eigentlich Möglichkeiten liegen sollten. Bestimmte Stereotype – die an gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit (und auch Weiblichkeit) gekoppelt sind – und die damit zusammenhängenden Hierarchisierungen werden bspw. durch Erziehung internalisiert und reproduziert.

Dieses dichotome Verständnis von weiblichen und männlichen Geschlechter(rollen) ist nicht nur längst überholt, sondern beraubt uns – Frauen*, Männer*, Non-Binaries – vieler Möglichkeiten, uns selbst in der Weise auszuleben, in der es uns beliebt. In diesem Sinne ist es Zeit für neue Konzepte von Männlichkeit, die nicht von Oppositionen bestimmt werden, sondern von Diversität leben. Männer* können mit erigiertem Penis am Grill stehen, Tofu-Würstchen braten, Bier trinken, in der Fankurve ihre Lieblingsmannschaft anfeuern, Männer* lieben, im Fitnessstudio pumpen, Emotionen zeigen, Überforderung verspüren, als Frau geboren sein, einen Großeinkauf im Drogeriemarkt machen, über Analverkehr rappen und ihre Bromances pflegen. Sie können aber auch alles oder nichts davon machen.

Wir brauchen keine neuen Männer*, sondern wir brauchen Akzeptanz für die Vielfältigkeit männlicher Identitäten, die es bereits gibt und in Zukunft geben wird. Dazu muss die Diversität von Männlichkeit sichtbar gemacht werden – im Film, in der Literatur, in der Musik, im Alltag, im Sport, in der Sprache. Eine zentrale Rolle beim Prozess des ‚Sichtbarmachens‘ nehmen Vorbildern ein, die genau diese Vielfalt vorleben und damit in den alltäglichen Diskurs transportieren. Mit unserer Artikelreihe zu den Maskulin*identität_en haben auch wir – zusammen mit den zahlreichen Gastautor_innen – versucht, uns an diesem Prozess zu beteiligen und das Konzept ‘Mann*’ als facettenreiche Perspektive zu betrachten, die von Individualität lebt.

Man(n) ist, wer Man(n) sein will.

Jürgen Gabel, Kilian Hauptmann,
Jasmina Janoschka, Theresa Langwald, Alix Michell

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Die Kultur und der Prolet. Ein ungleiches Paar, das verrät schon das grammatikalische Geschlecht. Was noch lange nicht heißt, dass es nicht zusammenpasst. Der Beweis dafür sind wir.
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