Neue Männer braucht das Land – Streifzüge durch Vorbilder, Abbilder, Männer*bilder

6. März 2017 - 2017 / Maskulin*identität_en / soziotext

„I am a feminist. I’m proud to be a feminist.“

– Justin Trudeau am 21. September 2015 auf Twitter –

„Heutzutage wird in den Schulen Kindern beigebracht – Kindern! –, dass sich jeder sein Geschlecht frei aussuchen kann.“

– Papst Franziskus am 2. August 2016 in Krakau während des Weltjugendtages –

„It’s easy to absorb all kinds of messages from society about masculinity and come to believe that there’s a right way and a wrong way to be a man. But as I got older, I realized that my ideas about being a tough guy or cool guy just weren’t me. They were a manifestation of my youth and insecurity. Life became a lot easier when I simply started being myself.“

– Barack Obama in einem Essay in der Zeitschrift Glamour (erschienen am 4. August 2016)

In einer pluralistischen, gerechten und offenen Gesellschaft, die dem Individuum Raum, Zeit und Gelegenheit bietet, sich frei zu entfalten, gibt es eine Vielfalt der (Selbst)entwürfe von Männlichkeit*, die die Freiheit aller Menschen berücksichtigen und respektieren. Dieser Essay ist ein Versuch, sie zu benennen. Es ist die Andeutung einer normativen Andrologie, in Analogie zu einer normativen Anthropologie.1)Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat diese Idee entwickelt. Für ihn ist die philosophische Anthropologie nicht nur ein randständiger, bloß deskriptiver Zweig der Philosophie. Vielmehr lässt sich durch das Projekt der Verständigung über die Fragen „Wer sind wir?“ und „Was ist der Mensch?“ ein Brückenschlag zur Frage „Wie soll der Mensch sein und handeln?“ machen. Besonders deutlich wird der normative Gehalt anthropologischer Zuschreibungen an der Verwendung der Wörter menschlich bzw. unmenschlich für gute und schlechte Handlungen. Hierbei sollen auch männliche Vorbilder, die gesellschaftlich zumindest rein faktisch sehr wirkmächtig sind, und ihre Positionierung zum Umgang mit Männlichkeiten und Geschlechtlichkeiten erwähnt werden, namentlich der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, der Ministerpräsident von Kanada, Justin Trudeau, sowie Papst Franziskus.

Es wird ein alter und bewährter Grundsatz leitend sein: Meine Freiheit endet dort, wo die des Gegenübers beginnt. Grundlegende Werte sind hierbei Freiheit und die Würde des Menschen. Diese großen, stark normativ aufgeladenen Begriffe scheinen in der Vergangenheit nicht viel geleistet zu haben, um der Fokussierung auf den weißen heterosexuellen Mann als Mittelpunkt allen Denkens entgegenzuwirken. Im Gegenteil, im Kampf um bürgerliche Freiheiten waren die Kämpfe um die Gleichberechtigung von Frauen* und vom männlichen Stereotyp abweichenden Männern* bestenfalls Randnotizen. Im schlimmsten Fall wurden die Kämpfe der Marginalisierten und an den Rand Gedrängten als Verleugnung ihrer wahren Natur und als Missverständnis von Freiheit und Würde gewertet. Lange Zeit hieß ‚Mensch und Bürger im Vollsinn sein‘ Mann-sein.

Wie Simone de Beauvoir in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ so treffend festgestellt hat, gilt, dass Frauen sich sogar häufig selbst durch den Blick des Mannes konstruieren. Soll heißen: Sehe ich gut aus (in den Augen des Mannes)? Bin ich gefällig (so wie es dem Mann gefällt)?
Karl Marx arbeitete heraus, wie unterdrückerisch und determinierend soziale Verhältnisse sein können, Beauvoir tat selbiges für die Rolle der stereotypen Geschlechterzuweisung. Bezeichnenderweise wurde ihr Werk deutlich weniger rezipiert und gewürdigt, als das von Marx.

Warum ist es falsch, den weißen, heterosexuellen Mann zum Ausgangspunkt des Denkens zu machen?

Schnell kommt eine Frage auf: Was ist falsch daran, den weißen, heterosexuellen Mann zum Mittelpunkt und Maßstab der Welt zu machen? Wozu all die Verunsicherung? Gilt nicht, was der Papst im Eingangszitat erwähnt hat, dass es im Gegenteil sogar Verwirrung stiftet, wenn Menschen ihr doch für viele auf so evidente Weise gegebenes Geschlecht und ihre Geschlechterrolle variieren, ändern, gar vollständig wechseln? Damit scheint Franziskus einen Punkt zu treffen. Unser Ausgangsmodell ist die liberale Demokratie. Tatsächlich konnten gerade in solchen Demokratien erhebliche Landgewinne für einst marginalisierte Gruppen, die quer zur männlichen Norm standen, verzeichnet werden. Gleichzeitig entwickelt sich gegen diese Emanzipationserfolge erheblicher Widerstand und allgemeine Verunsicherung, gerade unter einigen Männern, die es doch historisch gesehen gewohnt sind Mittelpunkt der Erde und in besonderer Weise – sofern religiös – Ebenbild Gottes zu sein. Und plötzlich erklären ihnen feministische Theolog*innen, Philosoph*innen, ja, auch Politiker*innen, dass alles ganz anders sein soll.

Die erste Frage, die sich also stellt ist diese: Warum soll es notwendig sein, Evidenzen, die über Jahrhunderte gewachsen zu sein scheinen und vordergründig Sicherheit für eine Mehrheit stiften, zu hinterfragen und ggf. aufzubrechen? Ist es nicht sogar demokratisch, dass eine Mehrheit eine zu lebende Norm von Männlichkeit vorgibt? Ist alles andere nicht eine Diktatur einer Minderheit, wie es in heutigen politischen Diskursen immer häufiger verlautet?

Historische Gewachsenheit und Sicherheit für die Mehrheitsgesellschaft?

Aber so einfach ist es nicht. Die bloße, historische Gewachsenheit ist ein denkbar schwaches Argument. Die nächste entscheidende Frage ist die, ob starre Rollenbilder von Männlichkeit einer Mehrheit Sicherheit geben. Ein erster, entscheidender Schritt ist kurz zu umreißen, was das herkömmliche Bild oder Narrativ von Männlichkeit umfasst und wie es sich von anderen Männlichkeitsentwürfen abgrenzt. Grob angelehnt an Judith Butler könnte man behaupten, dass ein klassisches Rollenbild vom Mann zunächst eines ist, das in die heterosexuelle Matrix passt, d.h. dass biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht und gegengeschlechtliches Begehren sich zu einer Einheit verbinden. Außerdem findet eine Konstitution herkömmlicher Männlichkeit häufig in Abwertung anderer Selbstentwürfe statt: Nicht-heterosexuelles Begehren gilt als defizitär, un-männlich. Weiblich konnotierte Eigenschaften, wie Emotionalität, Empathie, Fürsorglichkeit usw. gelten als ebenso unmännlich. An diese psychologisch-biologische Rollenkonstitution ist eine gesellschaftliche Erwartung geknüpft: dominant, forsch und sicher aufzutreten und weiter noch, sich außerhalb der häuslichen Sphäre der reproduktiven und sich wiederholenden Arbeit bei der Strukturierung der Welt und dem politischen Handeln zu beweisen. Exzellenzstreben, Ehrgeiz und Denken werden so zu genuin männlich konnotierten Eigenschaften. Wie ist dieses klassische Rollenbild nun unter dem Aspekt der Erzeugung eines Gefühls der Sicherheit zu bewerten? Nun, ein sehr grundlegender Einwand könnte der sein, dass die Frage nach einer gerechten Ordnung und die einer Ordnung (der Geschlechter), die Sicherheit vermittelt zwei grundverschiedene Fragen sind. Auch eine Feudalordnung mag Sicherheit vermitteln, da man seinen Platz in der Gesellschaft als gottgegeben und natürlich akzeptieren und somit seine Stellung im Gesamtgefüge nicht weiter hinterfragen muss. Das macht sie in den Augen der meisten Menschen aber nicht gerecht.

Lässt man sich dennoch darauf ein, dass eine wünschenswerte Gesellschaft eine solche ist, die ihren Mitgliedern ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, muss man feststellen, dass ein klassisches Bild von Männlichkeit nur eine sehr oberflächliche Form der Sicherheit erzeugt. Warum? Weil sich Männlichkeit klassischerweise in Abgrenzung und vor allem in Abwertung von anderen Selbstentwürfen konstituiert. Dies füllt den Begriff einer Fragilität von Männlichkeit mit Leben. Es ist eine äußerst fragile Angelegenheit, seinen Selbstwert durch die stereotype Zuweisung der Frau als das „Andere“, des Schwulen als dem defizitär Männlichen usw. zu konstituieren. Grund hierfür ist, dass Abwertungs- und Exklusionsmechanismen niemals einen dauerhaften, in sich stabilen Selbstwert erzeugen können, der sich auch eine gewisse Unabhängigkeit von der Außenwelt bewahrt. Eine kleine Alltagsbeobachtung kann diese Idee zumindest etwas stützen: Ein Grund, dass gerade pubertierende und häufig verunsicherte junge Männer auf dem Schulhof das Wort „schwul“ als Schimpfwort benutzen und auch andere Diversitymerkmale abwerten, mag in einer Konstituierung ihres Selbstwertes liegen.

Das Geschlecht darf nicht das Verhalten überdeterminieren!

Allzu starre Rollenbilder überdeterminieren das Verhalten von Menschen (männlich* wie weiblich*!) und konstruieren eine verführerisch einfache aber auch ebenso fragile Sicherheit.

Die Reflektion dieser Themen ist hierbei keinesfalls das Resultat einer westlichen Verfallsgeschichte in der Gegenwart, wie es aus Russland und anderen Ländern verlautet, sondern wurde schon prominent in einem Aufsatz von Thomas Mann über die Ehe diskutiert: Seine Programmatik ist es, den Eros, das Begehren in all seinen Spielarten zu enttabuisieren und das Ewig-Weibliche, wie es noch bei Goethe beschworen wurde, zu einem Ewig-Menschlichen zu verlängern und zu erweitern. Und so heißt es dann passend zum Verhältnis der Geschlechter, zu sich selbst und zueinander: „Es ist etwas von der Idee der Androgynie, von der die Romantiker träumten, in jener menschlich ausgeglichenen Kameradschaft zwischen den Geschlechtern, von der ich sprach.“

Ziel ist, die Überwindung der Überbestimmtheit des Verhaltens durch das Geschlecht im Sinne einer Selbstzensur (ich muss so handeln, denken, fühlen, weil ich dieses Geschlecht habe) oder einer allzu oft patriarchalen Fremdherrschaft.

So gilt es, Machtspielräume zu nutzen, um Geschlechterrollen flexibel zu machen und zum Kern der eigenen Bedürfnisse vorzudringen. Reine Befreiung von patriarchaler Herrschaft bedeutet hierbei noch nicht die Begründung positiver Freiheit. Diese entsteht mit dem Kultivieren einer (nicht nur) männlichen Haltung, eines ethos, der beginnt, mit Rollenzuschreibungen spielerisch umzugehen.

Traditionen müssen nicht ausgeschlossen werden – Transformation statt Revolution!

Hierbei muss es kein Widerspruch sein, sich auch traditioneller Bestände von Ideen und Texten zu bedienen: Auch Urtexte wie die der Bibel oder des Korans können unter dem Blickwinkel der feministischen Theologie neu entdeckt und interpretiert werden und historisch-kritisch in Relation zu ihrem Entstehungszeitraum und unserer Rezeptionsgeschichte ausgelegt werden. Nichts anderes macht man, wenn man Verfassungstexte, Deklarationen der Menschenrechte, Literatur und andere Texte (so unterschiedlich auch ihre performative Wirkung sein mag) im Lichte der Vielfalt menschlicher Lebensformen betrachtet, statt sie unterkomplex auf ihren oft patriarchalen Ursprung und Kontext zu reduzieren oder dort stehen zu lassen. Warum das alles? Nur so scheint es mir möglich zu sein, den Bedeutungsreichtum klassischer Texte zu bewahren und doch neue Narrative in dieses alte Bezugsgewebe zu spinnen. Auf diese Weise erscheinen Menschenrechte in ihrer Universalität als ein Anliegen, das männliche Identitäten nicht gefährdet, sondern transformiert hin zu einer Idee des Primates des Menschlichen vor dem des Männlichen.

Vorbilder für Rollenbilder

Diese Haltung muss man(n) einüben. Vorbilder sind hierbei sehr hilfreich! Und so scheint mir der feministische Mann keineswegs ein Paradox, sondern ein Weg der Überwindung der Ideen eines Geschlechterkampfes. Obama und Trudeau mögen sich öffentlichkeitswirksam so inszenieren. Es scheint mir aber mehr als eine bloße Attitüde zu sein. Dass man nämlich mit ganz anderen Tönen in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Frauen Wahlen gewinnt, zeigen die aktuellen, höchst traurigen und beunruhigenden Entwicklungen in den USA und andernorts. Deshalb scheint der Befund zweigeteilt: Auf der einen Seite gibt es sie, die emanzipativen Bewegungen der Transformation der männlichen Identität zum genuin menschlichen Ethos. Auf der anderen Seite fühlen sich Männer und Menschen im Allgemeinen von diesen Entwicklungen bedroht und streben mit Gewalt ein „rollback“ an.

Vielleicht ist die Auseinandersetzung zwischen den populistischen Strömungen allerorten  und demokratischen Kräften auch ein vielschichtiger Kampf um ein angemessenenes Bild von Männlichkeiten, männlichen Identitäten.

Hierbei dürfen wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen: Die Linien des Feminismus verlaufen nicht zwischen ausländischen und inländischen Männern, zwischen Islam und Westen oder in sonstigen, unterkomplexen und irreleitenden Oppositionen. Sie verlaufen zwischen denen, die ihren Hass gegen das „Andere“ immer ungehemmter ausleben oder aber legitimieren mit Bezug auf eine falsch verstandene Tradition und denen, die den Begriff des Humanismus als Menschenliebe mit neuem Gehalt füllen.

Philipp Hülemeier

Philipp Hülemeier

Philipp Hülemeier ist Master-Student der Philosophie mit den Schwerpunkten Ethik und politische Philosophie. Seine Interessengebiete reichen von klassischen bioethischen Fragestellungen bis hin zu den Themenfeldern der Theologie in ethischen und politischen Kontexten. Hierbei ist ein Ausgangspunkt für ihn immer auch die Frage nach feministischen Perspektiven, auch und gerade als Mann*.
Philipp Hülemeier

› tags: Andrologie / Barack Obama / Feminismus / Feminist / Geschlechterdenken / Geschlechterrollen / Humanismus / Identität / Julian Nida-Rümelin / Justin Trudeau / Karl Marx / Männlichkeiten / Maskulin*identität_en / Papst Franziskus / Philosophie / Rollenbild / Simone de Beauvoir / Vorbild /

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