Tod der Filmkritik

30. September 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext / texttext

Die Kritik in der Kritik: Was für die Literaturkritik schon längere Zeit diskutiert wird, ist für die Filmkritik schon längst Realität. Die Filmkritik hat Flachatmung und ist dem Tode nah. Ein sehr kurzes Plädoyer für die Wiederauferstehung der Analyse.

Der Berliner Verleger Jörg Sundermeier beklagte jüngst bei dem Branchendienst Buchmarkt.de den Niedergang der Literaturkritik, welche nach und nach aus den Feuilletons verschwinden würde. Grund sei vor allem die anti-intellektuelle Stimmung im Land, ja, „intellektuell“ sei in manchen Teilen der Bevölkerung geradezu ein Schimpfwort. Damit einher geht die Angst der Kritiker, eine „Haltung“ einzunehmen. Diese Angst ist auch für die Filmkritik durchaus nicht unbegründet, sieht man sich auf diversen Pattformen wie auf moviepilot.de etwa die Kommentare unter Rajko Burchardts Kolumne Vincent Vegas Filmecke an. Das ist ein insgesamt tatsächlich bedauernswerter Zustand, der mit nichts zu entschuldigen ist, zumal die Kommentare oftmals weit unter der Gürtellinie sind – und ich möchte nicht wissen, wie viele justiziable Kommentare gelöscht werden müssen. Was erregt also den Zorn der Kommentator_innen?

Die Filmkritik ist mit wenigen Ausnahmen, wie den redlichen Bemühungen der Leute von critic.de und einigen Einzelpersonen keine Filmkritik mehr, sondern eine Filmbesprechung. Es finden sich dementsprechend jede Menge Leute, die sich für Filmkritiker_innen halten und doch nur Filmbesprecher_innen sind. Ermutigt durch das – Entschuldigung – Web 2.0 kann jeder Filmkritiker_in werden – das ist eine grundsätzlich positive Entwicklung, die jedoch dazu geführt hat, dass das Verständnis dafür verloren geht, was eine Filmkritik ist und was sie leisten soll. Sie enthält eben keine appellative Funktion, durch welche sie zur Rezeption aufrufen oder von ihr abraten möchte. Vielmehr dient sie der geistigen Auseinandersetzung mit dem Film und dessen Verortung im Überangebot kultureller Produktionen.

Dass diese Erkenntnis nur bei einem Teil der Filmcommunity vorhanden ist, lässt sich jede Woche bei Rajko Burchardt oder bei Wolfgang M. Schmitt ablesen. Oftmals schwingt in den Kommentaren der Neid mit, dass dort ein Mensch institutionalisiert als Kolumnenschreiber oder Self-Publisher auf YouTube eine Meinung vertritt, die mehr gelten soll als die eigene. Es fehlt das Verständnis dafür, warum der eine Filmkritiker_in ist, und der andere „nur“ Kommentator_in. Der verächtliche Blick dient der Auflösung des vertikalen Verhältnisses von Kritiker_in zu Leser_in – gelegentlich auch zurecht. Das Problem ist jedoch das Folgende:

Gerade weil Film so leicht zu verstehen ist, ist er so schwer zu erklären – Christian Metz (Semiologie des Films, S. 101)

Gerade die Kommentarkultur auf moviepilot zeigt, wie schwierig das Verhältnis der User_innen zum Film ist. Film ist in der Regel ein konsumorientiertes Hobby, welches im besten Sinne leidenschaftlich betrieben wird. Selbstverständlich soll jeder dazu eine Meinung haben und diese vertreten dürfen. Doch nur wenigen Filmfanatikern ist klar, wie komplex Film in seinen vielfältigen Dimensionen der Bedeutungsorganisation, Produktionskultur, Ästhetik, Technik etc. ist. Vor allem das Verständnis für die Entstehung von Bedeutung im Film und die kritische Betrachtung von zeichenhaltigen Strukturen der Bildsprache, mis-en-scéne, der Montage usw. ist nahezu verschwunden. Denn viele Filme sind, wie Metz richtigerweise schreibt, leicht zu verstehen. Tatsächlich ist Film aber schwer zu erklären. Dazu benötigt man viel analytisches Verständnis um die Vielzahl von bedeutungskonstituierenden Elementen (Bild, Ton, Musik, Rede, diegetischer Raum, kultureller Kontext der Handlung etc.). Deshalb hatte ich bereits vor einiger Zeit ich einmal dafür plädiert, Filme zu lesen – das gilt heute mehr denn je.

Die Filmkritik hat es versäumt, gegenzusteuern und die Komplexität des Gegenstands Film adäquat zu erklären. Stattdessen hat sich die Kritik auf Geschmacksurteile, gelegentliche Polemiken und Besprechungen konzentriert. Das war ein Fehler.

Die Filmkritik wird meist von der Filmbesprechung unterschieden, die als Serviceleistung für den Kinobesucher dient und meist neben einer Inhaltswiedergabe eine wertende Empfehlung enthält. Der Filmkritik dagegen geht es dagegen darum, den Film in ästhetische, technische, ökonomische, soziologische oder philosophische Rahmen zu stellen und mittels des Films einen Diskurs um tiefenideologische und ästhetische Bedeutungen zu eröffnen. – Hans Jürgen Wulff, (Lexikon der Filmbegriffe)

Diese Entwicklung dieser Filmkritik (so wie ich sie beobachte) ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ich plädiere daher für eine neue Filmkritik, die sich wieder der Analyse zuwendet. Denn der Begriff der Kritik ist tot. Die Kritik verkommt zu einer Spielwiese derjenigen, die Film – und das mag in mancher Hinsicht durchaus seine Berechtigung haben – als reines Unterhaltungsmedium sehen wollen. Dabei sollte besonders die wertende Kritik endlich zu Grabe getragen werden; sie dient letztlich nur der Vermarktungslogik einer wachsenden Filmindustrie, die auf die Besprechungen angewiesen ist.

Die Neue Kritik sollte ihren Gegenstand wieder ernst nehmen und ihn sich genau ansehen und sich nicht mit Urteilen begnügen. Manche Kritiker sind sich dessen noch oder wieder bewusst, so schrieb Jan Künemund zur HBO-Serie Looking in der TAZ über die Kritik zur Serie: „Diese Kritik ist wenig analytisch, da sie kaum mit dem umgeht, was tatsächlich im Bild ist.“ – Na dann!

Es muss dabei nicht immer so ausufernd sein wie kürzlich David Bordwells überaus großartige Analyse von Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit. Es müssen auch nicht die ebenso großartigen Videoessays von Matt Zoller Seitz mit dem Titel „The Substance of Style“ zur oftmals geschmähten Oberfläche von Wes Andersons Filmen sein. Es muss nicht, könnte aber.

Kilian Hauptmann

Kilian Hauptmann

Kilian Hauptmann studierte "Kulturpoetik der Literatur und Medien" an der Uni Münster. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit semiotischer Literatur- und Medientheorie, realistischer Literatur und Film, postmodernem Film, sowie Texten aus den 1960er und 1970erJahren. Er ist wissenschaftlicher Koordinator des DFG-Graduiertenkollegs 1681/2 Privatheit und Digitalisierung an der Universität Passau.
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