Die Instrumentalisierung des Schulddiskurses in Max Frischs Andorra – Teil III

18. Juli 2016 - 2016 / Allgemein / texttext

Teil III: Antisemitische Tendenzen

Anknüpfend an die mangelnde Konkretheit in der Verarbeitung des nationalsozialistischen Kontextes, die in Teil II: Modell vs. Zeitgeschichte behandelt wurde, empfiehlt sich eine kritische Re-Lektüre des Dramas im Hinblick auf die darin anklingende antisemitische Disposition. Andorra entwickelte sich zu Max Frischs erfolgreichstem Drama1 und wurde im deutschsprachigen Raum vorwiegend positiv rezipiert. Unter den wenigen negativen Kritiken gibt vor allem Friedrich Tor­bergs Einwand in Das Forum Anstoß zur genaueren Analyse:

[S]ie [die Juden] sind keine Modelle, sie sind keine austauschbaren Objekte beliebiger (und ihrerseits aus­tauschbarer) Vorurteile, wie ja auch der Antisemitismus kein beliebiges (und seinerseits austauschbares) Vorurteil ist“.2

Indem Frisch den Juden als Beispiel wählt – da er die Schuldsituation seiner Meinung nach am deut­lichsten darstellt3 – in­strumentalisiert er das Judentum zum Vorführungsobjekt. Gleiches gilt für die Thematisierung des Antisemitismus, die nicht der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung dient, son­dern nur Beispiel für die Dynamik des Bildnismachens ist.

Die Ergänzung, „dass es aber auch andere treffen könne“,4 bestätigt die beliebige Austauschbarkeit. In Andorra konstruiert Frisch den Holo­caust als universales Modell, das keine Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden macht.5 Die Prämisse, alle Menschen seien gleich und Unterschiede nur Resultat kultureller Konstruktion, ist eine Uto­pie. Frisch verdrängt damit einerseits, dass nur die Akzeptanz von Differenzen zu einer wirklich multikulturellen und friedvollen Gesellschaft führt.6 Andererseits spricht er dem Judentum das Recht auf die Einzigartigkeit seines Glaubens und seiner Kultur ab. Besonders deutlich wird die Diffamierung durch das Fehlen eines Gegenentwurfs zum stereotypen Judenbild.7 Obgleich Frisch mit Andorra vor der verhängnisvollen Wirkung von Bildnissen warnen will, setzt er dem von Vorurteilen geprägten Bildnis des Juden nichts entgegen.

Christliche Symbolik

Eine weitere Problematik in Frischs Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ist die Aufladung des Dramas mit christlicher Symbolik. Auf diese geht Yahya Elsaghe in seiner Monographie Max Frisch und das zweite Gebot ein, in welcher er Andorra „eine Enteignung der jüdischen Leidensge­schichte“8 vorwirft. Hier seien als Beispiel die Gliederung des Dramas in 12 Bilder,9 die Figur des Paters, die zahlreichen Bibelreferenzen und die an eine Beichte erinnernde Szenen in der Zeugenschranke genannt. Das Spannungsverhältnis, das sich aus der Verbindung von christlicher Sym­bolik und jüdischer Leidensgeschichte ergibt, beschreiben Caroline und Frank Schaumann als Christianisierung des Holocaust.10 Durch die Einbettung in christliche Symbolsprache ist eine aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Schulddiskurse in Andorra zweifel­haft. Eine adäquate Verarbeitung der ‚Deutschen Schuld‘ erfordert eine Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Antisemitismus und Holocaust, an deren Anfang wie­derum die Beschäftigung mit dem Judentum und seiner Kultur stehen muss. Eine aufgeklärte Beschäftigung mit dem stereotypen Judenbild kann bei gleichzeitiger Christianisierung nicht stattfinden.

Der Nicht-Jude als Jude

Der prädominante Anhaltspunkt für die antisemitische Tendenz Andorras findet sich schließlich auf inhaltli­cher Ebene. Das Vergehen der Andorraner ist nicht ihr antisemitisches Verhalten, sondern die Wahl des falschen Opfers. Da sie Andri für einen Juden hielten, scheint ihr von antisemitischen Vorurteilen geprägter Umgang mit ihm wie auch seine Auslieferung an die Schwarzen gerechtfertigt.

„Ich gebe zu: Ich hab ihn nicht leiden können. Ich hab ja nicht gewußt, daß er keiner ist, immer hat’s geheißen, er sei einer. Übrigens glaub ich noch heut, daß er einer gewesen ist.“ (Andorra, S. 55)

Der Un­tergang des vermeintlichen Juden beruht auf einem Missverständnis und bekräftigt das Vor­urteil vielmehr, als es zu kritisieren.11 Hans Weigel stellt fest: „Max Frisch hat das angestrebte Gleichnis nicht verwirklicht. […] Wer gegen Vorurteile und ihre grausigen Konsequenzen ist, braucht Andor­ra nicht“.12 Indem Frisch Andri zu einem Nicht-Juden macht, verdeutlicht er zwar die Macht von Bild­nissen, die einen Nicht-Juden zum Juden machen, vernachlässigt aber die kritische Auseinandersetz­ung mit dem Antisemitismus und der daraus resultierenden Judenverfolgung.


Schlussbemerkung zur Andorra-Trilogie

Rückblick

Eine der umstrittensten Fragen im Kontext der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Andorra bleibt, in welchem Verhältnis die Thematik der Schuldfrage und die verheerende Wirkung von Bildnissen zueinander stehen. Die allgemeine Zentralität der Bildnisthematik im literarischen Schaffen Frischs spricht dafür, dass es auch in Andorra um die Abhandlung der Bildnisthematik unter dem Deckmantel der Schuldfrage geht. Seine strukturelle Entsprechung findet das Bildnismotiv in Ge­stalt des Modells. Obgleich das Drama stetig zwischen Abstraktion und Konkretion oszilliert, domi­niert der Modellcharakter gegenüber den Bezügen zur Zeitgeschichte. Durch den Verzicht auf klare, zeitgeschichtliche Verweise entzieht sich Andorra der Schuldproblematik. Die Schuldfrage bleibt trotz der Parallelen zum Nationalsozialismus im Gleichnishaften und bietet dem Rezipierenden kei­ne Lösungsangebote.13 Ungeachtet der starken Betonung des Modellcharakters handelt es sich dennoch um ein Zeitstück, das nicht ohne die vorangehende Geschichte möglich wäre. Nach der allgemeinen Verdrängung in den 50er Jahren sorgte der medial wirksam inszenierte und von der Weltöffentlichkeit genau beobachtete Eichmannprozess in den 60er Jahren für die große Popularität des Schulddiskur­ses. Trotz der überwiegend positiven Re­zeption Andorras blieb Kritik nicht aus. Ausgehend von Friedrich Torbergs Vorwurf, Frisch degradiere das Ju­dentum und den Antisemitismus zu Modellen, erstrecken sich die antisemitischen Tendenzen von der gestalterischen bis zur inhaltlichen Ebene. In Anbe­tracht der antisemitischen Disposition ist eine aufrichtige Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der deutschen Schuld auszuschließen.

Fazit

Max Frischs Andorra ist ein komplexes Drama, das sich nicht eindeutig auf eine Thematik eingren­zen lässt14 und durch seinen Modellcharakter offen für Interpretationen bleibt. Dennoch kann der anfangs aufgestellten These, der Schulddiskurs diene der Darstellung der Bildnisthematik, zuge­stimmt werden. Im Zentrum des Dramas steht zwar die Schuld der Andorraner, diese entsteht je­doch durch das Anfertigen eines starren Bildnisses15 und nicht, im Sinne der Schuldfrage, durch ihr antisemitisches Verhalten und die Auslieferung Andris. Durch die Subsumtion des Antisemitismus unter die Bildnisthematik kommt es zu einer problematischen Verharmlosung des historischen Tat­bestandes.16 Während die Ausgestaltung der Bildnisthematik durch Stringenz überzeugt, ist eine ad­äquate Verar­beitung des Schulddiskurses gescheitert. Das Drama ist ein Vexierbild mit ständig wechseln­den Fa­cetten, das zwar keine Antwort auf die Frage nach der Schuld findet, sich diese aber auch nicht zum Ziel gemacht hat.17 Obgleich der Schulddiskurs zur Darstellung der Bildnisproble­matik instrumenta­lisiert wird, handelt es sich bei Andorra dennoch um einen wichtigen, wenn auch nicht unproblema­tischen Beitrag zum Korpus der Nachkriegs- und Holocaustliteratur.18


1Frisch: Andorra, S. 146.

2Ebd., S. 147.

3Ebd., S. 145.

4Ebd.

5Ladislaus: ‚Insanity in the Darkness‘, S. 556.

6Schaumann C.; Schaumann, F.: Max Frisch’s Andorra, S. 68.

7Ebd., S. 66.

8Vgl. Elsaghe, Yahya: Max Frisch und das zweite Gebot. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2014, S. 81.

9Vgl. Die 12 steht im Christentum als Heilige Zahl für die Begegnung Gottes mit der Welt; 12 Apostel etc.

10Ebd., S. 67.

11Petersen: Max Frisch, S. 70.

12Weigel, Hans: Warnung vor Andorra. In: Frischs Andorra. Hrsg. von Walter Schmitz u. Ernst Wendt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 225-229; hier S. 226-227.

13Castellari: Max Frisch, S. 323.

14Frisch: Andorra, S. 157.

15Soennecken: Die Bildnisthematik, S. 45.

16Ladislaus: ‚Insanity in the Darkness‘, S. 556.

17Frisch: Andorra, S. 157.

18Schaumann C.; Schaumann, F.: Max Frisch’s Andorra, S. 69.

Mina Janoschka

Mina Janoschka

Jasmina Janoschka hat ihren Bachelor in 'Historisch orientierten Kulturwissenschaften' gemacht und ist Studierende des Masterstudiengangs 'Kulturpoetik der Literatur und Medien' an der WWU Münster. Sie hat nicht nur ein Faible für kompliziert klingende Studiengänge, sondern interessiert sich auch für Fantasy, Sci-Fi, Dystopien und polnische Kultur. Weil eine gute Work-Life-Balance nur wieder so ein Trend ist, textet sie nebenbei noch für ein Berliner Startup und schreibt regelmäßig für den MusikBlog.
Mina Janoschka

› tags: Andorra / Antisemitismus / Ausländer / Deutsche Schuld / Deutschsprachige Literatur / Drama / Instrumentalisierung / Klassiker / Literatur / Max Frisch / Nationalsozialismus / Nazis / Schuldfrage / Stereotyp / Vorurteile /

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