„Die Prüfung“ – Selektion einmal menschlich

8. Juni 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext

Ob Wohnungssuche, Bewerbungsgespräch oder Partnerwahl, der Prozess der Selektion findet sich in vielen Situationen unseres Alltags wieder. Mal urteilen wir, mal wird über uns geurteilt: Fremde Personen „vom Fach“ entscheiden dann über unsere Eignung, oft in einer höchst artifiziellen und punktuellen Situation. Der Dokumentarfilm „Die Prüfung“ von Till Harms (Trailer) nimmt dieses Erlebnis zum Anlass, um zu hinterfragen, wie ernst nehmen, wie schwierig machen es sich die Prüfer auf der anderen Seite des Tisches, das Können und die Leistung der Individuen, für welche die Performance wichtig und manchmal entscheidend für den Fortgang des weiteren Lebens ist, einzuordnen.

Der Film begleitet den Auswahlprozess der Anwärter für den Bachelor-Studiengang Schauspiel an der Hannoveraner Hochschule für Kunst, Schauspiel und Musik. Über 9 Tage hinweg dokumentiert er die Absurdität und Schwierigkeit, denen die Prüfer ausgesetzt sind, bei 687 Bewerbern die 10 geeignetsten und talentiertesten ausfindig zu machen – ein schier unmögliches Unterfangen, denkt man. Es wechseln sich dabei stille Beobachtungen der Vorsprechen und der Evaluationen der Prüfer_innen mit persönlichen Interviews der Lehrenden und Studierenden ab. Der enorme Aufwand des Verfahrens wird eindrücklich durch die Austauschbarkeit der einzelnen dargestellten Situationen an den verschiedenen Tagen, an welchen sich das Prozedere wiederholt, dargestellt und inhaltlich trotzdem von der Einzigartigkeit der zu Prüfenden relativiert und durch die individuellen Emotionen der Charaktere spannend gehalten.

Im Kampf der Lehrenden mit der scheinbar nicht zu bewältigenden Masse der Prüflinge und dem Anspruch, einem jeden seine Chance zu geben, ihnen seine persönliche Leistung zu präsentieren, entspinnen sich zutiefst komische Situationen, die von der Kamera dokumentiert werden, aber auch indirekt in den Köpfen der Zuschauer_innen durch den Aufbau des Films und der Art der Darstellung entstehen. Die Absurdität in diesem Überlebenskampf, in dem nur der Fitteste den Auswahlprozess übersteht, rehabilitiert zum einen die Auswahlkommission, die sich sichtlich Mühe gibt und ihre Arbeit sehr ernst nimmt, hinterfragt aber auch die Situation und den Prozess der Selektion im Allgemeinen.

Selten wurde im Kino so herzlich und gleichzeitig ehrlich über ein Auswahlverfahren berichtet. Endlich steht die erfrischende Perspektive der Prüfer_innen und nicht die Fokussierung auf die siegreichen und gescheiterten Prüflinge in Kontrast zu bekannten Formaten, die massenweise im Fernsehen Aspiranten vorführen, und obwohl eine klassische Inhaltsangabe des Dokumentarfilms nichts Großartiges zu versprechen vermag, so findet man mit „Die Prüfung“ doch einen Film, der es schafft, den Kontext der alltäglichen Selektion in Form des Aufnahmeverfahrens aufzugreifen und so daran zu erinnern, dass die Prüfer_innen im Endeffekt doch auch ’nur‘ menschlich sind.
Ab dem 09.06.2016 ist “Die Prüfung” im Cinema auch in Münster zu sehen.

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel

Jürgen Gabel hat nach dem Bachelor der "Kulturwirtschaft" in Passau beschlossen, dass Literatur sein Ding ist und schließt gerade den Master "Kulturpoetik" in Münster ab. Er interessiert sich für Gegenwartslyrik, Unternehmenskommunikation, Italien und alle anderen schönen Dinge des Lebens.
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