Berlinale – aus den Augen eines Erstlings

27. Februar 2016 - 2016 / Allgemein / bildtext

Wir waren im Kino. Also genau genommen waren wir zu fünft innerhalb von zehn Tagen 56 Mal im Kino – auf der Berlinale nämlich. Wie das so ist, welche Filme vom Hocker rissen und welche vermeintliche Tendenz zu erkennen ist, lest ihr hier. Achja, und die Stars natürlich! Die Stars!

Neben Filmen schauen, ist die Berlinale doch vor allem auch eins: In Schlangen anstehen und warten. Früh morgens um acht darauf warten, dass der Ticketschalter geöffnet wird, vor jedem Kino darauf warten, dass man eingelassen wird, nach den Filmen darauf warten, dass die Gespräche mit den Regisseuren vorbei sind.
Dann versucht man so schnell wie möglich von einem Kino ins andere zu gelangen (meist zwischen Potsdamer Platz, Zoologischer Garten und Alexanderplatz) und kommt sich dabei schnell vor wie Tom Schilling in “Oh Boy”, verzweifelt auf der Suche nach einem Kaffee für Zwischendurch. Wach bleiben!!! Das ist wichtig. Bei bis zu fünf Filmen am Tag, greift man vor allem zu den Mitteln Koffein und Powernap im Kinosessel. Wenn man nicht von seinem eigenen, sondern von dem Schnarchen einer anderen Person wieder wach wird, ist alles gut gegangen. Denn Schnarchen kommt durchschnittlich dreimal pro Film vor. Etwa genauso oft ist Handyklingeln zu verzeichnen, obwohl man ja meinen müsste, Cineasten lägen Wert auf ungestörten Filmgenuss. Interessant (aber nicht weiter verwunderlich) ist die während der zehn Berlinale-Tage exponentiell zunehmende Anzahl an Hustenanfällen – gerne zu Beginn des Films (schnell noch einmal alles abhusten, bevor es richtig losgeht mit Dialogen und so). Gefühlt noch häufiger entdeckt man allerdings Feuilleton-Leser. Diese trifft man tatsächlich überall an: morgens beim Anstehen, mittags beim U-Bahn-Fahren, nachmittags beim Kaffeetrinken und zwischendurch sowieso in jedem einzelnen Kinosaal, so lange das Licht noch an ist.


Top 5

Nun aber Licht aus und Vorhang auf für die sehr persönlichen und unter rein subjektiven Gesichtspunkten ausgewählten Top 5 der Autorin, die gleichzeitig als Rezeptionsempfehlung zu verstehen sind, falls sich einmal die Gelegenheit dazu ergeben sollte.

mit 17

Corentin Fila und Sandrine Kiberlain in „Quand on a 17 ans“
© Luc Roux; Wild Bunch

 

Top 5 Warum?
Quand on a 17 ans

(Being 17)
Drama, F
von A. Téchiné
mit S. Kiberlain

Ich habe geweint, gelacht, bin sehr berührt gewesen und war beeindruckt, wie das Thema Homosexualität angegangen wurde. Mir schien, als wurde gar nicht so viel Wind um die Sache gemacht, sondern vielmehr um eine Liebesgeschichte zwischen zwei ungleichen jungen Männern an sich.
Des nouvelles de la planète Mars

(News from planet Mars)
Komödie, F/BEL
von D. Moll
mit F. Damiens, V. Macaigne

Eine schwarz humorige Komödie, die Verrücktheit als etwas positiv Menschliches in den Vordergrund rückt. Es hätte in der Handlung natürlich auch so einiges “schief laufen können”, dann wäre aus einer Komödie ganz schnell ein Drama geworden, aber eben genau diese Gratwanderung macht den Film spannend und lustig zugleich.
24 Wochen

Drama, D
von A. Z. Berrached
mit J. Jentsch, B. Mädel
Mutig, sich an ein solches Thema heranzuwagen und den Film so ausgehen zu lassen, wie er ausgeht: Bei einem ungeborenen Kind werden Downsyndrom und ein Herzfehler diagnostiziert und die Eltern vor eine Entscheidung gestellt, die eigentlich nicht die ihre ist und bei der es kein Richtig und kein Falsch gibt. Nach einem schwächeren Beginn wird der Film und die schauspielerische Leistung immer stärker und haut eine_n zum Ende hin regelrecht um.
Smrt u Sarajevu / Mort à Sarajevo

(Death in Sarajevo)
Komödie/Satire, F/BIH
von D. Tanović
mit J. Weber, S. Vidović

Im “Hotel Europa” geht es drunter und drüber: Streik, Korruption, geheime polizeiliche Überwachung, Konflikte, die nach Jahrzehnten nicht überwunden sind, drohender Bankrott und ein Politiker, der sich als Schauspieler entpuppt – fällt irgendwas auf?
S one strane

(On the Other Side)
Drama, HRV/SRB
von Z. Ogresta
mit K. Marinković

Die Kamera folgt stumm dem Alltag einer Frau mittleren Alters in Zagreb. Sie bekommt Anrufe von ihrem Mann, den sie zwanzig Jahre lang nicht gesehen hat. Im Bosnienkrieg war er Befehlsführer für schlimme Verbrechen und wurde dafür verurteilt. Nun ist er aus Den Haag zurückgekehrt und sucht den Kontakt zu seiner Familie. Es passiert lange Zeit nicht viel, doch als man den Film schon fast als einen mittelmäßigen Beitrag abhaken will, nimmt er plötzlich eine völlig unerwartete Wendung.

 

Tendenz Homosexualität

Auffällig ist außerdem, dass unter den von uns gesehenen 56 Filmen, immerhin 14 waren, die das Thema Homosexualität zum Haupt- oder Nebengegenstand hatten (siehe Liste am Ende). Und das ist schon rein gefühlt eine ganze Menge – noch interessanter wäre sicherlich ein Vergleich zu den letzten Berlinale-Jahren und die Betrachtung der Berlinale in einem Jahr unter diesem Aspekt. Die Frage ist hier nur: Heißt das, Homosexualität ist “in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen” oder heißt das, der Wunsch danach und die Forderung, dass es so sei, wird immer stärker und dringlicher?

theo hugo

Geoffrey Couët und François Nambot in „Théo et Hugo dans le même bateau“
Maxence Germain © Ecce Films; Epicentre Films


Stars und Glamour

Und jetzt, passt auf, jetzt kommt es: die Stars! Nachdem wir George Clooney (!), Charlize Theron (!!) und Jude Law (!!!) äh…verpasst hatten, machten wir schließlich doch noch den ganz großen Fang und trafen auf eine Koryphäe des deutschen, wenn nicht gar des internationalen Filmgeschäfts. Im funkelnden Blitzlichtgewitter betrat er den roten Teppich, um seinen neuen Film vorzustellen: Jimi Gonzales Ochsenknecht!!!!11!elf!1!! Oder doch Wilson Blue? Egal, Glamour-Feeling: check.

 

Von den Kulturproleten insgesamt geschaute Filme (56):

alphabetisch geordnet
H = thematisiert Homosexualität

24 Wochen
4 Könige
Alone in Berlin (Jeder stirbt für sich allein)
Aloys
Baden Baden
Berlin-Harlem – H
Brüder der Nacht [Doku] – H
Cartas da guerra (Letters from War)
Colonia Dignidad
Creepy
Democracy – Im Rausch der Daten [Doku]
Den allvarsamma leken (Ein ernsthaftes Spiel)
Der Ost-Komplex [Doku] – H
Des Nouvelles de la Planète Mars (News from planet Mars)
Die Geträumten
Die Prüfung [Doku]
Dog Days – H
Ein Atem
Elixir
Fuocoammare [Doku]
Genius
Goat
Havarie [Doku]
How Heavy this Hammer
Inside the Chinese Closet [Doku] – H
Indignation
Jonathan – H
Junction 48
Junges Licht
Kate plays Christine
Kater – H
Kiki [Doku] – H
Kollektivet (Die Kommune)
Kurzfilme 2 – H
Lantouri
La Route d’Istanbul (Road to Istanbul)
Les premiers, les derniers (The First, the Last)
Life on border
Mahana
Mort à Sarajevo (Death in Sarajevo)
Ottaal
Quand on a 17 ans (Mit 17) – H
Ranenyy Angel (The Wounded Angel)
Rio Corgo
Splitting up together (E 1&2) [Serie]
Strike a pose [Doku] – H
S one strane (On the other side)
The ones below
Théo et Hugo dans le même bateau (Paris 05:59) – H
The Revolution Won’t Be Televised
Tempestad
TORO – H
Valderama
What’s in the Darkness
Wu Tu (My Land) [Doku]
Zjednoczone stany miłości (United States of love) – H

 

Theresa Langwald

Theresa Langwald

Nach ihrem Bachelorstudium in Tübingen, wanderte Theresa Langwald vorübergehend nach Frankreich aus, wo sie für den Kultursender ARTE arbeitete. Mit einer freien Mitarbeit bei der Zeitung und einer Hospitanz beim Radio komplettierte sie ihr selbstgebasteltes Mini-Volontariat. Ab und zu schreibt sie auch für den MusikBlog. Doch es sollte noch ein Masterabschluss her. "Irgendwas mit Medien UND Literatur" eingetippt, sagte die Internetsuchmaschine zu ihr: "Kulturpoetik der Literatur und Medien", ab nach Münster!
Theresa Langwald

› tags: Berlinale / Film /

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